Deutschland, en Marche!

55 Jahre Élysée-Vertrag Man kann Gesellschaften nicht einfach mit dem visionären Vorschlaghammer reformieren - oder doch?
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Wer hätte noch vor sechzig Jahren gedacht, dass Deutschland und Frankreich Freunde werden? "Best buddies", wie wir auf Neudeutsch sagen? Wir alle wissen, dass Jahrzehnte der Erbfeindschaft Millionen Leben gekostet und ganze Generationen zu emotionalen Wracks gemacht haben - doch erst im Angesicht dieses Grauens besannen wir uns auf unsere Gemeinsamkeiten.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Europa ist ins Wanken geraten

55 Jahre nach Adenauer und De Gaulle ist jedoch nicht nur Europa, sondern insbesondere auch Deutschland ideell ins Wanken geraten.

Bis 1990 kämpfte man für die Wiedervereinigung, man wusste: Wir schreiben Geschichte. Danach ging es um den Ausgleich zwischen Ost und West, man wusste: Wir schaffen Einheit. Dann hielt man sich mit wirtschaftlichem und technologischem Aufschwung über Wasser, man wusste: Deutschland geht voran.
Doch heute ist die Marschrichtung seltsam diffus. Dieselskandal, BER, Flüchtlingskrise, Politikverdrossenheit: Die Welt ist wie so oft im Wandel, doch wir haben nicht den Hauch einer Ahnung, wie wir diesem begegnen sollen. Die Ideen der vergangenen Jahrzehnte geben keine Antworten mehr.
Und gerade weil es uns im Vergleich zu anderen Ländern ganz gut geht, fragen sich immer mehr: Wozu sind wir eigentlich noch hier?

Nicht nur der amerikanische Traum hat sein Ziel verfehlt und Donald Trump zur Präsidentschaft verholfen – auch die Träume der Deutschen, all das, was unser Leben prägt und wertvoll macht, ein „Deutschland in dem wir gut und gerne leben“ – es scheint zu scheitern.

Adieu Fehlerkultur

Deutschland und Europa gehen voran - doch die meisten Bürger bekommen davon gar nichts mit. Die Verteidigungsunion wurde eher am Rande erwähnt, kaum jemandem ist bewusst, dass Europäische Normen allein in der Lage sind, länderübergreifenden Konzernen und Organisationen die Stirn zu bieten. Und wer kennt schon das europäische GPS-Äquivalent Galileo?

Wir sind ständig damit beschäftigt, das Schlechte in uns selbst zu sehen, und vergessen dabei, die Schönheit unseres Schaffens zu würdigen und zu fördern. Wir brauchen Frankreich und Europa, um in einer globalisierten Welt zu bestehen - doch wir sind lieber damit beschäftigt, Dschungelprüfungen und politische Fehler zu diskutieren, anstatt die Wurzel des Übels "Politikverdrossenheit" anzugreifen. Wir ereifern uns über die Symptome und weigern uns, die ihnen zu Grunde liegende Krankheit zu bekämpfen. Emmanuel Macron hat das erkannt und dadurch die Herzen der Franzosen erobert. Wer sind wir, dass wir es wagen, da noch immer in der Tatenlosigkeit zu versinken?

Wir dürfen nicht zulassen, dass der neue Aufschwung der Deutsch-Französischen Freundschaft verpufft.

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Ein Deutsch-Französisches Kerneuropa

Emmanuel Macron bietet uns die Möglichkeit, Deutschland durch Frankreich ganz neu zu begreifen. Ständige Leitkulturdebatten reden um den heißen Brei herum: Leitkultur ist immer subjektiv und kann kein Land als Ganzes beschreiben. Es ist die klassische Symptomdiskussion, die keine eigenen Lösungen bietet.
Stattdessen brauchen wir eine klare Linie nach vorn: Deutschlands Zukunft ist mit Frankreich verbunden. Keiner kann mehr ohne den anderen, Europa kann nicht mehr ohne uns. Es kann uns darauf aufbauend gelingen, die Union auf ganz neue, stärkere Art zu reformieren.

Deutschland und Frankreich sind das weltweit wohl schönste Paradebeispiel menschlicher Räson. Doch wir können nicht immer nur an die Vernunft appellieren, sondern müssen die Bürger mitreißen, sie begeistern. Auch der schönste Freundschaftsvertrag ist nicht viel mehr als ein schnödes Stück Papier, wenn es nicht gelingt, aus dem Versprechen eine echte Bindung zu machen. Dafür brauchen wir tiefgreifende Kooperation, die Grenzen in allen Gesellschaftsschichten überwindet.

Wir müssen gemeinsam in die Zukunft blicken, indem wir es wagen, wieder visionär zu denken. Wir müssen uns Deutschen Frankreich schmackhaft machen, um dadurch Europa zu befeuern. Das gelingt, indem wir es wagen, wieder klare Worte zu fassen: Wir Deutsche sind ein Volk, das es wert ist, endlich über den eigenen Schatten zu springen und gemeinsam im Bewusstsein seiner historisch nahezu einmaligen Wendung zum Guten voranzuschreiten.

Den Worten müssen Taten folgen.

Denn wie sagte schon Bundespräsident Roman Herzog?

„Eine Gesellschaft lebt niemals nur aus Staat und Politik. Die großen Entwicklungen führt sie selbst, als Ganzes, herbei.“"

18:01 21.01.2018
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