Back When Pluto Was A Planet
28.01.2013 | 14:13

Die Erotik des Digitalen

Review Berliner Medienkunstszene stimmt beim P2P Vorspiel auf transmediale und CTM ein

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Back When Pluto Was A Planet

Die Erotik des Digitalen

reSource 003: P2P Vorspiel

Foto: Veronica Santos Ruiz / transmediale

Je intensiver das Vorspiel, desto frenetischer der Akt: Am Wochenende präsentierte die Berliner Medienkunstszene Ausstellungseröffnungen, Performances, Installationen, Partys und Panels als Warm-up für transmediale und CTM, beide Festivals beginnen diese Woche. Ergebnis war ein Parcours mit 35 Spielorten, der unter keinen Umständen zu bewältigen war. Jeder Besucher musste seinen eigenen Pfad durch das Überangebot finden, ähnlich wie im Internet. Das Hopping fühlte sich dann auch wie Surfen an.

Immer mehr Themen und digitale Ästhetiken schaffen den Sprung raus aus dem Breitbandnetz, rein in die Wirklichkeit, vorerst in Ausstellungs- und Projekträume. Dort wird klar: Es ist ein eigenartiges Zeitalter, in dem wir leben. In That Weird Age lautet auch der Titel der Ausstellung des diesjährigen CTM-Festivals. Sie exportiert User-Kultur in den Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, bietet allerdings kaum Neues. Kriegsspiel-Boom-Bang, Google-Imperialismus, Datenträgernostalgie, das Nichterwachsenwerdenwollen der Nerd-Generation und mittendrin die oft gezeigte Videoarbeit Global Groove (1973) von Medienkunstpionier Nam June Paik: Die Schau reproduziert vor allem die Klischees der Medien- und Netzkunst.

Robert Sakrowski präsentiert mit Skrillex Variationen eine von den Besuchern per Mausklick steuerbare Sinfonie aus mehreren YouTube-Clips, in denen Menschen das gleiche Lied unterschiedlich interpretieren, kommentiert damit die kreative Fülle an Material im Netz und die unter Medienkünstlern verbreitete Methode, sich dieses Material anzueignen und es zu remixen. Neben Bildern und Videos von Privatpersonen appropriieren sie auch Sounds, Logos und Interfacedesigns, etwa das aus acht Punkten bestehende YouTube-Rädchen, das sich beim Laden dreht. Ben Coonley lässt es in Anlehnung an Arbeiten des Netzkünstlers Constant Dullaard auf mehreren Screens in Tablet-Größe wie aus freiem Willen umhertanzen.

Lucas Abela schuf eine gigantische Rennbahn aus Hunderten von Schallplatten für ein ferngesteuertes Auto. Besucher können sich in einen alten Autoscooter-Wagen setzen, das Auto steuern und den Streckenverlauf am Bildschirm verfolgen. Vinyl Rally bezieht sich auf Computerspiele, weckt aber auch Assoziationen mit Drohnen. Wie im Fall der unbemannten Militärflugzeuge, die zum Beispiel das US-Militär in Pakistan gegen Terrorverdächtige einsetzt, sind Körper, Handlung und Effekt räumlich voneinander getrennt.

Als facettenreicher erwiesen sich an anderen Spielorten gezeigte Arbeiten, darunter das in der Platoon-Kunsthalle installierte und zusammen mit dem Kollektiv Elektropastete realisierte Masterprojekt Digital Fragments von Stefanie Greimel. In einer virtuellen Umgebung steuern Besucher über Bewegungen Avatare, fast lebensgroße Spiegelungen von sich selbst. Das als „mixed reality installation“ angekündigte Werk zeugt vom Bedürfnis, den virtuellen Raum in die Wirklichkeit zu überführen und das Verhältnis von Körper und digitaler Sphäre neu auszuhandeln.

Das Lab for Electronic Arts and Performance (LEAP) widmet sich dem gleichen Bedürfnis und liefert mit der Ausstellung Abstrakte Welten realisieren die Vision einer neuen Scifi-Ära. Ausgangspunkt der gezeigten Arbeiten ist der Versuch, Daten außerhalb des Bildschirms sinnlich und physisch erfahrbar zu machen. Verena Friedrichs Transducers besteht aus mehreren großen Reagenzgläsern, in denen je ein menschliches Haar gespannt ist. Durch einen Mechanismus wird es in Schwingung versetzt und produziert je nach Struktur einen individuellen Ton – die von dem Haar verkörperte Identität bekommt so eine sinnlich wahrnehmbare Repräsentation. David Bowen installierte im Galerieraum getrocknete Zweige, die mit einem an der Universität in Minnesota platzierten Sensor verbunden sind. Dieser misst dort den Wind und überträgt die Daten nach Berlin, wo sich die Zweige dann im virtuellen Wind wiegen.

In Tochscreen-Interfaces oder Gadgets zum Bedienen von Computern ohne Maus manifestiert sich schon in der User-Wirklichkeit ein Verlangen nach Körperlichkeit, nach einer Erotik des Digitalen. Zwischen Körper und Netz entstehen neue Räume, die Medienkunst entwirft Visionen dafür, wie sie gestaltet werden könnten. Und das ist erst das Vorspiel.

Sabine Weier

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