Krisen über Krisen – things to come

Kommentar Coronapandemie, Klimakrise, autoritäre Wende, Haushaltskrise, Bildungskrise, humanitäre Krise... Wird 2021 zu einem Jahr der Krisen und was wäre eine gute Antwort darauf?
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Krisen über Krisen – things to come
Herzlich willkommen im Jahr 2021 – es wird leider krisenhaft bleiben

Foto: John Macdougall/AFP via Getty Images

Herzlich willkommen im Jahr 2021! Nachdem das Krisenjahr 2019 endlich abgelaufen war, wurden noch im ersten Quartal 2020 rasch all jene Lügen gestraft, die zum Jahreswechsel noch meinten, es könne nicht mehr schlimmer werden. Zur Erinnerung: 2019 – das erste so richtig bewusste Jahr der Klimakrise, das mindestens fünfte Jahr der Auseinandersetzung mit einer drohenden bis bedrohlichen autoritären Wende, der rechtsextreme Mord an Walter Lübcke am 1. Juni 2019 und am 9. Oktober der rechtsextreme Terroranschlag in Halle.

Und dann 2020: Der rechtsextreme Terroranschlag am 19. Februar in Hanau und wenig später im März der erste Lockdown der Geschichte angesichts einer Pandemie, die bis heute – angekündigt und doch unerwartet lange – auf ihren Höhepunkt zuläuft und die laufenden gesellschaftlichen Krisen der vorangegangenen Jahre weiter verstärkt. Also noch einmal: Herzlich willkommen im Jahr 2021 – es wird leider krisenhaft bleiben (wie der „Sturm auf das Kapitol“ symbolhaft und sehr real beweist, während diese Zeilen noch im Entstehen begriffen sind).

Die drei aktuell dominanten Krisen – Klimakrise, Coronapandemie und autoritäre Wende – zeigen in ihrem gemeinsamen Schnittpunkt – nicht nur, aber vor allem – zweierlei: die Dualität Informationszeitalter–Desinformationszeitalter und die mangelhafte Krisenfestigkeit neoliberal-demokratischer Gesellschaften. Ersteres könnte auch als Teilmenge von letzterem betrachtet werden – und letzteres als Teilmenge der allgemeinen Unzulänglichkeit des Kapitalismus.

Desinformationszeitalter

Das Informationszeitalter ermöglicht vielen Menschen, in Echtzeit politische, wissenschaftliche, ökonomische und soziale Prozesse und Prozessergebnisse zu verfolgen und auch in Maßen an ihnen teilzuhaben. Das setzt allerdings voraus, dass Menschen durch Bildung und Teilhabe in die Lage versetzt wurden und werden, selbstbestimmt und emanzipiert mit Informationen umzugehen – und/oder, dass Informationen so aufbereitet und vermittelt werden, dass sie für möglichst viele Menschen zugänglich und verstehbar sind. Erst dann ließe sich von einem Wissenszeitalter sprechen.

Es scheint leider allzu einfach, den öffentlichen Raum mit Fehl- und Falschinformationen zu fluten, ihn für Verzerrungen, Weglassungen, Verleugnungen und Umdeutungen zu missbrauchen und so Verwirrung, Misinterpretationen und destruktive Widerstände zu provozieren.

Diese Bedingungen sind jedoch nicht breit genug erfüllt, wie aktuell der Umgang mit Informationen zur Klimakrise und zur Coronapandemie belegt. Zwar besteht gerade hier ein breiter Zugang zu allen möglichen Informationen, aktuellen Studienergebnissen, Fachbüchern, Medienbeiträgen, Stellungnahmen etc. und es gibt auch viele Menschen, die sich unzählige Lorbeerkränze in der Wissenschaftskommunikation verdienen. Doch scheint es allzu einfach, diesen Raum mit Fehl- und Falschinformationen zu fluten, ihn für Verzerrungen, Weglassungen, Verleugnungen und Umdeutungen zu missbrauchen und so Verwirrung, Misinterpretationen und destruktive Widerstände zu provozieren und die ohnehin schon krisenbedingt vorhandenen Unsicherheiten und Ängste zu vergrößern oder falsche Sicherheiten zu verbreiten.

Nun gehören zu solcherlei Desinformationserfolgen mindestens zwei Parteien: Jene, die der Desinformation erliegen, und jene, die sie aktiv betreiben. Wenn es Letztere allerdings nicht gäbe, hätte Ersteres nicht so erhebliche Folgen. Da Letzteres in einer demokratisch fundierten Gesellschaft nicht verboten und Emanzipation davon unabhängig ein erstrebenswertes Ziel ist, kann Ersteres jedoch nicht außer Acht gelassen und schon gar nicht dauerhaft hingenommen werden. Helfen würden hier neben pädagogisch, didaktisch und technisch modernen Bildungsinstitutionen gesellschaftliche Akteure, insbesondere aus Medien und Politik, die Desinformationen entgegenwirken. Doch leider ist es gerade in diesen beiden Feldern nur allzu oft ein „Erfolgsmodell“, aus Desinformationen Kapital zu schlagen.

Kommunikationsdefizite

Schon in der Rezeption des Klimawandels und der Klimakrise gab und gibt es beispielsweise das mediale Phänomen, „ausgewogen“ Bericht erstatten zu wollen. Doch diese „Norm der ausgewogenen Berichterstattung, die nahelegt, in Konflikten beide Seiten neutral gegenüberzustellen“, führt geradewegs in eine „falsche Ausgewogenheit“, wie Brüggemann und Kolleg:innen in einem Arbeitspapier zum Klimawandel in den Medien (S. 7, pdf) schreiben. Für die Coronapandemie ist ähnliches zu beobachten. Es reicht ein halbwegs prominentes oder seriös anmutendes Gesicht, um fundierten wissenschaftlichen Betrachtungen mindestens eine widersprechende Stimme mit gleicher Wertigkeit gegenüber zu stellen, sodass der Eindruck entsteht, das spezifische Thema werde noch kontrovers verhandelt (Klimawandel existiert ja/nein; Coronavirus ist gefährlich ja/nein; Rechtsextreme sind rechtsextrem ja/nein). Und dieses Beispiel der falschen Ausgewogenheit ist nur eines unter vielen weiteren medialen Versäumnissen.

Doch damit soll es mit der Medienschelte auch schon reichen. Schließlich gibt es noch einen anderen einflussreichen Akteur, der angesichts multipler Krisen defizitär auftritt: politische Entscheidungsträger:innen. Für diese ist es in den vergangenen Jahrzehnten geradezu zum Sport geworden, sich möglichst undifferenziert, unangreifbar, oberflächlich bis nichtssagend auszudrücken, begleitet von der Unsitte, alles eigene Tun entweder abzustreiten (z. B. „ich kann mich nicht erinnern“) oder als Erfolg zu verkaufen (siehe Agenda 2010, Grundrente, „Kohlekompromiss“) und jede (Selbst-)Kritik im Keim zu ersticken. Natürlich gibt es Ausnahmen, vor allem jenseits der hegemonialen Akteure und Strukturen.

In einer intransparenten und unehrlichen Sprechblasenwelt wird die Orientierung für Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten bedeutend schwieriger.

In einer im Ergebnis intransparenten und unehrlichen Sprechblasenwelt, in der zudem – oder gerade deshalb – jede noch so absurde Theorie einen publikumswirksamen Auftritt haben kann, wird die Orientierung für Menschen mit (zumeist bildungs- und somit systembedingten) Orientierungsschwierigkeiten (sei es aus Unsicherheit, Ohnmacht, negativen sozialen Einflüssen, Zugangs- oder Verständnisproblemen) bedeutend schwieriger. Und gesellschaftliche Akteure, wie eine rechtsextreme und menschenfeindliche AfD, ein moralloser menschenfeindlicher Boulevard-Journalismus oder profitorientierte menschenverachtende Unternehmen, haben es sehr leicht, ihre Botschaften zu platzieren und ihren lebensfeindlichen Ideologien zur Verbreitung zu verhelfen.

Krisenjahr 2021

So treffen sich die Menschen in Deutschland nach einer besinnlichen Pause im Jahr 2021 wieder und stehen vor gewaltigen Herausforderungen: Die Pandemie wurde nicht nur verschleppt sondern potenziert, die menschengemachte Klimakrise (eine Ursache der Pandemie und möglicher folgender) schreitet ungebremst voran und steuert die Menschheit auf eine bis zum Ende des Jahrhunderts durchschnittlich rund 2 bis 4 Grad heißere Erde zu (d. h.: eine gerade noch bis kaum mehr bewohnbare Welt – im globalen Süden noch dramatischer als „bei uns“) und in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zwischen – sehr grob polarisiert – „Gutmenschen“ und Menschenfeinden weisen alle Zeichen auf Zuspitzung der Konfrontation.

Da passt es gut ins Gesamtbild, dass in diesem Jahr in Deutschland gleich vielfach gewählt wird: In mehreren Bundesländern und auf der Bundesebene selbst könnte es zu wegweisenden Regierungswechseln und einer Stabilisierung des parlamentarischen Einflusses rechtsextremer gesellschaftlicher Kräfte und somit zu einer weiteren Destabilisierung des parlamentarischen Systems kommen. Was dies für eine Eindämmung der derzeitigen Krisenvielfalt bedeuten würde, gerade auch für die in diesem Text bislang unerwähnt gebliebene humanitäre Krise an den Grenzen eines wertevergessenen und gewissenlos Menschenleben opfernden Europas, liegt auf der Hand.

Angesichts der üppigen öffentlichen Ausgaben in der Pandemie droht bald eine neue Gürtel-enger-schnallen-Mentalität, die zuerst und am stärksten die sozialen Teile der Haushalte treffen wird.

Die Furcht vor einer neuen Wirtschafts- und Finanzkrise trägt da nicht gerade zur Stabilisierung bei. Doch viel furchterregender erscheint die drohende Haushaltskrise der öffentlichen Hände vom Bund über die Länder bis hinunter zu den chronisch klammen Kommunen. Da die politische Hegemonie in Deutschland und Europa sich von Narrativ „Schulden = schlecht“ nicht lösen kann, droht angesichts der üppigen öffentlichen Ausgaben in der Pandemie ohne eine sozial gerechte Lastenverteilung bald eine neue Gürtel-enger-schnallen-Mentalität, die wiederum zuerst und am stärksten die sozialen Teile der Haushalte treffen wird.

Möglicherweise wird in diesem Jahr durch die Coronapandemie auch noch ein wichtiger sozialer Kipppunkt erreicht der vom öffentlichen Haushalt nicht losgelöst betrachtet werden kann: Das Bildungssystem – schon in den letzten Jahren durch dramatischen Personalmangel, bürokratische Überladung, wissenschaftlich überholte pädagogische Praxen und eine ungebrochene Selektionsideologie negativ aufgefallen – überschreitet die Grenzen seiner Belastbarkeit und rutscht in eine chronische Schieflage, die aktuelle gesellschaftliche Tendenzen noch zu verstärken droht, insbesondere das fortschreitende Auseinanderklaffen gesellschaftlicher Schichten, die immer weniger Kontakt zueinander haben und deren Grenzen immer weniger überwunden werden können. Beste Voraussetzungen für eine Fortsetzung des Desinformationszeitalters und seiner Krisen.

Ausblick

Wenn solche apokalyptischen Aussichten gemalt werden, besteht die Chance sich selbst erfüllender Prophezeiungen, weil Menschen entweder ganz schnell die Augen zu machen und die Krisen zur Aufrechterhaltung des eigenen Wohlbefindens ausblenden oder weil sie angesichts fehlender Handlungsmöglichkeiten ohnmächtig erstarren bzw. sich ins Private zurückziehen und jenen das Handeln überlassen, die aus der Krise Kapital zu schlagen gedenken.

Darum ist es wichtig, dass Problemaufrisse immer auch mit Handlungsoptionen flankiert werden, die für einzelne Menschen realisierbar erscheinen und sich auch so anfühlen.Bahadur und Kolleginnen haben 2013 mit Blick auf die Klimakrise aufgeschrieben, was krisenbewältigende Systeme so alles auszeichnet: Neben effektiven Organisationsstrukturen und der Akzeptanz und Anerkennung von Unsicherheit und Veränderung nennen sie auch die Einbeziehung von lokalen Gemeinschaften und lokalem Wissen, die Entwicklung von Vertrauen auf Basis gemeinsamer sozialer Werte und die Gewährung eines hohen Grades an sozialer und ökonomischer Gleichheit in der Bevölkerung. Gerade die letzten Punkte ließen sich auch als Grundbedingungen für ein solidarisches Gesellschaftsmodell begreifen und diese Parallele wäre nicht unsympathisch.

Statt aber gesellschaftliche Systeme auf dem politischen Weg widerstandskräftiger und widerstandsfähiger zu gestalten, ja überhaupt nur einen Diskurs darüber zu führen, was das in einer demokratisch verfassten Gesellschaft bedeuten könnte (eine aktuelle Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung stößt genau in dieses Horn), wird die Verantwortung auf die Schultern der Einzelnen und neoliberal Vereinzelten geladen. Das ist nicht nur verantwortungslos, sondern führt vielmehr auch gar nicht zu den behaupteten Wirkungen.

Bei komplexen, globalen Herausforderungen kann nicht einfach auf die Macht vernunftgeleiteter individueller Verhaltensänderungen gesetzt werden, weil das für viele Menschen in ihren alltäglichen Zwängen kaum möglich ist und weil die große Masse der Menschen mit ihrem Verhalten in der Summe die Schäden, die eine ausgewählte Minderheit allein schon anrichten, gar nicht ausgleichen kann. Für die großen Lösungen braucht es nun einmal eine überindividuelle, verbindliche Verabredung, für deren Aushandlung und Beschlussfassung es in Demokratien aus guten Gründen legitimierte Institutionen gibt.

Solidarische Gruppen sind Bastionen gegen die Individualisierung, gegen Einsamkeit und Lähmung.

Leider mangelt es auf der nationalen Ebene weltweit an solidarischen Gesellschaften, doch gibt es auf der regionalen und lokalen Ebene viele positive Beispiele solidarischer Mikrogesellschaften, die die Grundlage dafür liefern, dass Menschen in ihrer Ohnmacht oder in ihrem Augenverschließen oder mit ihrer Motivation, etwas gegen Krisen und Ungerechtigkeiten zu tun, nicht allein bleiben. Solche Gruppen bieten die Möglichkeiten, selbst wirksam zu werden und sich auch selbst als wirksam zu erleben. Sie sind kleine Schmelztöpfe für Ideen, für Austausch, für persönliches Wachstum und für kollektive Handlungen und Projekte. Sie sind Bastionen gegen die Individualisierung, gegen Einsamkeit und Lähmung. Sie sind nicht-staatlich und somit viel niedrigschwelliger zugänglich. Sie mögen nicht immer erfolgreich sein, an sich selbst oder ihren Idealen zerbrechen, doch es gibt ihrer so viele und es entstehen täglich mehr, sodass es an ihnen nicht mangeln wird.

Mögen sie soziale Kollektive,nicht hierarchische, egalitäre, solidarische Beziehungsweisen (Bini Adamczak) oderGemeinschaft der Teilenden (Eva von Redecker) genannt werden: Solche Gruppen (in ihrer ganzen bereits jetzt existierenden inhaltlichen und menschlichen Vielfalt) können – mit Zuversicht und langem Atem – über die Zeit hinweg zu wesentlichen Akteuren gesellschaftlicher Transformation werden und/oder im Moment einer akuten Störung entscheidende gesellschaftliche Akteure sein. Jetzt braucht es „nur“ noch mehr Menschen, die sich ihnen anschließen oder selbst welche ins Leben rufen („Ein kleiner Schritt für…“ usw.). Und es braucht mehr Verständnis dafür, dass es statt einer Verschärfung dogmatischer Konkurrenz mehr konfliktfähige und wettstreitende Kooperation braucht. Denn in der chronischen Vereinzelung sind solidarische Gruppen eben viel zu oft nur solidarisch und hilfreich für jene, die ihnen angehören. Und auf der großen Bühne läuft weiter weitgehend ungestört das Spiel mit der Desinformation.

Deshalb wäre es erstrebenswert, wenn das begonnene Jahr ebenso wie das angebrochene Jahrzehnt nicht nur zu einer Hoch-Zeit menschengemachter Krisen werden, sondern eine Epoche solidarischer Kollektive und ihrer Solidarität untereinander einleiten. Man wird ja wohl noch träumen dürfen – mitten in der Krise und zu Beginn.

Der Beitrag erschien ursprünglich unter dem Titel Mittendrin - things to come im Transit Magazin.

Sasha Waltze, Transit Magazin
23:41 10.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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