Eine spirituelle Erfahrung

Premiere Bei der transmediale präsentiert die britische Videokünstlerin Elizabeth Price erstmals in Deutschland ihre mit dem Turner Prize ausgezeichnete Arbeit
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Eine spirituelle Erfahrung
The Woolworths Choir Of 1979 (2012) von Elizabeth Price
Foto: Elizabeth Price / LUX

Angesichts des Überflusses ästhetischer Diversität in der zeitgenössischen Kunst wird ein Kunstwerk selten als „formal innovativ“ beschrieben. Im Fall der Arbeit, die im November mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet wurde, kann man das ruhig mal machen. In einer Art filmischen Triptychon seziert die britische Videokünstlerin Elizabeth Price das Wort „chorus“, zu Deutsch „Chor“ oder „Refrain“, etymologisch und visuell. Durch rhythmische Montage und Analogien verknüpft sie in drei Akten die großen Themen Religion, Pop und Konsum. „We are Chorus!“ ist in zitternden roten Buchstaben auf den bewegenden Bildern des dritten Akts zu lesen, der von einer Brandkatastrophe erzählt.

1979 brach in einem Woolworths-Kaufhaus mitten in Manchester ein Feuer aus, zehn Menschen kamen dabei ums Leben und über 50 wurden verletzt. Als „The Woolworths Fire of 1979“ ging die Katastrophe in die Geschichte ein, The Woolworths Choir of 1979 lautet der Titel der 20-minütigen Arbeit von Price.„Choir“ reimt sich auf „fire“, ein arbiträrer Reim, der an die ästhetische Willkür dadaistischer Collagen erinnert, aber auch diverse assoziative Anknüpfpunkte bietet.

Was zu Beginn kühl und faktisch anmutet wie ein futuristischer Lehrfilm, wird fast unmerklich in ein emotional verwickelndes Finale überführt. Auf eine detaillierte Beschreibung des Inneren gotischer Kirchen mit Schwarzweiß-Fotos, grafischen 3D-Animationen und Erläuterungen in bewegter Typografie folgen Footage von Konzerten mit tanzenden und singenden Menschen und schließlich Originalaufnahmen des Woolworths-Brands. Eine Frau winkt verzweifelt Hilfe herbei, sie ist hinter den Eisenstäben eines vergitterten Fensters gefangen, hinter ihr steigt bedrohlich Rauch auf. Sichtlich schockierte Augenzeugen erzählen Fernsehjournalisten von ihren Erlebnissen. Price dramatisiert die Aufnahmen durch Wiederholungen, ein in der Videokunst wie auch in der Popmusik gerne verwendetes Stilmittel.

Die Montage ist so fließend, dass die unterschiedlichen Motive der drei Akte wie Zahnräder in einem Uhrwerk harmonieren. Jeder Schnitt wird von einem Ton begleitet, einem Klatschen oder Schnipsen aus dem Off, im zweiten Akt sind die Hände als Tonquelle zu sehen. Bilder und Töne verschmelzen zu einer spirituellen Erfahrung.

An ihren Filmen arbeitet Price meist ein Jahr, Ergebnis ist ein dichter audiovisueller Diskurs, der kaum im Detail zu erfassen ist, sondern als Ganzes wirkt. The Woolworths Choir of 1979 verwebt narrative Muster aus diversen Quellen, wie dem Spielfilm, der Popmusik, dem antiken Theater, dem Dokumentarfilm oder Nachrichtenformaten, bedient sich in sakraler und populärer Ikonografie, schneidet Themen wie Sprache, Architektur oder Kommunikation an. Den Film kann jeder auf seine Weise lesen, Fragen dazu beantwortet Price bei der transmediale, wo sie ihn persönlich vorstellt.

Screening
Toute la mémoire du monde
Samstag, 2. Februar 2013
Theatersaal
Haus der Kulturen der Welt

Sabine Weier
13:54 31.01.2013
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Back When Pluto Was A Planet

Das Blog zur transmediale 2013 - Festival für Kunst und Digitale Kultur. Eine Kooperation des Freitags und der transmediale
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