Glossar der Gentrifizierung

Stadtpolitik In Hamburg besetzen Künstler leerstehende Häuser aus Protest gegen die fortschreitende Yuppisierung der Hansestadt. Aber was ist das eigentlich: Gentrifizierung?

Begriff

Gentrification oder Gentrifizierung leitet sich vom englischen Wort „Gentry“ ab, was niederer Adel bedeutet. Stadtsoziologen sprechen von Gentrifizierung, wenn alte Wohnquartiere so umgebaut werden, dass sie hinterher aufgewertet sind und die Mieten deutlich höher liegen. Dabei wird die ursprünglichen Bevölkerung verdrängt. Einige Autoren sprechen auch von einer Verneureichung der Innenstädte, umgangssprachlich könnte man auch Yuppisierung sagen. Eine gute Zusammenfassung findet sich auf der Website des Hamburger Kollektivs Lomu.

Orte

Meist findet Gentrifizierung in innenstadtnahen Altbauquartiere statt. Zuerst konnte man das Phänomen ab den sechziger Jahren in den USA beobachten. Prominentes Beispiel ist das New Yorker Stadtquartier SoHo in Manhattan. Früher wurden hier in den berüchtigten Sweatshops Kleider genäht, dann mussten die Fabriken schließen. Künstler kamen, Lofts wurden en vogue. Auch im römischen Stadtteil Trastevere, südlich des Vatikans gelegen, ist die Lage inzwischen ähnlich. Durch die engen Gassen drängen sich heute überwiegend Touristen. Im Pariser Quartier Bastille ist von Revolution längst keine Rede mehr. Auch hier regiert die Schickeria.

In Deutschland kennt man Gentrification zum Beispiel aus der Gegend um den Berliner Kollwitzplatz. Bilder von wohlhabenden Eltern, die ihre dreisprachigen Kleinkinder in monatslohnteuren Markenkinderwagen spazieren fahren und auf dem Biomarkt einkaufen, gingen ebenso durch die Feuilletons, wie das damit verbundene Schwabenbashing. Berlin und Hamburg sind jedoch bei weitem nicht die einzigen deutschen Städte in denen verdrängt wird. Im Grunde passiert dies in fast jeder größeren Stadt. In Bremen etwa im Ostertorviertel, in Kölner Ehrenfeld, vor allem bekannt durch den Streit um die Großmoschee, oder im Münchener Glockenbachviertel, um nur einige zu nennen.

Wellen



Der Stadtsoziologe Andrej Holm beschreibt in seinem Blog drei Wellen der Gentrification: In der ersten Aufwertungswelle ziehen Künstler und Studenten in Gegenden die heruntergekommen sind, in denen es Leerstand gibt. Denn zunächst sind die Mieten billig. Sie sind die Pioniere des Prozesses, machen das Land urbar. Sie eröffnen Galerien, Szenekneipen und Underground-Party-Locations. Dadurch wird das Viertel zunächst symbolisch aufgewertet, es gilt erst als Geheimtyp, dann als angesagt. In einer zweiten Welle ziehen Besserverdienende zu. Damit einher gehen aufwendige Sanierungen der Wohnungen. Teure Restaurants und Spezialitätengeschäfte machen auf, Kultureinrichtungen etablieren sich. Die dritte Welle der Aufwertung wird in der internationalen Debatte als Super- oder Ultragentrification bezeichnet. Jetzt kommen ökonomisch noch stärkere Gruppen und verdrängen die Pioniere. Schon sanierte Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt. Auf letzten Brachflächen werden Luxussiedlungen errichtet. Die Restaurants werden noch exquisiter, Designergeschäfte prägen das Strassenbild. Nur noch einzelne Einheimische haben es geschafft zu bleiben.

Proteste

Gentrification ist kein Naturphänomen, sondern meist Ergebnis stadtpolitischer Entscheidungen. Gegen die kapitalistische Aufwertung von Kiezen regt sich deshalb immer wieder Protest – wie in Hamburg. Ein anderes Beispiel ist der Widerstand gegen das so genannte Mediaspree-Projekt in Berlin. Das Bündnis Mediaspree Versenken versucht den Bau von Bürogebäuden, Lofts und Hotels am Spreeufer, auf bisher un- oder zwischengenutzten Grundstücken zu verhindern. In den USA sind die Gegner der Gentrifizierung unter dem Slogan Right-to-the-City vernetzt.



15:13 03.09.2009
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare