Günter Frech
09.10.2009 | 15:16 2

Die Deutschland putzen

Arbeitskampf Hunderttausende Gebäudereiniger halten die Republik sauber. Seit Oktober stehen sie ohne Tarifvertrag da. Die Urabstimmung läuft, ein Streik der Nadelstiche ist denkbar

Sie ist die oberste Reinigungskraft der Republik. Susanne Neumann hält ein Brötchen in die Höhe und sagt: „Noch nicht mal das können wir uns von der Tariferhöhung kaufen, die uns die Arbeitgeber angeboten haben.“ Dann reißt die rothaarige Frau ein Stück aus dem Backwerk. „Es reicht gerade für das hier!“ Der Saal tobt.

Es war einer der wenigen Höhepunkte beim Kongress der IG BAU vor einigen Wochen. Bei der einstigen Bauarbeitergewerkschaft war der damalige Arbeitsminister angekündigt. Doch Susanne Neumann und ihre Kollegen stahlen dem SPD-Mann die Wahlkampfshow. 200 Berliner Gebäudereiniger besetzten die Bühne und hielten ihm Transparente entgegen: „Wir putzen Deutschland!“

Tariflicher Mindestlohn ausgelaufen

Fast eine Millionen Gebäudereiniger arbeiten in der Bundesrepublik, halten Schulen und Flughäfen in Schuss, räumen Büroangestellten den Dreck hinterher und sorgen in Krankenhäusern für Hygiene. Ein besonders gutes Image hat der Job jedoch nicht, und verdient wird in der Branche auch nicht besonders üppig. Zu Monatsbeginn ist auch noch der tariflich vereinbarte Mindestlohn ausgelaufen. Die Lohnuntergrenze war Mitte 2007 für allgemeinverbindlich erklärt worden.

Susanne Neumann wird richtig sauer, wenn sie darüber spricht. Sie arbeitet seit 28 Jahren in einem Gelsenkirchener Unternehmen, für das 2.000 Menschen putzen. Und sie ist die Vorsitzende der Bundesfachgruppe der Gebäudereiniger der IG BAU. Sieben lange Monate hat die Gewerkschaft mit den Arbeitgebern um eine Tariferhörung gerungen, sechs Verhandlungsrunden blieben vergeblich. 8,7 Prozent mehr Geld fordert die Gewerkschaft. Das letzte Angebot der Unternehmen betrug drei Prozent auf 21 Monate verteilt – das sind etwa 24 Cent pro Stunde. Neumanns angebissenes Brötchen eben. „Warum sollen wir auch eine Lohnerhöhung bekommen?“, fragt die 50-Jährige sarkastisch. „Wir sollen uns totschuften. Den von unserer Rente können wir nicht leben.“

An der Grenze zur Sittenwidrigkeit

Bitterer Humor angesichts einer bitteren Lage. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten putzt auf der Basis von Mini-Jobs. Viele müssen sich mit dem unterschiedlichen Mindestlöhnen in Ost und West begnügen. „Seht ihr den Leuten an, wer 6,58 Euro und wer 8,15 Euro verdient?“, sagt Neumann. Und es ist in Wahrheit nicht als Frage gemeint.

Jetzt nach dem Auslaufen des Tarifvertrags sinken die Untergrenzen bei Neueinstellungen sogar noch weiter – auf 5,71 Euro beziehungsweise 4,61 Euro pro Stunde. Unterhalb solcher Löhne beginnt das juristische Reich der Sittenwidrigkeit. Die Arbeitgeber bemühen die Krise. „Wo nicht gearbeitet wird“, sagt Johannes Bungart vom Innungsverband, „wird auch nicht gereinigt.“ Gewerkschaftsvorstand Frank Wynands hält dagegen: „Die Branche ist besser aufgestellt, als sie selber vorgibt.“

Auch Neumann kennt keine Firma, die Insolvenz anmelden musste. Die Branche blickt auf stetig wachsende Beschäftigtenzahlen – inzwischen sind es mehr als im Bauhauptgewerbe, dem Kernklientel der IG BAU. Anders als bei den Polieren und Maurern sind die Gebäudereiniger bisher aber noch kaum organisiert. Etwa 70.000 „Putzer“ sind Mitglied der Gewerkschaft. Doch die Zahlen steigen.

Dafür sind auch die oft miserablen Arbeitsbedingungen verantwortlich. Von Objektleitern ausgeübter Psychoterror sei an der Tagesordnung, berichtet Neumann. Mal werden Reinigungsmittel nicht in an den Maschinen nicht ausgetauscht. Bei Beschwerden drohen die Objektleiter. „Haben die eine auf dem Kicker, kann es sein, dass sie zu zwei Objekte eingeteilt werden, die eine Stunde Wegstrecke voneinander entfernt liegen“, erzählt Neumann. Wegezeit wird nicht bezahlt.

Preisdruck am Wischmob

Und die Unternehmer werden immer frecher, sagt Neumann. Den Beschäftigten bleibe immer weniger Zeit für immer mehr Quadratmeter, der Preisdruck in der Branche wird direkt zum Besen und Wischmob weitergegeben. Reinigte eine Putzkraft bisher in zwei Stunden zwischen 600 und 800 Quadratmeter, bekämen neueingestellte Kolleginnen nur noch eineinhalb Stunden dafür zur Verfügung gestellt. „Aus Angst, den Job zu verlieren, hängen die Leute die halbe Stunde dran.“ Viele Beschäftigten würden den Ärger in sich hineinfressen. Bei anderen erwacht der Wille, etwas dagegen zu tun.

Und so wird auch die Bundesfachgruppe von Susanne Neumann immer wichtiger. Nicht nur in dem klassischen Sinne einer Gewerkschaft. Auch als Kummerkasten. Die Chefin sagt selbst, dass sie „halbe Sozialberaterin“ sei. Bei Vollzeit verdient eine Reinigungskraft zwischen 800 und 900 Euro netto. „Kommt eine Stromnachzahlung von 250 Euro, steht die Kollegin verzweifelt vor mir.“ Dann geht Neumann mit ihr auf eine Zigarette in irgendeine Ecke. „Hinterher sieht die Welt ein wenig besser aus.“

Arbeitgeber erwarten Nadelstiche

Neumann erzählt das alles eher bedächtig und leise. „Ich kann aber auch ganz schön schrill sein“, sagt sie. So mancher Vorgesetzter fürchte sich vor ihrer lauten Stimme. In der Firma, in der sie arbeitet, sind 2.000 Leute auf fünf selbstständige Firmeneinheiten verteilt – hohe Fluktuation, viele Zeitverträge, Minijobber, Hartz-IV-Aufstocker, Schüler, Studenten, Vollzeit und Teilzeit, Deutsche und Ausländer. Das macht es für die Betriebsrätin Neumann nicht einfacher. „Mein Tag endet oft erst um ein Uhr in der Nacht.“

Wenn nun womöglich auch noch ein Streik kommt, könnten die Tage für Neumann sogar noch länger werden. Anfang Oktober hat die Gewerkschaft ihre Mitglieder zur Urabstimmung gerufen. Die Arbeitgeber weisen gern darauf hin, dass es um die Streikfähigkeit der IG BAU in der mittelständisch geprägten Branche nicht so gut bestellt ist. Eine Taktik der Nadelstiche könnte den Unternehmen aber sehr wohl demonstrieren, dass es Susanne Neumann und ihre Kollegen ernst meinen. Die Innung weiß das, wie das „Merkblatt Arbeitskampf” des Handwerksverbandes zeigt. „Es ist zu erwarten“, steht in dem Streikabwehrpapier, „dass sich die IG BAU auf ausgewählte, öffentlichkeitswirksame Objekte” konzentrieren werde.

In der kommenden Woche endet die Urabstimmung der Gewerkschaft.

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