Digitaler Vormarsch

Nazi 2.0 Rechtsradikale entwicklen ihre eigenen Social Networks. Die Facebook-Nachahmung zeigt, dass sich die braune Szene kulturell öffnet, um schlagkräftiger zu werden

Der User hat genaue Vorstellungen darüber, wie seine perfekte Partnerin sein sollte. "Ein bisschen gepierct und ein bisschen tätowiert", wünscht er sich seine bessere Hälfte, "und dann noch treu und national". Die Chancen des braunen Surfers seine Traumfrau zu finden, haben sich seit ein paar Wochen verbessert. Denn mit dem Start des Social Networks "NS-Treff" haben jetzt auch die Neonazis ihren Spielplatz im Netz gefunden. Auf schlicht gestalteten Profilseiten präsentieren sich hier junge Rechtsradikale und versuchen den Erfolg von Massennetzwerken wie StudiVZ oder Facebook zu kopieren.

Verhaltener Ansturm

Der Ansturm ist noch recht verhalten – das ist allerdings kein Wunder. Wegen rechtlichter Probleme musste das Netzwerk erst kürzlich seine Pforten schließen und auf einen internationalen Server umziehen. Und auch dort war die Seite noch vor wenigen Tagen eher unregelmäßig zu erreichen – angeblich wegen Serverproblemen, wie die Betreiber von "NS-Treff" behaupten.

Derzeit ist die Seite wieder erreichbar. Damit das so bleibt und nicht doch die Staatsanwaltschaft demnächst auf der Matte steht, geben die Betreiber ihren Kunden Tipps mit auf den Weg: "HKs (Hakenkreuze, die Red.) und andere in der BRD strafrechtliche Symbole sind im künstlerischen Ausdruck verwendbar, solange sie nicht das Bild dominieren und/oder Hauptausdruck des Bildes oder des Videos darstellen", heißt es da in den Nutzerbedingungen. Und auch sonst versuchen wenigstens die Organisatoren mit der Web-Seite immer haarscharf an der Strafbarkeit vorbei zu schlittern.

Die Nutzer der Seite scheinen sich da weniger Sorgen zu machen. Schon in den Usernamen schaffen es viele "NS-Treff"-Mitglieder die in der rechten Szene üblichen Zahlencodes und Abkürzungen unterzubringen. Besonders beliebt: 88 – in der Szene Code für "Heil Hitler", findet sich hinter eine Vielzahl von Nutzernamen.

"Mein Kampf" als Lieblingsbuch

Expliziter wird es auf den Profilseiten. Da wird der nationalsozialistische Hetzstreifen Der ewige Jude als Lieblingsfilm angegeben, die Lieblingsbücher dominiert Mein Kampf. Auf den Fotos und Videos, die die Nutzer hochladen können, stellen sie stolz ihre rechte Gesinnung zur Schau, wettern gegen Juden, die BRD und die Antifa.

Damit hebt sich "NS-Treff" nicht sonderlich von anderen rechten Treffpunkten im Internet ab – und davon gibt es viele. Vom NPD-nahem Forum Altermedia mit offen antisemitischen und rassistischen Einträgen bis zum islamophoben Politblog PI-News aus dem Umfeld der Rechtspopulisten von Pro Köln, bietet der Cyberspace Rechten jeder Spielart eine Heimat. Dabei nutzen sie die offenen Strukturen des Internet, um gegen die offene Gesellschaft mobil zu machen.

Dieses Phänomen ist nicht neu – und auch nicht auf das Internet beschränkt. Der "NS-Treff" ist nur der digitale Ausdruck einer Entwicklung, die mit dem Auftreten der "autonomen Nationalisten" ihren Anfang nahm. Diese Bewegung innerhalb der rechten Szene entstand, um Jugendlichen eine Alternative zur schon kulturell viel attraktiveren linken Szene zu geben. Wer Teil der Rechten werden will, muss sich nicht mehr länger den Schädel rasieren und miesen Rechtsrock hören – er kann sich mehr oder weniger sportlich kleiden und sogar Punk hören. Jedenfalls solange er ideologisch auf Linie ist. Ohne diese kulturelle Öffnung hätte es die Rechte wohl nicht geschafft, Teile der Jugend in bestimmten Regionen auf ihre Seite zu ziehen. Dass die Emulation nun auch im Internet ihre Fortsetzung findet, ist da nur logisch.

Völkische Motive, modernes Design

Noch ist "NS-Treff" keine Massenplattform – jede noch so spezielle StudiVZ-Gruppe hat mehr Mitglieder. Doch das braune Social Network hebt sich zumindest optisch von der Masse der rechtsradikalen Webseiten ab. "NS-Treff" kommt nicht so bieder wie zum Beispiel die Homepage der NPD daher. Stattdessen verpackt die Seite völkische Motive in modernem Design. Sie orientiert sich damit mehr an dem Erfolgsmodell rechter Modelabels wie Thor Steinar oder Eric and Sons, die es geschafft haben, Neonazis modern einzukleiden und so die Skins mit Bomberjacke und Springerstiefeln aus dem Straßenbild zu entfernen. "NS-Treff" schlägt in die gleiche Kerbe: Hinter dem vordergründig harmlosen Austauschen von Fotos und Videos, den infantilen Selbstbeschreibungen und den pubertären Flirtversuchen potentiell gewaltbereiter Schläger, steckt nur ein weiterer Versuch, die Szene zu einen, zu vergrößern und so schlagkräftiger zu machen.

Ob das gelingt ist allerdings fraglich. Denn wenn die rechte Szene in den letzten Jahren durch eins aufgefallen ist, dann durch ihre Zerstrittenheit.

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07:00 02.08.2009
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Ausgabe 37/2021

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