Traurig solidarisch wütend aktiv sein

Kommentar Eine Idee, wie es nach dem Attentat in Halle weitergehen kann
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Traurig solidarisch wütend aktiv sein
Solidarität mit denen, die von antisemitischer und rassistischer Gewalt betroffen sind, kann viele Formen annehmen. Sie schließen sich nicht aus

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

Wenige Tage nach dem neonazistischen Attentat in Halle überwiegt immer noch Ratlosigkeit. Die Frage nach dem „Wie weiter“ birgt ein Konfliktpotential, das vermieden werden könnte, wenn Trauer, praktische Solidarität und weitergehende politische Reaktionen nicht gegeneinander ausgespielt werden würden.

Vieles ist schon über den 9. Oktober in Halle geschrieben worden – einiges davon ist tendenziell eher daneben und geprägt von mangelndem Verständnis der Realitäten extrem rechten Terrors, vieles davon ist klug, empathisch und reflektiert. Insbesondere das, was innerhalb irgendwie linker Kreise von Halle geschrieben und vorgetragen wird, ist bisher letzteres. Gleichzeitig zeigen gerade die Sachen, die sich mit der Frage des „Und nun?“ beschäftigen, auch eine gewisse, überhaupt nicht überraschende, Ratlosigkeit und in ihr irgendwie auch das Potenzial für Konflikt.

Denn da ist zum einen die Aufforderung, inne zu halten, zu trauern und, vor allem, für die Betroffenen da zu sein. Und zum anderen die Aufforderung, aktiv zu werden, die Neonazistrukturen und -ideologien, die den Täter prägten, zu durchzuleuchten und offenzulegen, um ihnen so auf Dauer das Handwerk legen zu können. Beides sind, so unterschiedlich sie wirken mögen, sehr verständliche und richtige Reaktionen. Seltsam ist, wie sehr sie als Kontrast zueinander präsentiert werden.

Auf der einen Seite wird darauf hingewiesen, dassNazis halt Nazidinge tun, und der Moment für Empörung über den politischen Gegner nicht der jetzige Moment ist. Auf der anderen Seite wird erklärt, dassLichterketten, Schweigeminuten und Mitleidsbekundungen schwer bewaffnete neonazistische Terroristen nicht aufhalten.

Das Problem ist, dass niemand sich aus Spaß an der Empörung damit beschäftigt oder darüber empört, dass Nazis halt Nazidinge tun, und dass auch niemand wirklich glaubt, dass Lichterketten und Schweigeminuten Terroristen aufhalten. Das Problem ist auch, dass so legitime, verständliche, traurige und wütende Reaktionen auf einen Angriff implizit verglichen und bewertet werden. Das Problem ist aber vor allem, dass so getan wird, als könnten diese Reaktionen nicht einfach nebeneinander existieren.

Es ist wichtig für die Betroffenen des Anschlags, zu wissen, dass sie mit dem Nachspiel des Mittwochs nicht alleine sind. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, erklärtein einem Interview mit BR24, dass die Menschen, die die Synagoge in München „umarmten“, damit etwas darstellten, was sich sehnlich von der Gemeinde gewünscht wird: „ein Teil der Stadtgemeinschaft zu sein, glücklich, geschützt und geborgen.“ Wenn die Lichterkette zwischen den beiden Tatorten in den Tagen nach der Tat ihren Zweck erfüllt hat, dann hat sie hoffentlich den Menschen, die den Anschlag auf die Synagoge in Halle und den Kiezdöner überlebt haben, ein ähnliches Gefühl gegeben.

Und es ist auch wichtig, dass wir alle uns wenigstens einen kurzen Moment Ruhe nehmen, um zu schauen, was es mit uns macht, dass ein Neonazi durch Halle lief, um Menschen zu töten. Dieses Innehalten, ob nun als Teil einer großen Gruppe auf dem Markt oder alleine beim Laufen durchs Paulusviertel, statt einfach nur zum Alltag zurückzukehren, holt die Tat aus dem surreal angefärbten Reich der Angst und Verdrängung. Das ist nicht wichtig für „die Stadtgesellschaft“, sondern ganz individuell für die Psyche jeder einzelnen Person.

Es ist aber auch wichtig, ein Auge darauf zu haben, wie die rechten Akteure der Region nun auf einen terroristischen Akt reagieren, dessen ideologische Grundsteine sie selbst über Jahre hinweg gelegt haben. Die Neofaschisten rund um die Identitäre Bewegung, die Sezession und EinProzent lösen die Tat strategisch von der ihr tatsächlich zugrunde liegenden Ideologie, um sie stattdessen ganz allgemein der Zersetzung der Gesellschaft und der Moderne in die Schuhe zu schieben und damit wieder einmal ein antisemitisches Chiffre zu bedienen. Oder sie stürzen sich in Sezessions-Artikeln direkt in Verschwörungstheorien vom „deep state“ und false-flag-Aktionen, um sich selbst mal wieder als Opfer einer angeblich unfairen, ach so harten staatlichen Verfolgung zu inszenieren. Andere Neonazis verhöhnen bereits die Betroffenen im Kiezdöner, indem sie schlechteBewertungen auf Google hinterlassen.

Sich damit auseinanderzusetzen macht wütend, und es mag fehl am Platz wirken, sich mit dem Täter und seinem Nährboden auseinanderzusetzen, wenn die Betroffenen und ihre Bedürfnisse im Zentrum stehen sollten. Und es mag unpassend wirken, wütend zu sein, wenn viele Menschen gerade vor allem traurig sind und in ihrer Trauer Ruhe brauchen.

Aber genauso wie es wichtig ist, dem ruhigen, empathischen Zusammenstehen Platz zu geben, ist es wichtig, weiterhin ein Auge auf die Strukturen zu haben, die das neonazistische Attentat am Mittwoch überhaupt erst ermöglicht haben. Eben diese Strukturen halten nicht inne, um zu trauern, sondern verhöhnen die Opfer, greifen Antifaschist_innen an und arbeiten vor allem bereits weiter an der eigenen Normalisierung und dem Zurückweisen von Schuld. Sich ebendieser Normalisierung der antisemitischen, rassistischen und faschistischen Weltbilder entgegenzustellen geht nur, wenn man sie demaskiert, und sich ihr entgegenzustellen ist nötig, um weiteren rechtsextremen Attentaten den gesellschaftlichen Nährboden zu entziehen.

Und letztendlich ist auch Wut – über den Neonazi, der Jana L. und Kevin S. getötet hat, und über die anderen Nazis, die nun in Angesicht dessen halt Nazidinge tun – eine Art, mit den Geschehnissen umzugehen. Für mich ganz persönlich ist sie antreibend, sie reißt mich aus der Angst, der Fassungslosigkeit und der Ohnmacht. Mich damit auseinanderzusetzen, wie jemand zu einem fanatischen, mordbereiten Attentäter werden konnte, und was ich dagegen tun kann, sorgt dafür, dass ich nicht an der Schlechtigkeit der Welt verzweifle. So wird aus einer scheinbar willkürlichen Grausamkeit eine Tat, die sich erklären lässt, und damit auch etwas, wogegen man etwas tun kann. Zu merken, dass ich auch mit dieser Wut und vor allem dem Willen, aus dieser Wut antifaschistisches Handeln abzuleiten, nicht alleine bin, tut genauso gut wie zu merken, dass ich mit meiner Trauer nicht alleine bin.

Im ersten Moment mag diese Wut wie ein Abwenden von den Opfern wirken. Aber Solidarität mit denen, die von antisemitischer und rassistischer Gewalt betroffen sind, kann viele Formen annehmen: vom Zusammenstehen und symbolischen und tatsächlichen Umarmen über finanzielle Unterstützung bis zur Aufklärung der Umstände, die zu dieser Gewalt führen. Jetzt ist die Zeit für all diese Formen.

Der Beitrag erschien zuerst im Transit Magazin.

Autorin: Hannah Riefeld
11:57 16.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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