Kleine Kritik am neuen Freitag

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Erst spät möchte ich mich zum neuen Freitag äußern, weil ich das Experiment zunächst beobachten wollte.
Eine simple Beobachtung sei vorangestellt: Ich lese den Freitag inzwischen seit Längerem und habe mir angewöhnt, ihn in Häppchen über eine Woche verteilt zu lesen, bis ich den neuen Freitag in den Händen hielt. Je nachdem, wie es mir meine Zeit erlaubte, klappte das mal gut, mal weniger gut, aber dafür hatte ich den Freitag stets von vorn nach hinten durchgelesen. Herr Augstein hatte zu der Umwandlung angekündigt, jede einzelne Ausgabe würde trotz Werbung sogar mehr Text beinhalten. Das mag auf dem Papier mit nun drei Büchern so sein. Mittlerweile ist aber die Titelseite zur Hälfte mit einer Grafik belegt, die sich in etwa auf dem handwerklichen Niveau einer besseren Schülerzeitung befindet, und auf Seite 2 prangt das Füllsel eines lächerlichen Inhaltsüberblicks, der bei einer Zeitung dieser Stärke so nötig wie ein Kropf ist. Deshalb wundert es mich kaum, dass ich den gesamten Freitag inzwischen in deutlich geringerer Zeit ausgelesen habe als früher. Dabei räume ich gern ein, dass das nicht allein von der Menge der Buchstaben herrührt. Nein, ich beobachte auch genau die Aufweichung der Texte, die ich befürchtet hatte, als Herr Augstein vollmundig das große Projekt ankündigte, die Leser Teile seiner Zeitung schreiben zu lassen. Mehr und mehr rücken Texte von Bloggern in den Vordergrund, ohne dass sie es verdienten. Dabei verdrängen sie echte journalistische Arbeiten, sieht man mal von den eingekauften Texten des Guardian ab. Buchrezensionen wie die von Axel Woerner über einen Drachenroman (bitte nicht persönlich nehmen, lieber Herr Woerner) mögen mit ihrer Versicherung, das Buch sei "auch dem intellektuellen Leserkreis" zu empfehlen, einen putzigen Eindruck erwecken, in einer Zeitung wie dem Freitag erscheinen sie mir aber in ihrer Qualität absolut deplatziert. Und zwar nicht wegen des Genres, sondern weil sie in ihrer Blutleere wirken, als entstammten sie einem Fanzine.
Es scheint sich also eine Befürchtung zu bewahrheiten, die ich bereits hatte, als ich zum ersten Mal über die Idee der Leserautoren informiert wurde: Ohne die genaue Entlohnung zu kennen, rate ich mal, dass diese Texte den Verlag wesentlich billiger kommen - billiger sind sie aber auch in inhaltlicher Hinsicht. Sie halten nämlich nicht das Niveau, das der Freitag mal versprochen hatte.
Das Gemaule mancher Leser, sie wollten keine Meinungen lesen, ist übrigens lächerlich. Schon vorher standen im Freitag vornehmlich Meinungen; wie in jeder anderen Zeitung von der Bild bis zur Frankfurter Allgemeinen auch. Nicht hier liegt das Problem, sondern in der Qualität der Texte, denn nicht jeder, der schreiben kann, kann gut schreiben.
Das führt mich zu einem Punkt, der mir etwas unangenehm ist. Ich schätze Herrn Augstein, weil er den Versuch unternommen hat, eine mir liebe Zeitung zu retten. Aber es sei ihm hiermit doch gesagt, dass der Herausgeber nicht verpflichtet ist, in jeder Ausgabe präsent zu sein. Und das ist er umso minder, wenn er offenbar so wenig mitzuteilen hat, dass er sich zu Texten wie den "Chinesen im Harz" oder der Gärtnerreihe mit seinen Erlebnisse beim Teichbau zwingen muss. Wobei mich die Gärtnerreihe in gewisser Weise positiv überrascht. Hier schweift er nämlich aus. Und schreibt lange Sätze. Sätze mit mehr. Als drei. Worten. Entschuldigen Sie bitte, lieber Herr Augstein, mir ist bekannt, dass eine gewisse Journalistengeneration der Meinung ist, es sei hip, seinem Lesepublikum abgehackte Sätze hinzurotzen. Vertrauen Sie mir aber bitte auch, wenn ich Ihnen sage, dass es grunddämlich klingt. Und ich glaube kaum, dass Sie damit ein neues Publikum gewinnen werden; die entsprechenden Leser surfen nämlich lieber durch Blogs. Womit ich auf das vorletzte Thema zu sprechen komme.
Ausgerechnet die Idee, den Online-Freitag nicht nur mit einer Kommentarfunktion, sondern mit einer kleinen Blogplattform auszustatten, erschien mir anfangs besonders raffiniert. Warum aber um Himmels Willen hat die Redaktion keinen Profi rangelassen, der weiß, auf welchem Stand die Blogtechnologie inzwischen angekommen ist? So ist ein halbgares Ding entstanden, das kaum mehr als die allernötigsten Grundfunktionen eines modernen Blogs erfüllt. Die Formatierungsmöglichkeiten sind mau, Trackbacks und Pings kann ich nicht entdecken. Gerade das sind aber Markenzeichen der Blogkultur und werden den Nutzern vorenthalten. Wenn dann auch noch wiederholte Zugangsprobleme auftreten, bleibt man lieber bei professionellen Blogplattformen.
Ach ja, und einen kleinen Seitenhieb kann ich mir als Lektor nicht verkneifen: Legen Sie sich bitte dringend einen professionellen Schlussredakteur zu. Der wäre z. B. in der Lage, der Redaktion den Unterschied zwischen "zurzeit" und "zur Zeit" zu erklären. Außerdem würde er hoffentlich einen Fehler wie den "Rowdy einer russischen Rockband" (!) im Freitag 10 verhindern. Sollte das Geld für einen Schlussredakteur nicht reichen, dann spendieren Sie der Redaktion bitte einen Duden oder einen Wahrig oder irgendwas anderes, wo sie mal nachschlagen kann. Alles andere wird nämlich auf lange Sicht dazu führen, dass der Freitag die Osnabrücker Zeitung als Dauerwitzblatt im Hohlspiegel ablösen wird.
Fazit: Gute Ideen allein reichen nicht. Man muss sie auch gut umsetzen. In diesem Sinne, weiter so!

20:49 07.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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