Be linksradikal!

Hauptstadt In Berlin wird zurzeit viel über Linksradikale geredet. Die Polizei fordert Ächtung und der Boulevard sowieso. Aber was wäre die Stadt ohne ihre Autonomen?

In Berlin kommt man am Begriff „linksradikal“ seit einigen Monaten kaum noch vorbei. Der geradezu inflationäre Gebrauch hat seine Gründe: Erst gab es in diesem Jahr etwas deftigere Auseinandersetzungen am 1. Mai, dann wurde versucht, den stillgelegten Flughafen Tempelhof zu besetzen, später brannten ständig Autos und gerade wird öffentlichkeitswirksam gegen zwei Randalierer verhandelt. Die Boulevardpresse ist alarmiert. Und der Polizeipräsident Dieter Glietsch forderte eine gesellschaftliche Abgrenzung gegen den Linksextremismus.

Da wäre es eigentlich an der Zeit, sich einmal Gedanken darüber zu machen, wie Berlin ohne seine Linksradikalen aussehen würde. In Kreuzberg zum Beispiel hätte es keine Hausbesetzungen gegeben und das Viertel wäre heute ein gigantisches, graues Wohnblocksilo mit einem Autobahnkreuz direkt auf dem Oranienplatz. So jedenfalls sahen es die Planungen Mitte der siebziger Jahre vor. Ein anderes schmissiges Stück Autobahn befände sich an prominenter Stelle, da wo heute das Beisheim-Center steht – wäre nicht 1988 von Autonomen das damalige Lenné- bzw. Kubat-Dreieck besetzt worden. Und die Berliner CDU hätte ohne die ach so menschenverachtenden revolutionären Schurken über mehrere Jahrzehnte hinweg ausschließlich mit Slogans wie „Freie Fahrt für freie Bürger“ Wahlkampf machen können. Ein Regierender Eberhard Diepgen ohne die Autonomen wäre doch eine recht blasse Erscheinung gewesen.

Überhaupt hätten die Parteien – allen voran die Grünen – niemanden, der notorisch links von ihnen steht, sie ab und zu ärgert und ihnen ihr gediegenes Profil der bürgerlichen Mitte beschert. Und dann die Freue Universität: Mein CSU-treuer, niederbayerischer Rechtsanwaltsvater nannte sie Mitte der achtziger Jahre einen Ort, an dem man nur Haschrauchen und Steine werfen lernen kann. Mag sein, dass er da nicht völlig falsch lag. Aber dieses Bildungsinstitut hätte es ohne die 68er und diverse Hochschulstreiks auch nie über eine mausgraue geisteswissenschaftliche Verwaltungsfachakademie hinausgeschafft. Nichts wäre da heute mit Elite-Uni und Exzellenzcluster. Die Tageszeitung könnte in keiner Rudi-Dutschke-Straße residieren und der Springerpresse blieben nur Currywurstbuden und Hundehaufen als Berichterstattungsgebiete.

Ganz Berlin wäre ein großes Reinickendorf „mit ohne Subkultur“ und jeder Tourist würde zu Recht schreiend das Weite suchen. Im Grunde wäre diese Stadt ganz schön arm dran. Deshalb bleib cool Berlin und nutze die Gunst der Stunde. Be linksradikal!

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:00 06.09.2009
Geschrieben von

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3