Fairnopoly, der neue Online-Marktplatz

Genossenschaft Fairnopoly, der neue Online-Marktplatz: 19 Fragen und Antworten. © Thoralf Trundilson 10/2013
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Seit dem 24.9.13 ist Fairnopoly(1), der etwas andere Online-Marktplatz aus Berlin, online und nutzbar. Das Unternehmen in Form einer Genossenschaft sucht aktuell noch weitere Teilhaber und Teilhaberinnen, die schon mit 50 Euro einen Anteil erwerben können – und damit auch die Möglichkeit bekommen, am zukünftigen Kurs des Unternehmens mitzubestimmen.

Einige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Fairnopoly, Ulrike Pehlgrimm (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit), Ernst Neumeister (Genossenschaftsmanagement, Aufsichtsratsmitglied), Anna Kress (technische Leiterin, Vorstandsmitglied), Anne Schollmeyer (Vertrieb, Aufsichtsratsmitglied), waren so nett, sich die Zeit zu nehmen und mit Hilfe eines Etherpads im Zeitraum vom 17.9. - 4.10.13 die folgenden Fragen zu beantworten.

Viele weitere Informationen zu Fairnopoly sind auf dem Blog info.fairnopoly.de zu finden.

Nur noch wenige Tage, dann soll Fairnopoly, der faire Online-Marktplatz, online gehen und für alle Interessierten nutzbar sein. Wie sieht es aus, seid ihr schwer im Stress?

Ulrike Pehlgrimm: Fairnopoly wird ab dem 24.9.13 zunächst nur für Nutzer*innen innerhalb Deutschlands zur Verfügung stehen. Unsere To-Do-Listen im Team sind derzeit sehr voll. Das IT-Team testet auf Hochtouren die Verkaufsfunktionen, während der Vertrieb Händler*innen akquiriert und das Marketing den Launch vorbereitet.

Ernst Neumeister: Des Weiteren sind wir auch wieder verstärkt auf der Suche nach neuen Mitgliedern, weil Fairnopoly auf "klassische" Investoren konsequent verzichtet und wir für die nächsten Schritte dennoch Geld benötigen.

Was ist Fairnopoly - in einem Satz erklärt?

Ulrike Pehlgrimm: Fairnopoly ist der Online-Marktplatz für alle.

Was kann ich auf dem Marktplatz alles kaufen und verkaufen?

Ulrike Pehlgrimm: Auf dem Marktplatz kann alles ge- und verkauft werden, was legal ist. Genauer gesagt sind es neue und gebrauchte Artikel sowie faire, öko-, handgemachte und kleine und edle Artikel.

Gibt es ein Auktionssystem wie bei Ebay oder legen die Verkaufenden die Preise fest?

Anna Kress: Derzeit gibt es noch kein Auktionssystem, aber es ist eines geplant.

Was genau verbirgt sich hinter dem Stichwort "fair"?

Ulrike Pehlgrimm: Hinter dem Begriff "fair" verbergen sich bei Fairnopoly 3 Aspekte.

1. Fairnopoly ist eine Genossenschaft 2.0 und kann somit durch die Beteiligten kontrolliert werden.

2. Fairnopoly hat sich auf die Fahne geschrieben, konsequent fair nach Innen und Außen zu sein. Das bezieht sich auf den Umgang mit und die Bezahlung von den Mitarbeitern als auch auf die Auswahl fairer Partner.

3. Fairnopoly ist konsequent transparent. Alle relevanten Geschäftszahlen werden veröffentlicht, womit Fairnopoly kontrollierbar bleibt.

Wenn ich meine gebrauchte Spielkonsole auf Fairnopoly verkaufe, die nicht "fair" produziert wurde, wie passt das mit eurer Philosophie zusammen?

Ulrike Pehlgrimm: Mit Fairnopoly wollen wir Nachhaltigkeit fördern. Wenn Du also Deine gebrauchte Spielekonsole verkaufst, dann muss sich Dein Käufer keine neue Konsole kaufen, sondern verwendet einen immer noch funktionierenden Artikel weiter. Du arbeitest damit ressourcenschonend. Außerdem geht 1 % der Verkaufsgebühr Deiner Spielekonsole an (im Moment) Transparency Deutschland(2). Deine "unfaire" Spielekonsole leistet also einen Beitrag für eine fairere Wirtschaft.

Anne Schollmeyer: Im Prinzip ist Ulrikes Antwort total ausreichend, ich ergänze trotzdem: auf Fairnopoly kann mit allem gehandelt werden, aber “fair“ und “ökologisch“ wird gezielt gefördert. Das hat folgende Hintergründe: Wir möchten kein Nischenmarktplatz sein, sondern eine breite Masse ansprechen. Natürlich erhoffen wir uns davon, eine größere Aufmerksamkeit für “fair“ und “öko“ zu schaffen, eben genau dadurch, dass wir uns aus der 'Nische' herausbewegen und ich im Idealfall neben dem konventionellen Milchaufschäumer auch noch den solarbetriebenen Milchaufschäumer finde. Wir möchten unseren Nutzer*innen nichts vorschreiben, sondern ihnen die Wahl lassen sowie die Möglichkeit, sich ausreichend über Produkte und deren Herkunft zu informieren.

Wie kam es zur Idee? Wie lange dauerte der Prozess von den ersten Überlegungen bis zum jetzt bald stattfindenden Launch der Plattform?

Ulrike Pehlgrimm: Von der ersten Idee bis zum Launch am 24. September 2013 hat es etwas über 2 Jahre gedauert. Die intensive Phase begann allerdings erst mit dem Einstieg der ersten Vollzeit-Kräfte, wenn auch unbezahlt, im Sommer 2012.

Felix Weth, der Ideengeber zu Fairnopoly sowie dessen Geschäftsführer, hat sich lange mit dem Thema der Intransparenz in Unternehmen bzw. der Wirtschaft im Allgemeinen beschäftigt. Felix nahm viel an Konferenzen von Transparency International teil und reiste lange durch Afrika, mit dem Willen, eine Doktorarbeit über das Thema zu schreiben. Die ursprüngliche Idee von Fairnopoly war es, ein Unternehmen zu gründen, welches Gelder generiert, mit denen ein Netzwerk aus Organisationen finanziert wird, was sich wiederum für Transparenz einsetzt – das sogenannte FAIR Future Network. Daraus wurde dann Fairnopoly.

Was waren die größten Überraschungen und Herausforderungen in diesem Prozess?

Ulrike Pehlgrimm: Die größte Überraschung war es, dass der Prozess, einen Online-Marktplatz aufzubauen, deutlich länger dauert, als wir anfänglich gedacht haben. Aber mit einem großen Team kann man diese Herausforderung meistern.

Was ist eine Genossenschaft 2.0? Was bedeutet für euch "demokratische Unternehmenskultur", was "Transparenz"?

Ulrike Pehlgrimm: Die genaue Beschreibung einer Genossenschaft 2.0 findest Du in einem Blogpost von Felix Weth hervorragend beschrieben: http://info.fairnopoly.de/geno20

Darin findest Du auch Erklärungen für die anderen beiden Konzepte.

Benutzt ihr Online-Tools für die demokratische Mitbestimmung, z. B. bei der Generalversammlung?

Ulrike Pehlgrimm: Bei unserer außerordentlichen Generalversammlung am 25. August 2013 konnten wir aufgrund der hohen Arbeitsbelastung aller leider noch keine Online-Tools in dem Umfang einsetzen, wie wir es möchten. Es wurde aber ein Forum eingerichtet, in dem die vorgeschlagenen Satzungsänderungen diskutiert werden konnten.

Perspektivisch möchten wir aber Online-Tools wie Adhocracy(3) von Liquid Democracy einsetzen, um alle Mitglieder der Genossenschaft abstimmen zu lassen.

Im täglichen Betrieb: Welche Online-Tools sind für euch unerlässlich?

Ulrike Pehlgrimm: Im Alltag verwenden wir hauptsächlich Open Source Tools, um im Büro, aber auch grundsätzlich untereinander, kommunizieren zu können und wichtige Dateien miteinander austauschen zu können.

Sind die von euch verwendeten bzw. weiterentwickelten Modelle zur Unternehmensführung auch auf andere Betriebe übertragbar? Seid ihr mit ähnlichen Unternehmen vernetzt? Habt ihr euch vor der Gründung ähnlich strukturierte Unternehmen angeschaut? Habt ihr Tipps für Leute, die "faire" Unternehmen gründen wollen?

Ulrike Pehlgrimm: Es haben sich bereits andere Genossenschaften nach unserem Modell gegründet. Derzeit sind wir auch im GenoNetz(4) aktiv und versuchen, andere Interessierte dabei zu unterstützen, Genossenschaften nach unserem Modell zu gründen.

Wir sind grundsätzlich auch mit anderen nicht-genossenschaftlich organisierten Unternehmen vernetzt, da wir versuchen, faire Partner für all unsere Unternehmungen zu finden. Zum Beispiel drucken wir unsere Flyer und Plakate bei der Umweltdruckerei.

Was hat Fairnopoly mit Kapitalismuskritik oder praktischem Antikapitalismus zu tun?

Ernst Neumeister: Fairnopoly kritisiert den Kapitalismus nicht direkt, es stellt aber eine konsequent faire Alternative im Onlinemarktbereich neben die etablierten Monopole. Bei Fairnopoly stehen nicht die Profitinteressen einzelner, sondern der Mehrwert für viele Menschen im Vordergrund. Insofern bietet Fairnopoly allen, die das Spiel der großen und intransparenten Firmen umdrehen möchten und die die Gewinne fair verteilt sehen wollen, eine bisher einmalige Möglichkeit, im Bereich der Online-Marktplätze aus dem bestehenden System auszubrechen.

Betrachtet ihr Fairnopoly als Teil einer solidarischen Ökonomie(5)?

Ernst Neumeister: Obwohl wir uns ungern in eine feste Ecke stellen möchten, sind die hinter Fairnopoly stehenden Prinzipien und Ziele denen des politischen Konzepts der solidarischen Ökonomie nicht unähnlich. Wir versuchen mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell soziale und politische Ziele zu erreichen, insbesondere steht bei uns so die Korruptionsbekämpfung im Vordergrund. Des Weiteren wollen wir aber auch Genossenschaften fördern, die sich als Sozialunternehmen aufstellen. Bei uns ist es so, dass der über das faire Prozent hinaus erwirtschaftete Mehrwert den Beteiligten und Partnern der Fairnopoly eG zu Gute kommen soll. Deswegen haben wir auch in unserer Satzung bestimmte Grundsätze festgelegt, die Mitbestimmung regeln und eine faire Verteilung der Gewinne auf Dauer sicherstellen.

Stichwort Crowdfunding: Wart ihr vom Erfolg überrascht oder von Anfang an überzeugt, dass das klappen würde?

Ernst Neumeister: Das Ziel der Crowdfunding-Kampagne Anfang 2013 waren 100.000 Euro(6), wobei wir aufgrund des vielen vorhergehenden wohlwollenden Feedbacks schon guter Dinge waren, dieses auch zu erreichen. Dass wir am Ende etwas mehr als 200.000 Euro von all den tollen neuen Mitgliedern zur Verfügung gestellt bekamen, war dann aber doch eine schöne Überraschung, die es uns ermöglichte, das Projekt mit noch mehr Professionalität und Manpower anzugehen.

Welche Rolle spielt Crowdfunding in Deutschland im Bereich der alternativen bzw. fairen und demokratischen Unternehmen?

Ernst Neumeister: Ich denke Crowdfunding wird hier eine immer größere Bedeutung bekommen! Schon jetzt gibt es viele tolle Projekte, die ohne Crowdfunding nicht verwirklicht werden könnten, bspw. die Karma Chakhs von Van Bo Le-Mentzel(7), das Fairphone aus Holland(8) oder natürlich Fairnopoly wären ohne die finanzielle Beteiligung vieler vieler Menschen undenkbar gewesen.

Trotz der erfolgreichen Finanzierung des Startkapitals werbt ihr nun weiter um finanzielle Unterstützung, d. h. auch um Leute, die als Genoss_innen Teilhaber_innen eures Unternehmens werden wollen - warum?

Ernst Neumeister: Fairnopoly verzichtete von Anfang an bewusst auf große Investoren und so müssen die hohen anfänglichen Kosten über die durch unsere Mitglieder bereitgestellten Einlagen getragen werden. Da sich der Marktplatz noch eine ganze Weile nicht selber tragen können wird, brauchen wir weitere Mitglieder, die an die Idee glauben und eine Alternative im Online-Bereich haben möchten. Was ein Einzelner nicht schafft, das vermögen viele, wie Herr Raiffeisen einmal gesagt haben soll.

Des Weiteren stellen unsere Mitglieder nicht nur das gerade jetzt dringend benötigte Kapital zur Verfügung, sie agieren darüber hinaus als die ersten Nutzer*innen der Plattform, sind Multiplikator*innen und bringen sich nicht selten mit guten Ideen und wichtigem Feedback ein. Außerdem kann jedes Mitglied aktiv in der Generalversammlung mitbestimmen und so den eingeschlagenen Weg auf immer sichern.

Stimmt es, dass ihr langfristig eine ernstzunehmende Konkurrenz für andere Online-Marktplätze wie Amazon und Ebay darstellen wollt? Ist das nicht utopisch?

Ulrike Pehlgrimm: Die Idee, einen konsequent transparenten und fairen Online-Marktplatz zu gründen, ist tatsächlich utopisch. Aber große Ideen sind dies eigentlich immer. Nachdem sich Fairnopoly auf dem deutschen Markt etabliert hat, werden wir zusammen mit Landesgruppen in Österreich und der Schweiz an einer Ausbreitung auf diesen Märkten arbeiten. Später werden wir dann an der Ausweitung auf andere Märkte arbeiten.

Wo seht ihr Fairnopoly in 3 Jahren?

Ulrike Pehlgrimm: Im vergangenen Jahr ist so viel passiert, da lässt es sich schwer abschätzen, wo wir in 3 Jahren sein werden. In 3 Jahren stehen wir aber hoffentlich auf einer stabilen finanziellen Basis durch die Verkaufsgebühr auf dem Marktplatz und können so an der Gründung von Landesgruppen in anderen Ländern arbeiten.

Vielen Dank für das Beantworten der Fragen.

Links:

1 https://www.fairnopoly.de

2 http://www.transparency.de

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Adhocracy

4 http://genonetz.net

5 http://de.wikipedia.org/wiki/Solidarische_%C3%96konomie

6 http://fairnopoly.startnext.de

7 http://www.hartzivmoebel.de

8 http://www.fairphone.com

08:35 08.10.2013
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Geschrieben von

Trundil

Hier bloggt Thoralf Trundilson.
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