Hallo Bild

Die BILD wird 60 Gratuliert wird hier nicht. Ich bin doch nicht blöd
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Hallo BILD1

du bist gestern 60 Jahre alt geworden. Für einige ist das ein Grund zu feiern. Für sehr viele andere nicht.

Die Mitglieder der Linkspartei freuen sich mit Sicherheit nicht, schließlich wirfst du ihnen ja immer wieder vor, sie würden sich nicht genug von ihrer Vergangenheit als SED distanzieren. Ohne dass ich dir in diesem Punkt zustimmen oder widersprechen möchte, will ich dir sagen, dass das ein zu vertretender Standpunkt ist. Die SED hat viel falsch gemacht und als Partei eine Diktatur errichtet. Da stellt jede ideologische und personelle Verbindung der Linkspartei zur SED ein Problem dar, das hast du sehr richtig erkannt. Es sei mal dahingestellt, wie groß oder klein dieses Problem ist.

Du kennst doch mit Sicherheit den Sinnspruch „Wer mit einem Finger auf jemanden zeigt, auf den zeigen vier Finger zurück“, oder? Ich möchte diesen Spruch mal, auf die oben genannte Kritik anwenden: Du wirfst der Linkspartei vor, dass sie sich nicht von den Fehlern der Vergangenheit distanziert. Ich möchte dir jetzt vier Begebenheiten aus deiner Vergangenheit ins Gedächtnis rufen:

Am 2. Mai 1998 lautete deine Schlagzeile: „SEEWOLF RAIMUND HARMSTORF IN DER PSYCHIATRIE“. Raimund Harmstdorf hatte mehrere Wochen vor dieser Ausgabe im Krankenhaus vebracht, weil er an Parkinson erkrankt war, damit nicht umgehen konnte und viel zu viel von seinem Medikament genommen hatte. Mit deiner Schlagzeile brülltest du etwas in die Öffentlichkeit, was der Betroffene sich selbst nicht eingestehen konnte und setztest ihn einer Meute von Pressevertretern aus, die sein Haus zu belagern begannen. Am dritten Mai erhängte er sich.

22. November 2000. Du behauptest ein gewisser „Maik H.“ sei verhaftet worden, weil er ein Kind umgebracht habe und druckst sein Foto (natürlich mit schwarzem Balken über den Augen, du wahrst ja immer alle Persönlichkeitsrechte) ab. Dennoch erkennen ihn seine Mitgefangenen. Die nächsten fünf Tage wird er von ihnen Schikaniert und psychisch fertig gemacht. Er fürchtete sogar um sein Leben. Danach wird er entlassen, weil er unschuldig war. Wer weiß, was passiert wäre, wenn die Polizei dazu länger gebraucht hätte.


1991 behauptetest du „IN BILD ERZÄHLT SIE ALLES“. Sie, das war die Bundestagsabgeordnete, Ulla Jelpke, die als jugendliche von ihrem Stiefvater missbraucht worden war und das Kind, das daraus entstand zur Adoption freigegeben hatte. Kurz vor deinem Artikel hatte sie in einem Interview mit der „Brigitte“ davon erzählt, weil sie hoffte, so Kontakt mit ihrer Tochter aufnehmen zu können. Als du von der Sache Wind bekamst, hast du ihr Reporter auf den Hals gehetzt, die Details aus ihr heraus bekommen wollten, die für eine seriöse Berichterstattung irrelevant sind. Schließlich brachtest du die Geschichte auf Seite eins und garniertest sie mit erfundenen Details. Noch Jahre später wurde sie auf diese Geschichte angesprochen.

Im Januar 2001 fragtest du „WAS MACHTE MINISTER TRITTIN AUF DIESER GEWALT-DEMO?“. Das Bild, das du dazu präsentiertest, war einen schwarz-weißer, grob gerasterter Ausschnitt aus einem größeren Bild. Weil man so natürlich wenig erkennen konnte halfst du deinen Lesern und wiest Gegenstände die der Minister bei sich hatte als Schlagstock und Bolzenschneider aus. In Wirklichkeit hatte Herr Trttitin aber einen Handschuh und ein Tau dabei. Außerdem hatte er versucht zwischen den Demonstranten und der Polizei zu vermitteln, was auch der Polizeipräsident von Göttingen bestätigte. Dein Chefredakteur Kai Diekmann hat sich zwar entschuldigt, nachdem Herr Trittin bei ihm anrief, ich frage mich aber, ob das jemand anderes als ein Bundesminister geschafft hätte.

Warum tische ich dir diese Geschichten jetzt noch auf? Die Jahre 1991, 1998, 2000 und 2001 sind doch schon lange vorbei? Du kritisierst bei der Linkspartei, sie würde sich nicht genug vom Fehlverhalten ihrer ehemaligen Entscheidungsträger distanzieren, das vor 1989 geschah. Wo und wann hast du dich denn vom oben geschilderten Fehlverhalten, die wesentlich neueren Datums sind, distanziert? Hast du jemals versprochen, dass so etwas nicht mehr passiert?

Kehr doch bitte zuerst vor deiner eigenen Haustüre, bevor du anderen ihren Dreck vorwirfst.

Ohne freundliche Grüße

ich

1Das „liebe“ spare ich mir. Du willst doch gar nicht lieb sein, oder?

Die Geschilderten Fälle präsentiert Günter Wallraff auf seiner Webseite (http://www.guenter-wallraff.com/5schicksale.html)

10:03 25.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tripple U

Hier schreibe ich und kann nicht(s) ander(e)s.
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