Hare Bologna, hare, hare

Hochschule Niemand glaubt mehr an die Ziele der Hochschulreform, die vor zehn Jahren gestartet ist. Einzig die Macher selbst halten wie eine Sekte an ihren Glaubensgrundsätzen fest

Schlimmer hätte es nicht kommen können: Medizin-Professoren diagnostizieren die Bachelor-Exekutoren als reif für die Psychiatrie. Von der FAZ bis zur Tagesschau lassen die Medien kein gutes Haar mehr an diesem angeblichen Rettungsversuch der Hochschulen. Die Studenten lehnen die „Reform“ ohnehin ab, die aus dem Studium nicht nur den Geist der Kritik, sondern auch den Begriff der Wissenschaft vertreibt mit Argumenten, deren Fadenscheinigkeit nur der Bildungsministerin Schavan noch nicht aufgegangen zu sein scheint.

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Europäischer Hochschulraum? Heute ist es kaum noch möglich, von Bundesland zu Bundesland zu wechseln, ja nicht einmal von Hochschule zu Hochschule, und für ein Auslandssemester bleibt keine Zeit mehr. Vergleichbarkeit und gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen? Da müssen Credits gesammelt werden, doch nachher erweist sich selbst diese allgemeine Geldware des Studiums als nicht frei konvertierbar.

Employability? Mühsam suchen sich Bachelor einen Platz auf dem Arbeitsmarkt. In der Vergangenheit seien doch geisteswissenschaftliche Magister auch irgendwo untergekommen, weist der Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Wilfried Müller, diese Kritik zurück. Es gebe Lücken auf dem Arbeitsmarkt – die müssen die Bachelors nur finden. Wie bitte? War der Bachelor nicht angeblich deshalb nötig, weil die Hochschulen „am Arbeitsmarkt vorbei“ produzierten? Ein Medizin-Dekan darauf: Die Realitätsverleugnung der Bologna-Crew habe mittlerweile sektenhafte Züge angenommen.

Handwerklich schlecht gemacht

Bologna soll mehr jungen Leuten ein Studium ermöglichen, weil dieses kürzer und studierbarer wird? Die Bologna-Regeln haben die sozialen Barrieren noch mal höher gesetzt: Ein Teilzeitstudium ist unmöglich, vor allem, wenn man noch Studiengebühren zahlen muss. Was sollen denn nun die Studierenden tun, die ihren Lebensunterhalt durch Jobben bestreiten müssen? Aber auch ein Vollzeitstudium ist vielerorts nicht machbar, wenn man wirklich alle Anwesenheitspflichten erfüllen will, die an die Module gekoppelt sind.

Während auf den Straßen die streikenden Studenten ein vernichtendes Urteil über die missglückte Studienreform abgeben, ziehen Profs und Profis des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz in der glanzvollen Godesberger Redoute ihre Bilanz von zehn Jahren Bologna-Prozess. Da hat man Bologna-Berater und Bologna-Promotoren übers Land geschickt, Hochschullehrerinnen und –lehrer wurden gecoacht, um die Studienreform a la Bologna nicht nur in den Studienordnungen, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Hochschulangehörigen zu verankern, und nun stellt man fest: war ja alles gut gemeint, nur erstens schlecht gemacht und zweitens schlecht verkauft, so Reinhold Grimm, Romanist in Jena und Vorsitzender des Akkreditierungsrats, also so etwas wie der Gralshüter von Bachelor und Master.


Verbitterung auch hier: Das dreijährige Bachelor-Studium lasse keine Zeit, um eine Fremdsprache für das Lehramt auf wissenschaftlichem Niveau zu erlernen. Freiräume gebe es ohnehin keine mehr, meint die Dekanin der Philosophischen Fakultät der Freiburger Universität, Gisela Riescher. Und schließlich sei das Ganze bürokratisiert und überreguliert. Forst und Umwelt werden durch die Papierberge geschädigt, die bei der Akkreditierung neuer Studiengänge anfallen, und um die Kosten für die Akkreditierungsverfahren zu bestreiten müsse sie die Lehraufträge streichen. So sorge Bologna nicht für mehr, sondern weniger Qualität des Studiums, stellt die Freiburger Dekanin fest.

Klar, die Fehler in der Umsetzung: Employability als Schmalspurstudium und nicht als breite wissenschaftliche Qualifikation, mehr Bürokratie statt großer Freiheit. Der Kompetenzbegriff, der an die Stelle von Inhalten treten soll – niemand versteht ihn, und es gibt gute Gründe, ihn auch nicht verstehen zu wollen. Wenn man immer nur das Gegenteil von dem erreicht hat, was man wollte muss man sich doch mal fragen, ob es nur an der Umsetzung lag oder nicht doch am System?

Der Systemfehler: Diese vermeintliche Reform hat kein Subjekt in der Hochschule. Lehrende wie Lernende sehen sich von oben betrogen. HRK-Vizepräsident Wilfried Müller wirft auf der Bologna-Bilanz-Tagung den Professoren vor, sie hätten doch nur keine Lust, weil sie nun mehr arbeiten müssen, weniger Macht haben und zudem noch weniger verdienen. Wenn sie nicht wollten, müsse man die Reform halt mehr mit den Studis machen. Von denen ist aber nur die Alibi-FZS-Vertreterin da. Ein weiterer Beweis für die sektenhafte Realitätsblindheit der Bologna-Crew.


Aber wie jedes politische Handeln hat auch Bologna ein Subjekt, außerhalb der Hochschulen. Sicher, den „Herrschenden“ – wir verzichten hier mal auf die Klärung des diffusen Begriffs – handeln nicht immer rational, schon gar nicht planvoll; sie sind nicht allmächtig und ihnen misslingt auch mal das eine oder andere. Aber warum tun sie sich, warum tut man uns so was an? Weil die Hochschulen, weil Wissenschaft nicht mehr als mehr oder minder autonomes Subsystem interessant sind, sondern nur noch als Zulieferbetrieb, für Arbeitskräfte, für vermarktbare Forschung und Entwicklung. „Adornos Dialektik verträgt nicht diese Hektik“ reimten Berliner Studenten und treffen damit den Kern von Bologna: Der Stress beim Punktesammeln, die Verwandlung von wissenschaftlicher Erkenntnis in die Warenform von Kreditpunkten, das alles passt in ein System, in dem Wissenschaft und europäischer Hochschulraum nur einem Ziel dienen: Europa „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt“ zu machen – dem Lissabon-Ziel. Da muss man Studenten wie Professoren alle anderen Flausen austreiben.

Müssen wir jetzt Angst bekommen vor dem übermächtigen Wirtschaftssystem, das uns alle knechtet? Unsinn: Denn erstens würde es dem „Lissabon-Ziel“ schaden, wenn die Leute so blöd würden, wie man sie gern hätte: Freiraum, Kritik, Interesse, Spaß an der Sache – ohne das geht’s auch im Wettbewerb schlecht. Und zweitens, das zeigt die kreative Kritik der demonstrierenden Schüler und Studierenden ebenso wie die breite Ablehnung in der Öffentlichkeit, werden die Leute auch gar nicht so blöd, da kann man noch so viele Akkreditierungsverfahren durchführen und Kreditpunkte vergeben.

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11:59 19.06.2009

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