"Der Funke ist übergesprungen"

Occupy Der Aktionstag für einen globalen Wandel läuft. In Deutschland kamen bis zum frühen Nachmittag in zahlreichen Städten 40.000 Menschen zusammen – und auch die nächste Großdemo ist schon verabredet

In Frankfurt, Köln, München und weiteren Städten haben am Samstag Tausende gegen die Macht der Finanzindustrie und für echte Demokratie demonstriert. In der Bankenmetropole am Main kamen bereits am Mittag rund 8.000 Menschen zusammen. Dort sollte der Platz direkt neben dem Eingang der Europäischen Zentralbank "auf unbestimmte Zeit" friedlich blockiert werden. Aus Köln wurden 1.500 Teilnehmer gemeldet, aus Leipzig mehr als 2.500 und aus Stuttgart rund 3.000. Auf dem Hamburger Rathausmarkt protestierten bis zu 6.000 Menschen. In München beschlossen etwa eintausend Empörte, im November zu einer Großdemonstration aufzurufen.

Attac hat den Aktionstag als „großartigen Erfolg“ bewertet. „Der Funke ist übergesprungen, die Bewegung ist da. In mehr als 900 Städten in 82 Ländern rund um den Globus haben Menschen heute ihre Wut über die Macht der entfesselten Finanzmärkte auf die Straße getragen und echte Demokratie eingefordert“, sagte Max Bank vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis. „Wir sind Teil einer globalen Bewegung, die vor allem eines eint: der Kampf gegen soziale Ungleichheit und für eine Gesellschaft, die allen Menschen echte demokratische Teilhabe ermöglicht.“ Nach Angaben des Netzwerkes beteiligten sich am Samstag mehr als 40.000 Menschen an den Protesten.

Die größte Demonstration fand in Berlin statt, Attac zählte hier bis zu 10.000 Teilnehmer. Am Nachmittag zog der Protestzug vor das Kanzleramt im Regierungsviertel, am offenen Mikrofon wurde debattiert, auch Pläne, eine Zeltstadt zui eröffnen, spielten vor dem Reichstrag eine Rolle. „Es geht gegen die Banken, gegen die finanziellen Machthaber im System, es geht darum, dass Profite vor den Menschen stehen“, wird der Sprecher von Occupy Frankfurt, Wolfram Siener zitiert. Alexis Passadakis von Attac warf den europäischen Regierungen vor, mit ihrer Politik die Krise noch zu verschärfen.

Angekündigt worden waren zuvor Aktionen in mehr als 50 Städten. In Berlin diskutierten die Teilnehmer einer Krisenanhörung über die Ursachen und Folgen der Finanzkrise. Selbst die SPD nennt die Proteste „absolut berechtigt“, die Gewerkschaft Verdi ruft ebenso wie die Linkspartei und linke Gruppen (etwa hier) zur Teilnahme auf. Der Vorsitzende der Linkspartei, Klaus Ernst, hat die Proteste in Deutschland unterdessen als "Aufstand der Anständigen" bezeichnet. DGB-Chef Michael Sommer sagte am Samstag in Berlin, dass vor allem junge Menschen zu Recht das Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich anprangerten. "Jenseits jeglicher demokratischer Legitimation und ohne Verantwortung für die Allgemeinheit sind skrupellose Investmentbanken dabei, unsere Gesellschaften zu spalten und aus den Angeln zu heben", so der Gewerkschafter. "Man muss der Spekulation das Handwerk legen und die Finanzmärkte stark regulieren." Ähnlich äußerte sich der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold. Er sei selbst empört darüber, dass die Politik nicht in der Lage sei, "die weitgehenden Regulierungen durchzusetzen, die nach der Krise nötig wären". Und nun müssten die Banken wieder gerettet werden. "Dass die Leute das aufregt, das kann ich gut verstehen", sagte Giegold im NDR-Rundfunk.

Den Auftakt des globalen Aktionstages bildeten Demos in Fernost: In Auckland kamen etwa 3.000 Menschen zusammen, in Sydney folgten etwa 2.000 Menschen den Aufrufen, Agenturberichten zufolge schwenkten Aktivisten Plakate mit Aufschriften wie "Geld kann man nicht essen". Auch in Tokio (hier), Hongonk (hier) und der philippinischen Hauptstadt Manila haben bereits Aktionen stattgefunden. Dort zogen Demonstranten vor die US-Botschaft. In Rom musste eine Demonstration früher als geplant beginnen. "Wir sind einfach zu viele", zitierten italienische Medien die Organisatoren. Eine Nachrichtenagentur nannte die Beteiligung hier "enorm".

Im Laufe des Tages sind weltweit Hunderte Demonstrationen und Kundgebungen geplant. Meldungen zufolge ist bei den Protesten gegen Marktmacht, Kapitalismus und für Demokratie in London auch Wikileaks-Gründe Julian Assange vorübergehend festgenommen worden. Später konnte Assange allerdings zu den Teilnehmern der Aktion sprechen.

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10:40 15.10.2011

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