Back When Pluto Was A Planet
02.02.2013 | 14:31 7

Das Google-Klassensystem

Politische Kunst Mit seinem filmischen Essay "Workers Leaving the Googleplex" deckt Andrew Norman Wilson auf, wie Google soziale Ungleichheit praktiziert

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Back When Pluto Was A Planet

Das Google-Klassensystem

Andrew Norman Wilson

Foto: Andrew Norman Wilson

Google unterteilt seine Arbeiter in vier Klassen. Auf dem Campus des kalifornischen Medienkonzerns müssen sie farbige Namensschilder tragen, die ihre Klassenzugehörigkeit anzeigen. Die Arbeiter erster Klasse – festangestellte Entwickler, Programmierer oder Manager – tragen weiße Namensschilder, fahren in den Skiurlaub und essen Gourmet-Menüs. Die meisten von ihnen sind weiß und gehören der Mittelschicht an. Die Arbeiter vierter Klasse tragen gelbe Namensschilder, sind größtenteils Latinos oder Afroamerikaner, genießen keine Privilegien und müssen nach getaner Arbeit den Google-Campus sofort verlassen. Sie scannen die Bücher für den umstrittenen Service Google Books. Der US-amerikanische Künstler Andrew Norman Wilson hat selbst für ein Jahr bei Google gearbeitet, einen Film über die „ScanOps“-Arbeiter gemacht und wurde sofort gefeuert. Bei der transmediale stellte er den Film vor.

Andrew, zu welcher Arbeiter-Klasse hast Du bei Google gehört?

Zur roten. Damit hatte ich eine Krankenversicherung und genoss alle Privilegien auf dem Google-Campus, etwa Elektroroller oder Google-Gourmet-Menüs. Ich konnte aber nicht wie die Arbeiter der weißen Klasse mit zu Skiausflügen kommen, erhielt auch keinen Urlaubsbonus. Mit der roten Armbinde fühlte ich mich irgendwie außen vor. Anfangs wusste ich auch noch nichts von der vierten Klasse, den ScanOps-Arbeitern mit den gelben Namensschildern.

Diese Leute arbeiteten im Gebäude nebenan, trotzdem hat es ein paar Monate gedauert, bis Du auf sie aufmerksam wurdest. Warum?

Irgendwann sah ich, wie eine große Gruppe ScanOps-Arbeiter gemeinsam den Campus verließ. Mir fiel sofort auf, dass sie nicht wie die anderen Arbeiter bei Google aussahen. Es waren vor allem Latinos. Ich fand heraus, dass sie Bücher für Google Books scannten und fing an, im Google-Intranet zu recherchieren. Da stieß auf Dokumente über die ScanOps-Arbeiter.

Hast Du noch mehr herausgefunden als das, was Du im Film erzählst?

Ja, aber darüber kann ich leider nicht sprechen. Aus internen Dokumenten entnommene Information ist ja etwas anderes als meine persönliche Erfahrung oder Dinge, die ich von anderen Mitarbeitern weiß. Bei Antritt des Jobs habe ich eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben, als ich aufhörte habe ich sogar unterschrieben, dass ich das Filmmaterial nicht veröffentlichen würde.

Wie reagierte Google schließlich, als Du den Film doch veröffentlicht hast?

Überhaupt nicht. Hätte Google versucht, gerichtlich dagegen vorzugehen, hätte der Film ja nur noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Google Books ist außerdem an sich schon ein unliebsames Thema, wegen Urheberrechtsverstößen wird Google ja schon überall auf der Welt verklagt. Allerdings hat Marissa Mayer einen Link zum Film bei Twitter gepostet und ihn mit „interessante Perspektive“ kommentiert, als sie noch Vize-Chefin bei Google war. Kurz danach ging sie zu Yahoo.

Mit dem Titel Workers Leaving the Googleplex beziehst Du Dich auf die Filmgeschichte, gleichzeitig ist die Ästhetik sehr zeitgenössisch.

Genau, es ist ein High-Definition-Video, auch die Informationsgrafik-Elemente und der weiße Hintergrund sind ästhetisch sehr zeitgenössisch. Mit Arbeiter verlassen die Lumière-Werke von 1895 wollten die Brüder Lumière Bewegung zeigen. Das Bild ist das gleiche: Arbeiter kommen aus der Fabrik heraus und schwärmen davon. Auch mein Film ist eine Art Bewegungsstudie – ich zeige die Google-Arbeiter dabei, wie sie sich in die einzige Richtung bewegen, in der sie sich auf dem Google-Campus bewegen dürfen. Es ist ein ästhetisches Update des berühmten Films und stellt Bezüge zwischen den Arbeitern von damals und denen im heutigen Informationstechnologie-Sektor her. Natürlich gibt es Unterschiede, zum Beispiel die Freelancer-Kultur, aber auch Gemeinsamkeiten, etwa die körperlich-repetitive Arbeit in der Lumiére-Fabrik, in der Filmrollen hergestellt wurden. Die ScanOps-Arbeiter machen den ganzen Tag das Gleiche: Buchseiten umblättern und einen Knopf betätigen.

In Galerien wird der Film als zweikanälige Installation in einer Art Google-Environment gezeigt.

Ja. Die Besucher sitzen auf Yoga-Bällen, die gibt es nämlich auch in den Google-Büros. Außerdem mixe ich bei der Eröffnung Frucht-Smoothies, auch die bekommen privilegierte Arbeiter bei Google gratis. Mit dieser Inszenierung impliziere ich, dass die Zuschauer im Grunde auch Google-Arbeiter sind. Denn indem sie Google-Produkte nutzen, versorgen sie Google mit Marketing-Daten. Wir sind alle Arbeiter der Google-Fabrik.

Zu dem Projekt gehört auch eine Reihe von Bildern. Sie heißen ScanOps. Was sind das für Bilder?

Es sind Scans von Buchseiten aus Google Books, in denen Hände und Finger der ScanOps-Arbeiter oder andere Fehler zu sehen sind. Ich finde sie im Internet, in PDF-Dateien von Google Books oder in Blogs, die sie posten, drucke und rahme sie.

http://andrewnormanwilson.com/scanops2.jpeg


Ästhetisch erinnern sie an die Foto-Arbeiten des US-amerikanischen Künstlers Elad Lassry
.

Ja, ich mag Elads Arbeiten sehr und habe mich auch bewusst an sie angelehnt, indem ich wie er die Rahmen passend zu den ScanOps angemalt habe. Ich wollte dadurch erreichen, dass die Bilder ästhetisch an zeitgenössische fotografische Positionen anschließen und auch als Fotografien wahrgenommen werden. Viele denken ja, die bei Google Books hochgeladenen Bücher seien mit einer Maschine gescannt worden, da stecke keine physische Arbeit drin. Aber eigentlich werden die Seiten von oben mit einer Kamera abfotografiert, die ein Mensch bedient.

Auf Deinem Pressefoto bist Du mit einem Chow-Chow zu sehen. Was hat es damit auf sich?

Für ein neues Projekt zur legendären La Borde-Klinik, eine psychiatrische Klinik in Frankreich, in der auch der Philosoph Félix Guattari am Therapie-Programm mitwirkte, habe ich zu diesen Hunden recherchiert und herausgefunden, dass Sigmund Freud Chow-Chow-Halter war. In dem Video sind sie die Protagonisten, kritisieren Freud und erzählen von seiner Leidenschaft zu dieser Hunderasse.

Am 4. Februar 2012 zeigt die Berliner Galerie Import Projects ab 18.30 Uhr ein von Andrew Norman Wilson kuratiertes Screening.

Interview: Sabine Weier

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (7)

Back When Pluto Was A Planet 03.02.2013 | 09:47

Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe die Bändchen tatsächlich nicht gesehen und sie mir von der Beschreibung her wie Armbinden vorgestellt. Es geht ja vor allem darum, dass die Arbeiter sofort durch ein auffälliges Zeichen identifizierbar sind. Diese Funktion erfüllen dann wahrscheinlich auch auffällige Bändchen – all-in- oder all-exclusive je nach Klasse, sehr passendes Bild. Danke auch für den Link!

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.02.2013 | 09:59

Nun, eine Geschichte aus 2011, die damals schon niemanden interessierte, jetzt passend zur Leistungsschutzrecht-Diskussion wieder aufgebrüht, mit eindeutigem Zungenschlag, nicht recherchiert, Stimmungsmache. Es ist schon drollig, während Google zu den beliebtesten Arbeitgebenr weltweit gehört, die innovativsten Kräfte anlockt, tragen die meist prekären Presse- und Medienmitarbeiter keine farbigen Bändchen sondern Schlingen um den Hals, vielleicht will aus dem Grunde niemand mehr dort arbeiten.

Tom Bayes 03.02.2013 | 16:13

Das englische Wort "badge" (von dem im Film die Rede ist) bedeutet selbstverständlich weder "Armbinde" noch "Armbändchen", sondern "Namensschildchen". Ein "rotes" Google-Namensschildchen, wie es Herr Wilson getragen haben muss, lässt sich hier bewundern: http://www.kaushik.net/avinash/10-insights-from-11-months-of-working-at-google/#comment-417158

Das eigentlich Blöde an diesem peinlichen Übersetzungsfehler ist, dass damit auch das große Drama der Geschichte weg ist. Wenn unterschiedlich klassifizierte Mitarbeiter verschiedenfarbige Armbinden zu tragen hätten, wäre das in der Tat eine unappetitliche Sache (so eine Art neue Stufe panoptischer Disziplinierung à la Foucault). Allein dass die Kopier-Hiwis nicht denselben Zugang zu Elektrorollern und kostenlosem Essen haben wie die Entwickler, halte ich dagegen -- mal ganz ehrlich -- nicht für einen echten Aufreger.