Robert Kurz
06.02.2009 | 17:55 46

Historische Systemkrise

Arbeitsmarkt Ein Zusammenbruch des Arbeitsmarktes ist denkbar, weil Hilfen des Staates nur die Kernbelegschaften der Großunternehmen erreichen


Gibt es eine Weltwirtschaftskrise mit stabilen Arbeitsmärkten? Die Bundesregierung hofft anscheinend immer noch auf die Quadratur des Kreises in dieser Hinsicht. Aber pünktlich zum Start des Krisenjahrs 2009 ist die Arbeitslosenzahl innerhalb weniger Wochen um eine halbe Million gestiegen. Wenn schon im Januar alle Befürchtungen übertroffen werden, kann man sich die weitere Entwicklung ausmalen. Gegen das Wegbrechen der Exportaufträge und der Inlandsnachfrage ist kein Kraut gewachsen. Trotz einer Rekord-Neuverschuldung von 50 Milliarden Euro gleichen die Konjunkturprogramme dem Versuch, eine Lawine mit vorgehaltenen Aktentaschen zu stoppen. Die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Abwrackprämie hat sich bereits als Rohrkrepierer erwiesen; der Absatz von Autos stürzt in einem nie da gewesenen Ausmaß ab. Quer durch das gesamte Branchenspektrum häufen sich die Hiobsbotschaften, obwohl die globale Kettenreaktion der konjunkturellen Abwärtsspirale noch gar nicht in vollem Umfang wirksam geworden ist.

Massenentlassungen bei den Zulieferern

Noch immer wird so getan, als hätten wir es mit einer vielleicht etwas größeren gewöhnlichen Konjunkturdelle zu tun. Tatsächlich ist das „finanzgetriebene Wachstum“ von mehr als zwei Jahrzehnten zum Stillstand gekommen. Die fiktiven Gewinne auch des industriellen Sektors aus den Aktien- und Immobilienblasen lösen sich in Rauch auf. Die davon genährte Defizitkonjunktur war aber schon ein indirektes welt-keynesianisches Rettungsprogramm, das trotz langfristig steigender Sockelarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung auch die Arbeitsmärkte relativ stabilisiert hatte. Nur deshalb konnten die Konzerne Kernbelegschaften halten, auch wenn diese in einem schleichenden Prozess abgebaut wurden. Die jetzt um sich greifende Kurzarbeit zeigt, dass diese Stabilisierung zu Ende geht. Zwar will die Bundesregierung durch Verlängerung des Kurzarbeitergelds den Dammbruch verzögern, aber ein solche Subventionierung lässt sich bestenfalls einige Monate durchhalten. Von der Kernbeschäftigung in den Konzernen hängen Millionen Arbeitsplätze in den Zulieferbetrieben und bei den Dienstleistungen ab. Hier wird es kein Zwischenstadium der Kurzarbeit geben, sondern den direkten Übergang zu Massenentlassungen.

Selbst als die Defizitkonjunktur ihren Zenit erreichte, waren die Gewerkschaften viel zu zahm, um wenigstens bei den Kernbelegschaften einem Verfall des Lohnniveaus ernsthaft entgegenzutreten. In der Weltwirtschaftskrise versprechen nun die anstehenden Tarifrunden, zum Trauerspiel zu werden, wenn die Konkurrenz um verbleibende Arbeitsplätze mit Zähnen und Klauen ausgetragen wird, während die kapitalkonforme Anbindung der eigenen Forderungen an das Gewinnwachstum ihren Gegenstand verliert. Jetzt sind auch die „aristokratischen“ Kernbeschäftigten in ihrer Arbeitsexistenz nur noch „Tote auf Urlaub“; nicht mehr bloß in Form einer langsamen Ausdünnung, sondern großflächig. Wenn es die einst stolzen Banker massenhaft aufs Pflaster wirft, warum sollte da das produzierende Gewerbe verschont bleiben, das schon längst nicht mehr selbsttragend war, sondern zuletzt nur noch von der irregulären Kaufkraft aus den Finanzblasen gelebt hatte.


Wenn Rettungspakete und Konjunkturprogramme den Einbruch der Kernbeschäftigung bestenfalls um Monate verzögern können, ist das Schicksal der Randbelegschaften noch weitaus kurzfristiger absehbar. In allen Industriestaaten schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit für die geschönte Arbeitslosenstatistik. Den Krisenverwaltungen wird vermutlich schneller als gedacht das Geld für Maßnahmen ausgehen, mit denen Langzeitarbeitslose, Ältere oder Behinderte in die Warteschleife abgeschoben wurden.

Mehr denn je droht millionenfache Billigbeschäftigung in einer bisher kaum vorstellbaren Größenordnung unterzugehen. Wie kein anderes europäisches Land hat die BRD einen riesigen, gesellschaftspolitisch gewollten Billiglohn-Sektor hervorgebracht. Spiegelbildlich zur immer einseitigeren Exportorientierung wurde der Arbeitsmarkt in einen weitgehend globalisierten Sektor der schrumpfenden Normalarbeit und einen rapide wachsenden Binnensektor der Prekarisierung gespalten. Offenbar besteht die Absicht, in der Krise den ersten Sektor mühsam über Wasser zu halten und den zweiten unter nochmals verschlechterten Bedingungen weiter auszudehnen. So soll die in Aussicht gestellte Mindestlohnregelung für Zeitarbeiter wieder zurückgenommen werden.

Geht schon die erste Rechnung nicht auf, so die zweite noch weniger. Die ungeschützten Zeit- und Leiharbeiter, die geringfügig und in Teilzeit Beschäftigten, Scheinselbstständigen und Ein-Euro-Jobber springen als erste über die Klinge – VW hat bereits eine Entlassungswelle bei der Leiharbeit angekündigt; und das ist noch die Crème der Billigbeschäftigung. Es wäre ein Wunder, wenn ausgerechnet die vielen würdelosen Dienstleistungsklitschen vom Friseur- bis zum Reinigungsgewerbe am Leben blieben. Ein Zusammenbruch der Arbeitsmärkte auf breiter Front ist denkbar geworden. Sogar die Wirtschaftswoche hat ein Worst-Case-Szenario entwickelt, das in Deutschland bis 2013 einen Fall des Bruttoinlandsprodukts um 15 Prozent und eine Arbeitslosenzahl von acht Millionen für möglich hält. Es geht nicht mehr um einen Abschwung – es geht um eine historische Systemkrise, die mit dem Vorstellungsvermögen und dem Instrumentenbesteck von Merkel, Steinbrück und Glos nicht mehr zu bewältigen ist.

Kommentare (46)

wingthom 06.02.2009 | 23:10

Die menschliche Spezies wird auch diese Änderung ihres Ökosystems "überleben", da gab es schon ganz andere Herausforderungen. Keiner muss verhungern oder erfrieren oder aufgrund mangelhafter medizinischer Versorgung an Lappalien zugrunde gehen - dafür wird unser Sozialprodukt selbst dann reichen, wenn der gesamte Export zum Erliegen kommt. Schließlich arbeiten doch heute schon 90 % der Bevölkerung aussserhalb wirklich lebensnotwendiger Berufe bzw. Branchen. 10 % halten alles Wichtige am Laufen, der Rest ist nett zum haben, aber verzichtbar. Oder arbeitet für die Bevölkerung von Ländern, die sich zu fein dafür sind, Maschinenbau zu betreiben oder es nicht organisiert bekommen. Der Ruf nach einer starken Politik, die mit ein paar Massnahmen "alles wieder in den Griff bekommt", klingt vor diesem Hintergrund nicht nur naiv, sondern hilflos. Vermutlich bleiben die meisten Deutschen deshalb so ruhig, weil sie die Politik schon vor Jahren abgeschrieben haben - und das ist gut so. Wer kann, soll sich selbst helfen. Wer anderen helfen kann, sollte auch das tun. Und wer sich selbst nicht helfen kann. soll Hilfe angeboten bekommen und auch annehmen. Dafür braucht es kaum Politik, nur Menschen, die sich kümmern, eine aktive Gesellschaft.

Budweiser 07.02.2009 | 00:24

Der "Zusammenbruch der Arbeitsmärkte auf breiter Front" ist doch ohnehin unvermeidbar. Der Mensch wird nur dort benötigt, wo die Maschine bisher noch nicht selbständig oder effizient genug ist, um ihn zu ersetzen. Die Zeiten, in denen alle Menschen ihren Lebensunterhalt vom Verkauf ihrer Arbeitskraft bestreiten konnten, sind unwiederbringlich vorbei. Vollbeschäftigung wird nur noch im Geschichtsbuch zu bewundern sein, egal wie verheißungsvoll sie von unseren treusorgenden Repräsentanten in Aussicht gestellt wird - sofern wir doch nur noch diese und jene Kröte schlucken würden. Wenn es dann doch wieder nichts mit dem "Wohlstand für alle" wird, sind daran ohnehin die von der Opposition schuld, wahlweise auch die Ausländer, der Klimawandel oder andere Sachzwänge. Am System kann es ja schließlich nicht liegen, denn das ist doch erklärtermaßen das beste, was sich denken läßt.

Über kurz oder lang führt kein vernünftiger Weg am Konzept "bedingungsloses Grundeinkommen" vorbei. Leider scheint Vernunft kein vorrangiges Leistungskriterium in unserer Repräsentanten-Hierarchie zu sein,

unschuldvomland 07.02.2009 | 01:23

Ich will hier ja nicht zu nahe treten, aber Fakt ist: das Finanz- und Bankensystem der USA und Westeuropas wäre im Oktober 2008 zusammengebrochen. Was das konkret bedeutet hätte, haben unsere Medien und Politiker mal vorsichtshalber verschwiegen. So hat die BRD nun mal selbst nur unzureichend Energieträger.
Ich halte die Garantien und Rettungsschirme in der praktizierten Form für falsch. Aber ohne Maßnahmen (die wir uns eigentlich nicht leisten können) hätten wir Chaos und Elend.

Rio-Waxing 07.02.2009 | 13:10

Vielleicht nimmt der Autor ja die Dienste der "Dienstleistungsklitschen vom Friseur- bis zum Reinigungsgewerbe" nicht in Anspruch, sondern erledigt dies in Heimarbeit oder geht zum Edel-Dienstleister. Anderenfalls könnte es durchaus sein, daß er erkennt, daß eine Tätigkeit dort, trotz widriger Bedingungen und niedriger Bezahlung, für viele würdevoller ist, als sich vom Staat alimentieren und von Beamten gängeln zu lassen.

sunshinegeorge 07.02.2009 | 16:12

Die Abwrackprämie ( Was für ein Unwort) wird momentan in den neolieberalen Wohlfühmedien geradezu hysterisch gefeiert. Schon spricht man vom Ende der Krise. Es scheint als ob man in dieser Republk dies als größte Errungenschaft der Demokratie ansieht. Nachdem die Wunderkerze abgebrannt ist kommt das große Oh Weh. Nur die Milliarden sind futsch , nein sie sind als neue Schulden da.

sunshinegeorge 07.02.2009 | 16:12

Die Abwrackprämie ( Was für ein Unwort) wird momentan in den neolieberalen Wohlfühmedien geradezu hysterisch gefeiert. Schon spricht man vom Ende der Krise. Es scheint als ob man in dieser Republk dies als größte Errungenschaft der Demokratie ansieht. Nachdem die Wunderkerze abgebrannt ist kommt das große Oh Weh. Nur die Milliarden sind futsch , nein sie sind als neue Schulden da.

Aglane 08.02.2009 | 16:55

Ich möchte mich lediglich kurz auf den letzten Satz des Artikels beziehen: Das Instrumentenbesteck können wir außen vor lassen. Es gibt (wie der Artikel ja durchaus erkennt) Systemerkrankungen, von denen der ganze (Staats-)Körper betroffen ist. Da hilft nur eine ganzheitliche Behandlung die alle Körperteile beeinflusst. Die Quintessenz wäre am ehesten eine gründliche Diätberatung, die einem (wie virtuos auch immer geführten Skalpell) deutlich vorzuziehen wäre.

painsofbeingpureatheart 09.02.2009 | 05:18

Sehr schön, Herr Kurz.
Diagnose einwandfrei: das Normalarbeitsverhältnis unheilbar erkrankt, der Krebs treibt Metastasen, die heißen atypische Beschäftigungsverhältnisse und von denen wird (im Alter) niemand satt noch gesund.
Dumm nur: das wissen wir ja alles schon. Das war abzusehen. Hartz 1, 2, 3, 4 und was danach geschah.
Interessant wäre ja gewesen, mal einige Therapievorschläge in den (virtuellen) Raum zu schmeißen, die dann auch sowas wie eine gewinnbringenden Diskurs anregen könnte. Aber dann macht man sich ja angreifbar? So ist das alles - mal wieder - nur langweiliges Rumgenöle...

rene 09.02.2009 | 12:23

"Wer kann, soll sich selbst helfen. Wer anderen helfen kann, sollte auch das tun. Und wer sich selbst nicht helfen kann. soll Hilfe angeboten bekommen und auch annehmen. Dafür braucht es kaum Politik, nur Menschen, die sich kümmern, eine aktive Gesellschaft."
Das klingt wirklich toll, scheint mir aber utopischer als etwa die Durchstzung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das was Dir vorschwebt, geht glaub ich in Richtung eines Netzwerkes von Gemeinschaften oder so etwas. Da es dieses nicht gibt, und viele Menschen keine reichen Freunde haben oder eben auch kein soziales Netzwerk, das wirtschaftliche Krisen aus gemeinsamen Ressourcen besser auffangen könnte, würden viele Menschen ohne Maßnahmen der Politik ins Elend rutschen.

rene 09.02.2009 | 13:13

Ach, und die Gruppe, deren einzelne Mitglieder am ehesten bereit sind den anderen Mitgliedern zu helfen, heißt Familie. Wer nun aber nicht in der Lage ist sich selbst zu helfen, der hat nun leider in aller Regel auch eine Familie die arm ist. Aber vielleicht wäre es eine Idee, denjenigen, die Jahre lang von den Spekulationsblasen profitiert haben, die Ressourcen abzunehmen, die es braucht, damit Menschen in die Lage vesetzt werden sich selber helfen zu können. Eine aktive Gesellschaft müsste dafür sorgen, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes usw. Wesen ist. Und dazu gehört eben, das alle Menschen an den Ressourcen teilhaben, die ein würdiges Leben ermöglichen. Und das ist die politische Frage überhaupt. Aber vielleicht hast Du ja recht mit deiner resignativen Haltung, oder ist sie eher existenzialistisch? was sich ja vielleicht nicht widerspricht, aber, wie ich eben zu zeigen versucht hab, massive Widersprüche, bis hin zum Zynismus in sich birgt.

Giuseppe Navetta 10.02.2009 | 00:07

Haben Sie schon einmal den Begriff der "strukturellen Gewalt" gehört? Die politische Ordnung, alltägliches Leben, materielle Ungleichheit mit der dazugehörenden zumeist fehlenden Chancengleichheit und das ökonomische System bedingen einander. Das Verhalten bzw. Verhaltensweisen des Einzelnen hängt bzw. hängen zu einem großen Teil von den vorgegebenen geschaffenen Bedingungen ab. Die sozialpsychologische Verfaßtheit eines jeden Einzelnen wirkt sich zum Teil direkt oder auch indirekt wiederum auf die gesellschaftliche Situation bzw. Ordnung aus.

Auf die Ressentiments wie, "...die sich zu fein dafür sind oder es nicht organisiert bekommen" möchte ich nicht eingehen, Derlei mehr "Gemütsregung" als konstruktive Kritik empfinde ich als Distinktionswille ihrerseits, denn sie zählen sich ja indirekt nicht dazu. Sie beschreiben damit lediglich relativ genau ihre Herkunft oder Millieu.

Die Zahlen, die sie nennen, sind völlig aus der Luft gegriffen - "Keiner muss verhungern oder erfrieren oder aufgrund mangelhafter medizinischer Versorgung an Lappalien zugrunde gehen..."
- wenn sie schreiben würden "müßte", ergebe ihr Satz einen Sinn. Auf globalen Maßstäbe angesetzt, ist ihr Satz entweder auf Unwissenheit oder begründet: Durchschnittlich sterben 24.000 Menschen an Unterversorgung der verschiedensten Arten!

- auf nationalstaatlicher Ebene vergessen sie, dass es quer durch alle Klassen und Einkommensschichten, unterschiedlichste Formen des "Leidens an geschaftlichen Verhältnissen" existieren, deren Konsequenzen zum Teil substantieller Art sind (z.B. Kindesmißhandlungen zum Teil mit Todesfolge, auch außerhalb sozialer Brennpunkte, verschiedene Arten der Vernachlässigung und fehlender Fürsorge für Gruppen mit nur schwacher Lobby einschließlich, des von Ihnen eingefordertem, aber oft fehlendem informellen Netzwerk wie Familie, Verwandte oder Freunde!!! Und das sind nur einige verallgemeinerte Beispiele - ich empfehle Ihnen "Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft", Pierre Bourdieus großes auf Gruppenarbeit basierendes Forschungsprojekt und Meisterwerk, um wieder auf den Boden sozialer Tatsachen zu kommen. )

Giuseppe Navetta 10.02.2009 | 00:10

Ihr Kommentar ist ein gutes Beispiel dafür, wie weit Thatcherismus, "New Labour" und die "Neue Mitte" ihre Spuren hinterlassen haben. Interessant dabei ist, dass sie einerseits den demokratisch legitimierten Vertretern keinerlei Potential trotz ihrer legislativen Macht zuschreiben und so ganz nebenbei die Bevölkerung als naiv beschreiben, aber andereseits einen dem Gemeinwesen verpflichtenden Bürger das Wort reden. Woher aber soll derlei Bürgersinn denn kommen? Aus dem "common sense" heraus? Aus vereinzelten sich selbst überlassenen Frendschaftskreisen mit unterschiedlichsten materiellen Voraussetzungen? Nennen Sie doch einmal ein paar Voraussetzungen für Ihre sogenannte "aktive Gesellschaft" - sie werden sehr schnell sehen, dass es kein ausserhalb Sein der "politischen Ordnung" existiert.

Wie hieß es so schön der "Eisernen Lady":

There is no such thing as society!

HansMeier555 10.02.2009 | 00:28

Herr Chirurg, was TUN?
Merkels "Instrumentenbesteck" reicht nicht. OK. Aber was könnte denn dann helfen? Wie lautet Ihr Vorschlag, Herr Kurz? Sagen Sie es ruhig, und ich willjetzt kein klein-klein hören. Stellen Sie sich vor, sie hätten quasi-dikatatorische Vollmachten und könnten ganz nach Wunsch und ohne Rücksichtnahmen auf Privatinteressen ein neues Wirtschaftsmodell einführen. Wir würde dieses aussehen? Existenzgeld? Mindestlohn? Planwirtschaft? Weltkrieg (=das ulitimative Konjunkturprogramm)? Ich bin gespannt.

odradek 10.02.2009 | 02:06

...Interessant wäre ja gewesen, mal einige Therapievorschläge in den (virtuellen) Raum zu schmeißen, die dann auch sowas wie eine gewinnbringenden Diskurs anregen könnte. Aber dann macht man sich ja angreifbar? So ist das alles - mal wieder - nur langweiliges Rumgenöle...(painsofbeingpureatheart)
...Aber was könnte denn dann helfen? Wie lautet Ihr Vorschlag, Herr Kurz? Sagen Sie es ruhig, und ich willjetzt kein klein-klein hören. Stellen Sie sich vor, sie hätten quasi-dikatatorische Vollmachten und könnten ganz nach Wunsch und ohne Rücksichtnahmen auf Privatinteressen ein neues Wirtschaftsmodell einführen. Wir würde dieses aussehen? Existenzgeld? Mindestlohn? Planwirtschaft? Weltkrieg (=das ulitimative Konjunkturprogramm)? Ich bin gespannt....(HansMeier555)

Der Autor hat darauf seine Antwort bereits gegeben:Menschen, die gerade unter dem Diktat der kapitalistischen »Selbstverantwortung« jeder Selbstbestimmung über das eigene Leben beraubt und eigentlich selber nichts mehr sind, fragen unvermeidlich nach einem »Rezept«, wenn sie sich der Ausweglosigkeit ihrer Daseinsweise überführt sehen. Damit beweisen sie nur, daß sie selbst die Überwindung des Kapitalismus noch in kapitalistische Kategorien einbannen wollen. Denn ein »Rezept« setzt bereits voraus, daß die anzustrebende Selbstbestimmung nach vorgefertigten Mustern einer äußerlichen Instanz abzulaufen hat, also sich selber dementiert. Was sich angeben läßt, sind nicht »Rezepte« nach einem sozialen Baukastensystem (das wäre nichts als Sozialtechnologie, die ihren Ort nur im Kapitalismus haben kann), sondern vielmehr Kriterien der Emanzipation. Die »böse Horizontale« fängt nicht mit dem Abspulen eines vorgedachten Programms an, sondern mit der sozialen Rebellion gegen die unverschämten Zumutungen von »Marktwirtschaft und Demokratie«.
aus: Robert Kurz, Schwarzbuch des Kapitalismus, p.438 (http://www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf)

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mkeipert 10.02.2009 | 13:44

Das ist Klartext, der, die Kommentatoren haben da alle recht, einen Ist-Zustand auf den Punkt bringt, ohne einen "Plan", ein "Rezept", einen "Weg" zu nennen, der aus der "Krise" führt. Letztendlich weiß man doch aber den Weg, nur ihn zu gehen gleicht einer Quadratur des Kreises...
Es müsste endlich der lange Prozess der Entkoppelung von Arbeit und Leben in Gang gebracht werden; wenn man so will, ja tatsächlich die Vollendung der Moderne als Emanzipationsgeschichte des Individuums von natürlichen, materiellen, wirtschaftlichen, sozialen etc. Bedingungen. Was sich so etwas hochgegriffen liest, hat tatsächlich zu tun mit Bürgergeld, Grundeinkommen oder ähnlichem.
Das Problem, wie es sich seit nunmehr 15 Jahren (mindestens so lange wird über so etwas doch schon diskutiert) zeigt: Dass eine solche Systemüberholung sowohl auf politischer Ebene als auch in der Gesellschaft, vom einzelnen Menschen stattfinden müsste, alle Ebenen ineinander verzahnt, sich gegenseitig voranbringend. Denn die Abschaffung oder zumindest Einschränkung der Erwerbsarbeit als Lebensbedingung im Kapitalismus erfordert politische Einsichten genauso wie psychologische Quantensprünge. Ohne letztere wird keine politische Änderung konstruktiv greifen können - ohne erstere wird die Devise ICH ARBEITE ALSO BIN ICH / MEIN HAUS, MEIN AUTO, MEIN GELD zwangsläufig und verständlicherweise als Grundmaxime gesellschaftlichen Überlebens Bestand behalten.
Zeit für Utopien? Ja, gerne. Wie wäre es damit, die Arbeit vom Einkommenserwerb zu trennen? Arbeit würde ein ganz neuer Faktor im Leben, weil nicht an Geld, sondern an Resultaten, Erfahrung, Vernetzung etc. zu messen. Nur wer würde davon ausgehen, dass das jetzt schon funktioniert, sobald man nur sein sicheres Einkommen hätte? Dazu brauchte es tatsächlich noch eine andere "Systemüberholung"...

odradek 10.02.2009 | 15:36

"Sometimes I ask myself how I'd stand up under torture." "You? You kiddin'? If the Gestapo would take away your Bloomingdale's charge card, you'd tell 'em everything." (Annie Hall)

Es ist sinnlos, ein Rezept für alternatives Denken zu verschreiben. Zum einem muß jedem der seine eigenen Denkkategorien herumschleppt, eine alternative Denkform völlig widersinning erscheinen, da sie bei gleichen Vorraussetzungen zu völlig anderen Ergebnissen kommen würde. Zum anderen kann man ein alternatives Modell nicht einfach übernehmen, da dies wieder eine Unterwerfung unter ein Modell bedeuten würde, was aber dem Kern der ganzen Sache widerspricht: es geht nämlich darum, eine Denkform zu finden, die dich nicht mehr unter äußere, fremde Sachzwänge oder Ideen stellt. Insofern bräuchte man eher einer Selbsttherapie um herauszufinden, wessen man sich eigentlich entsagen muß, mit welchen Ängsten und Verbiegungen man eigentlich existiert und wie dies im Zusammenhang zu den Ansichten und Überzeugungen steht, die man angenommen hat. Wir spüren vielleicht noch die Wut darüber, daß die Biodieselnachfrage Menschen verrecken lässt, in Discountern kaputtmacht und ihre Existenzen, Wünsche, Träume nur nach den Erfordernissen des Marktes existieren, aber sehen dann auch immer die sogenannten Notwendigkeiten zu denen es keine Alternative gibt. Also doktern wir herum: Mindestlohn, Fairtrade, Bioeier, Sozialprojekte, mehr Managerethik, mehr Familenzusammenhalt, vielleicht auch ein bischen Volkgemeinschaft: Wie ein Depressiver, der sich mit Prozac und Joggen über Wasser hält, weil er ja was von dem Leben haben will. Aber dieses herumbasteln, engineeren, die Organisation des menschlichen Zusammehaltes aus dem menschlichen Zusammenhalt entfernen, sind genau die kapitalistischen Kategorien von denen Kurz spricht. Diese Notwendigkeiten verwandeln die Gesellschaft in eine Maschine, sie sind das Ergebnis einer historisch nachvollziehbaren, ideologischen Katastrophe, die den eigennutzoptimierenden Soziopathen zum Ideal gemacht hat. So eine Welt kann man nur mit Medis aushalten.

Wenn wir wissen wollen, wer wir sein wollen, dann müssen wir uns daran erinnern, wer mir einmal waren. Das ist die Aufgabe für jeden von uns.

rene 10.02.2009 | 17:33

@Odradek,
Danke für die Antwort und den Link. Ich hab mir jetzt mal den Epilog durchgelesen, das ganze Buch ist ja dann doch nicht so schnell zu schaffen.
Nun, entschuldige bitte, wenn mein Fragen vielleicht nicht emanzipatorisch genug ist. Aber ich lese ja gerade deswegen und Frage deswegen nach, um aus den Grenzen der Kategorien, die ich herumschleppe, auszubrechen. Lesen macht mir überhapt nur Spaß, wenn ich dadurch einen verfremdeten Blick auf die Dinge gewinnen kann. Allein und ohne Impulse ist das ja wohl kaum zu schaffen. Es sei denn, man ist ein Genie, das Kraft seiner göttlich inspirierten Einbildungskraft Welten aus sich selber schöpft. In diesem Sinne, nicht unterwürfig, aber gleichwohl in Anerkennung meiner Angewiesenheit auf Lernen, Impulse und so weiter, ist meine Frage, was denn ein alternatives Denken sei, auch zu verstehen. Auch Kurz meint ja, dass zumindest eine Voraussetzung für eine radikale Kapitalismuskritik "die theoretische Innovation" sei, "die zur Kritik der grundlegenden kapitalistischen Gesellschaftsformen vordringt, statt sich wie bisher »in« diesen Formen auszudrücken." Eben solche theoretischen Innovationen wären doch ein Anstoß, die Grenzen unseres Denkens zumindest zu erweitern. Und ich hätte Lust, hier im Freitag eine Art Theoriewerkstatt zu haben, in der die Theorien diskutiert werden können. Kurz sagt doch nicht, wie man Dich in Deinem Kommentar vielleicht missverstehen kann, dass jeder theoretische Anstoß gewissermaßen hinfällig wird, nur weil man ihn nicht selbst entwickelt hat. Wenn Du schreibst: "man (kann) ein alternatives Modell nicht einfach übernehmen, da dies wieder eine Unterwerfung unter ein Modell bedeuten würde", dann kann das schnell so verstanden werden. Wenn Du das aber ernsthaft, in aller Radikalität vertrittst, dann ist doch alles Reden und Schreiben völlig sinnlos. Ich fange gerade erst an mich wieder für politische Themen zu interessieren, und brauche vielleicht im Gegensatz zu Dir, einen gewissen Input. Und Lesen, etwa von guten Artikeln und Dikussionen im Freitag, könnte ja gerade auch zum Anstoß einer Selbstherapie werden. Und auch das Erinnern, an das, was man einmal war, soll beim Lesen mitunter vorkommen.

D. Mokrat 10.02.2009 | 18:10

Die Aufgabe des Kritikers ist es, auf Mißstände aufmerksam zu machen. Man kann nicht von ihm erwarten, ein Vorgehen zur Beseitigung der Mißstände angeben zu können. Kann er es doch, um so besser. mkeipert schrieb am 10.02.2009 | 12:44 Uhr: "Wie wäre es damit, die Arbeit vom Einkommenserwerb zu trennen?" Wenn man ein Grundeinkommen bereitstellen will, so muss die Substanz dafür erst geschaffen werden. Wie soll das geschehen? Man muss kein Genie sein, "... das Kraft seiner göttlich inspirierten Einbildungskraft Welten aus sich selber schöpft." wie rene am 10.02.2009 | 16:33 Uhr schrieb. Träumer haben im Gegensatz zu ihren Kritikern einen Vorteil: sie wissen wann sie träumen. Viele halten ihren Willen und ihre Vorstellung von der Welt für das Mass der Dinge - wobei meist die Vernunft auf der Strrecke geblieben ist. Ich denke, alternatives Denken ist das Denken von Alternativen. Es gibt so gut wie immer Alternativen - man muss sie nur erkennen. TINA (there is no alternative) ist nur eine rhetorische Figur. Ein Forum für Kapitalismuskritik hier beim Freitag hätte was für sich.

HansMeier555 10.02.2009 | 19:03

Das Risiko der Ideenlosigkeit...

Ich glaube, daß Alternativvorschläge dringend notwendig sind -- nicht, weil ich so naiv wäre, an "technokratische Programme" zu glauben, die man dann einfach "verwirklicht" und den gewünschten "Effekt erzielt" (Wachstum, Vollbeschäftigung, Soziale Gerechtigkeit, Glück), sondern schon alleine, um den Status quo zu halten.
Ich glaube, daß die europäische Gesellschaftsordnung, wie wir sie in der Zweiten HÄlfte des 20. Jahrhunderts gesehen haben, aufs Weltganze bezogen, eher eine positive Ausnahme sind.
Die wahrscheinlichste Alternative ist nicht der Sozialismus, sondern ein neo-feudales System aus Filz und Korruption, so das Modell Süditalien oder Lateinamerika.
Wir wissen nicht was wir tun sollen, aber die Camorra weiß es dafür genau.

Wenn wir der Camorra nicht das Feld überlassen wollen, dann können wir uns nicht vom Bildschirm zurücklehnen und schadenfreu zugucken, wie Merkel und Steinbrück "mit ihrem kümmerlichen Besteck nichts ausrichten können".
Was ich sagen will: Wir brauchen einen emanzipatorischen politischen Prozeß, mit massenhafter Beteiligung aller, die nicht in Camorraland leben wollen, und dafür braucht es auch Ideen, Inhalte, Alternativen. Demonstrationen alleine bewirken gar nichts, auch wenn da 100.000 Leute hingehen. Auch Wahlsiege nützen nichts, wenn man nicht weiß, was man dann mit seiner Mehrheit anfangen will.
M
Außerdem braucht es auch Leute, die zur jetzigen Elite auch personell eine Alternative darstellen könnten.
Alle Schüler und Studenten, die sich eine gerechtere Gesellschaft wünschen, und die nötigen Fähigkeiten mitbringen, möchte ich ausdrücklich dazu auffordern, möglichst früh eine Karriere als Berufspolitiker anzustreben. Denn der Systemwandel braucht Profis!

odradek 10.02.2009 | 19:19

Nein, aber ein Anstoss ist aber hinfällig, wenn er in dem System, in seiner Logik liegt. Das bezog sich auf Rezepte, weil sie an den Spielregeln drehen, aber nicht das Spiel in Frage stellen. Die Idee ein neues Modell zu entwickeln und zu verschreiben ist ähnlich grotesk, weil es auch nur das eine Spiel durch ein anderes ersetzt. Die Frage ist aber nicht, ob man beim Monopoly Hotels bauen darf, wenn man alle Strassen der Farbe hat oder nicht, oder ob man stattdessen Doppelkopf spielen sollte, sondern wie man mit dem Spielen aufhören kann, trotzdem etwas miteinander anzufangen weiss und nicht nur dasitzt und sich fragt: "und was jetzt?" weil in einem nichts mehr ist.

rene 11.02.2009 | 12:01

Das ist ziemlich ungreifbar für mich. Aufhören mit spielen? Was soll das heißen? Was ist das Spiel von dem Du redest? Ich kann Deine Metaphern leider nicht wirklich übersetzen. Ein paar Möglichkeiten die mir einfielen: Das Spiel ist der gesamte kapitalistische Funktionszusammenhang: Warenprdoduktion, und die spezifisch kapitalistische Organisation des Zugangs zu den Gütern, über Geld, das wiederum von der großen Masse über den Verkauf ihrer Arbeitskraft erlnangt wird usw. Vielleicht hast DU ja Lust mal kurz mit ein paar Stichworten zu sagen was das Spiel ist.
Dann sprichst Du, wenn ich es richtig verstanden habe, eine psychologische Komponente des "Spiels" an. So etwa: wir sind Funktionen des Spiels und wenn das Spiel aufhört, sind wir nichts mehr?
Du beziehst Dich ja auf Kurz, ich nehm mal ein paar Schlagworte auf, die ich im Epilog gefunden hab, um damit vielleicht deine Metaphern zu umgrenzen:
Das Spiel = "kaptalistiche Maschine"? dazu gehört: "Der gesamte Betrieb von abstrakter »Arbeit«, betriebswirtschaftlicher Rationalität, Wachstumszwang und Marktwirtschaft, die gesellschaftliche Reproduktion über »Arbeitsmärkte« unter dem leitenden Selbstzweck des Geldkapitals und seiner »Verwertung«" Dabei müsste, also um von einem Ausstieg aus dem Spiel sprechen zu können, die Produktion, die Verteilung und der Konsum völlig vom abstrakten Vermittlungsmedium Geld abgekoppelt werden. Ein Ausstieg aus dem Spiel wäre also, über den Prozess der Produktion und Verteilung ständig zu beraten, statt weiterhin die Vermittlung der Produktions- und Konsumprozesse über den "Geldfetisch" laufen zu lassen, der zu einer "Entsinnlichung", also einer Entrationalisierung der Warenproduktion geführt hat (es wird nicht produziert was gebraucht wird) . Und dein psychologisches Argument ist dann in der Lücke angesiedelt, zwischen "Verschrottung" der Maschine und der neuen Struktur der permanenten Beratung gelegen?
Oder ist es auf der Ebene der zweiten Möglichleit angesiedelt, die Kurz anspricht: also nicht auf Ebene der Phantasie einer Massenbewegung, die die ganze Reproduktion schlicht in die eigenen Hand nimmt, sondern auf der Ebene der Möglickeit einer "Übergangsphase, in der sich eine Art Gegengesellschaft bildet, die bestimmte soziale Räume gegen die kapitalistische Logik eröffnet, aus denen Markt und Staat vertrieben werden."? (Zwischenfrage wie sehen solche Räume aus? Zusammenschluss von mesnchen die sich zu Gemeinschaften organisiern für sich das nötige selber produzieren und die Verteilung und Produktion wie eben angesprochen organisieren? Oder ist es (das psychologische Argument) schlicht der Ausdruck der realistisch-pessimistischen Einsicht, dass der "Bewusstseinsprung" den es für eine Stillstellung der kapitlitischen Maschine bräuchte, nicht mehr vollzogen werden kann?

Juli 11.02.2009 | 12:10

Das klingt wirklich toll, scheint mir aber utopischer als etwa die Durchstzung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Ja, das klingt auf den ersten Blick utopischer. Nur ist die Finanzierung eines Grundeinkommens immer darauf angewiesen, das in anderen Bereichen genug Arbeit verausgabt wird, um die via Grundeinkommen umzuverteilenden Werte zu schaffen. Und genau diese Arbeit geht ja gerade aus.

Um nicht missverstanden zu werden: auch Menschen, die nicht lohnarbeiten stellen nützliche Dinge für die Gesellschaft her. Und auch mit wenig arbeit lassen sich viele nützliche Dinge herstellen. Nur zählt dieser Reichtum nur dann auch als Geldreichtum, wenn er auf die Vernutzung von Arbeitskraft zurückgeht. Nennt sich Kapitalismus, der Scheiß. Die Forderung von Kurz, über das Geld hinauszugehen und direkte solidarische Beziehungen zwischen den Menschen zu implementieren ist also näher betrachtet sogar realistischer als die nach einem Grundeinkommen - obwohl ich da auch erstmal nix gegen hätte ,-)

mephisto 11.02.2009 | 12:18

schade, dass mit dem reisserischen Titel "Historische Systemkrise" unterm Strich nur das Symptom Arbeitslosigkeit diskutiert wird. Die "Analyse" der historischen Systemkrise auf einen einzigen Satz zu reduzieren und wolkig von zum Stillstand gekommenen finanzgetriebenen Wachstum zu sprechen wird dem Anspruch, die der Titel assoziieren lässt, nicht gerecht.

rene 11.02.2009 | 12:31

Geht die wertproduzierende Arbeit wirklich aus? Oder wird sie nur vom Menschen auf Maschinen verlagert, was dann ja bedeuten würde, dass die Werte geschaffen werden und wir in die glückliche Situation kommen, das die produzierende Arbeit nicht mehr unbedingt von Menschen geleistet werden muss, ohne dass dadurch ein Wetverlust zu verzeichnen wäre. Das Problem, so weit ich da durchblicke, ist doch gerade, dass wir mit relativ wenig menschlicher Arbeitstätigkeit, alles produzieren könenn was wir brauchen, und gerade deshalb den Zugang zu Geld (wenn man es denn beibehalten will) von der Arbeit abkoppeln müssen, weil die Vorstellung der Vollbeschäftigung ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist. Oder wie sieht das aus?

copland 11.02.2009 | 15:43

rene schrieb am 11.02.2009 | 11:31 Uhr Geht die wertproduzierende Arbeit wirklich aus? Oder wird sie nur vom Menschen auf Maschinen verlagert, was dann ja bedeuten würde, dass die Werte geschaffen werden und wir in die glückliche Situation kommen, das die produzierende Arbeit nicht mehr unbedingt von Menschen geleistet werden muss, ohne dass dadurch ein Wetverlust zu verzeichnen wäre. Das Problem, so weit ich da durchblicke, ist doch gerade, dass wir mit relativ wenig menschlicher Arbeitstätigkeit, alles produzieren könenn was wir brauchen, und gerade deshalb den Zugang zu Geld (wenn man es denn beibehalten will) von der Arbeit abkoppeln müssen, weil die Vorstellung der Vollbeschäftigung ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist. Oder wie sieht das aus?
Rene, da hast Du die Kernfrage gestellt. Aus Sicht der Wertkritik - und so argumentiert Robert Kurz - kann "Wert" nur durch die Verausgabung abstrakter Arbeit im Prozess der Warenproduktion entstehen - also durch "Einsaugen" lebendiger Arbeit. Nur lebendige Arbeit kann einem vorhandenen "Wert" neuen (Mehr)wert hinzufügen.
Wenn also lebendige Arbeit in immer größerem Umfang und immer schneller überflüssig gemacht wird, wird gesamtgesellschaftlich auch immer weniger "Wert" erzeugt. Die von Dir so bezeichnete "Verlagerung der Arbeit von Menschen auf Maschinen" führt in der Tat dazu, dass die "wertproudzierende Arbeit" ausgeht.
Wenn wir dann aber - wie Du richtig feststellst - "in die glückliche Situation kommen, dass die produzierende Arbeit nicht mehr unbedingt von Menschen geleistet werden muss", so stellt sich dieses Glück ja in paradoxer Weise im Kapitalismus als Unglück dar. Die "Lösung" bestünde aber nicht darin, "den Zugang zu Geld... von der Arbeit ab(zu)koppeln", sondern diese allein von der Verwertung des Werts orientierte Gesellschaftsform zu überwinden. Wenn die Menschheit längst in der Lage ist (und das ist sie), bei wesentlich geringerer Arbeitszeit alle materiellen und kulturellen Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen, gewinnt Deine auf das Geld bezogene Apposition, die Du da so in Klammern wie nebenbei eingeschoben hast, die eigentliche Aktualität: "wenn man es denn beibehalten will". Tja, viele, die meisten wollen das - aber nötig ist es längst nicht mehr, es ist - wie der "Wert", dessen Erscheinungsform das Geld ist - nicht nur obsolet, sondern zerstörerisch.
Und was die Vollbeschäftigung betrifft: Sollten wir die Frage "Wofür arbeiten wir?" nicht endlich durch die Frage ersetzen: "Wofür leben wir?".

odradek 11.02.2009 | 17:28

Das 'Spiel' wäre sowohl eine kapitalistische Produktionsweise, aber auch eine sozialistische in der sich dann der größte Teil der Produktion in Staatshand befindet oder eine, die den Marktzugang reglementiert und den Kapitalverkehr unterbindet usw. usf. Das Kennzeichen dieser Spiele ist, daß sie Regeln festlegen und die Gesellschaft dann nach dem Automatismus dieser Regeln abläuft. Ich habe die Spielmetapher gewählt, weil ich auf den Effekt anspielen wollte, den eventuell schon jeder erlebt hat. Man spielt mit Freunden irgendein Brettspiel und wenn das Spiel beendet wird, dann stellt sich hin und wieder Schweigen und bei den Beteilligten ein kurzfristiges Gefühl der Leere ein, weil das Spiel und seine Regeln plötzlich unwichtig geworden sind und man sich jetzt wieder neu finden, ausserhalb der künstlicher Regeln kreativ sein muß, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Denn diese Form des Zusammenseins unterscheidet sind vom Spiel. Beim Spiel ist die Identität des Spielpartners zu großen Teilen gleichgültig, er hat eine Funktion, wichtig ist, daß er sich an die Regeln hält, nicht betrügt. Ein Spiel kann ich auch mit jemandem spielen, den ich gar nicht mag.
Nach dem Spiel aber, muß ich meinen ehemaligen Mitspieler erkennen, ihre Neigungen und Sympathien ausloten, Gemeinschaft herstellen, Rücksicht nehmen, kennenlernen usw. Damit wollte ich den Zustand der Emanzipation vom 'Spiel der Gesellschaft', dem mechanischen Funktionieren, beschreiben, Der utopische Zustand ist für mich derjenige, in der es keine Begegnung zwischen Menschen gibt in der sich irgendetwas vor die Menschen schiebt, in der niemand austauschbar ist, in der niemand nur in Funktion gesehen werden kann. usw. Das ist mein Emanzipationskriterium und der Ausschluss von Geldfetish, des unbeschränkten privaten Eigentums etc. folgen daraus. Die Schaffung eines zumindest von Markt abgekoppelten Sektors finde ich übrigens sehr interessant.

rene 11.02.2009 | 17:57

"Und was die Vollbeschäftigung betrifft: Sollten wir die Frage "Wofür arbeiten wir?" nicht endlich durch die Frage ersetzen: "Wofür leben wir?"."
Bin ich absolut dafür. Aber, um noch mal auf die Überwindung des Geldsystems zurück zu kommen. (Nebenbei, ich finds Klasse hier so ne Fragen stellen zu können und noch mehr, dass da tatsächlich Menschen ernsthaft drüber reden, also allein dafür könnt ich den Freitag schon mal küssen) Ich hab da was noch nicht verstanden: wie orgnaisiert man das? Produziert man einfach wie gehabt weiter, verteilt die Sachen einfach wie bisher, nur eben in offenen Läden ohne Kasse und Kassierer? Und wie teilt man dann die notwendige Arbeit zu, die es ja dann doch noch braucht? Oder, ist die Krux des Ganzen, dass wir die Frage, wie wollen wir leben vorher beantworten müssen, (obwohl es ja gerade, für die meisten, eher so scheint, als sei die Frage, wie wollen wir leben, nur eine schöne Träumerei ohne pragmatische Dimension). Warte mal, also irgendeine Lücke hat sich da bei mir noch nicht geschlossen. Erklärs mir: meinst du, wir brauchen vorher so etwas wie ne Revolution im Zusammenleben, also eine, schon irgendwie gelebte, Antwort auf dei Frage: Wie wollen wir leben?, damit im Zuge dieser Umstellung eine Revolution des Produktions und Verteilungssystems möglich ist? Oder wie stellst Du Dir das vor? Wie verteilt man die Arbeit, die ja immer noch nötig ist? Wie müsste ein Zusammenleben aussehen, auf welchen Paradigmen wäre die Gesllschaft oder Gemeinchaft gegründet die so eine Umstellung vollziehen könnte?

rene 11.02.2009 | 18:23

Danke für die ausführlichere Einführung in Deine Gedankenwelt.
Oh man, das klingt echt gut, und ich hab das Gefühl, wir haben in unserer Kommunikation schon ein wenig funktionalisiertes Palaver beisete schieben können, denn: Du hast wirklich geantwortet. Ich mein auch Posts im Freitag bewegen sich in Schranken und Ordnungen, sind Teil eines Spiels das Regeln vorschreibt. Kommentare zum Beispiel unterliegen in der Regel einer immanenten Struktur, in der sich der Kommentator als (wissendes) Subjekt in den Text schreibt, mit einem gewissen Pathos der Souveränität, na ja und vieles was mir jetzt nicht greifbar ist, aber wo mein Gefühl sagt, ein bisschen ist abgefallen. Zuhören können, den anderen wahrnehmen lernen, ist wohl eine Dimension die in der Zeichnung Deiner Utopie einen wichtigen Platz einnimmt. Derrida, oder Levinas ich weiß nicht wer, haben da vom Empfang des Anderen gesprochenen, Das ist die radikalste Version, oder Zeichnung, einer nicht funktionalisierten Begegnung die ich bisher gelesen hab. Ich lass jetzt mal mein aber-wie-denn-Fragen. Am Ende wird Heideggers Lauschen in die Stille, für eine emanzipatorische Linke doch noch interessant.

rene 12.02.2009 | 19:36

ich war grad auf der Suche im Internet, was es so an kritischen Ansätzen gibt, weil die Diskussion hier ja nicht weiter geht. Und nebenbei ist mir da ein Artikel in der Zeit zugestoßen von 1999, eine Rezension von Kurz´Schwarzbuch. Ich dachte ist ganz witzig mal zu lesen was vor 10 Jahren geschrieben wurde, und heute angekommen ist:
"Mit der dritten industriellen, der mikroelektronischen Revolution, die gemäß betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsprinzipien ganze Arbeitspopulationen "freisetzt" und zu unnützen Essern" degradiert, gelangt der Kapitalismus zusehends an eine historische Schranke .... Der Kapitalismus kann nur noch an seiner Selbstsprengung laborieren. In ihrer Verzweiflung darüber, dass das Geld arbeitslos wird, lassen es die Shareholder in reiner Selbstbezüglichkeit um den Erdball vagabundieren, um dergestalt "Wertsteigerungen" zu realisieren, die völlig fiktiv, im Wortsinne gegenstandslos sind. Den Zusammenbruch dieses überhitzten spekulativen Systems werden wir alle auszubaden haben."
das hat mich fast ein bisschen aufgeheitert

Robert Kurz 17.02.2009 | 15:57

Kommentar zu den Kommentaren (Teil I) Ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen in einer Wochenzeitung hat naturgemäß eine begrenzte Reichweite, schon aufgrund der genau bemessenen Zeichenmenge. Es kommt also darauf an, Zusammenhänge ziemlich verdichtet darzustellen, die Argumentation mit Tatsachenmaterial zu belegen und dabei das journalistische Handwerk in den Formulierungen so zu beherrschen, dass die LeserInnen nicht auf der Stelle einschlafen. Wenn spontane Kommentare zu einem solchen journalistischen Kommentar nicht an den Frühstückstischen der Republik ausgesprochen werden, sondern schriftlich in der Blogosphäre erscheinen, kann das vielleicht einen mit der Entropie vergleichbaren Effekt annehmen. Die Anforderung eines Kommentars zu diesen Kommentaren lässt eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Das Problem der Blogosphäre besteht womöglich darin, dass sie zu assoziativen Endlosschleifen neigt. Um 12:33 Uhr ist jemandem etwas eingefallen, worauf um 14:33 Uhr jemand mit einem anderen Einfall antwortet oder ein neues Fass aufmacht. Eine Kohärenz lässt sich aufgrund der völlig verschiedenen Voraussetzungen und Meinungslagen kaum ausmachen. Den Kommentaren zu meinem Kommentar war allerdings zu entnehmen, dass die begrenzte Thematik schnell aufs „Grundsätzliche“ gebracht wird. Das ist verständlich, weil der diskursive Zusammenhang von Gesellschaftskritik längst verloren gegangen ist. Die Frage wäre allerdings, ob die Blogger-Community dieses Dilemma beheben oder nicht vielmehr bloß ausdrücken kann.

Robert Kurz 17.02.2009 | 15:58

Komentar zu den Kommentaren (Teil II)

Mein Kommentar zum Verhältnis von Arbeitsmarkt-Entwicklung und systemischen Grenzen des Kapitalismus hat wie üblich die Frage nach Bewältigungsrezepten hervorgerufen. Einige Diskutanten haben darauf mit dem Hinweis geantwortet, dass darin nicht die Aufgabe eines analytischen Kommentars besteht. Dem kann ich mich nur anschließen. Es kommt zunächst darauf an, „zu sagen, was ist“, um überhaupt die gesellschaftliche Problemdimension kenntlich zu machen. Wenn die Krise eine Qualität erreicht hat, wie sie seit dem Herbst offensichtlich geworden ist, wird es schwierig, sie in den gesellschaftlichen Kategorien bewältigen zu wollen, die gerade obsolet werden. Alle menschlichen Ressourcen sind reichlich vorhanden, aber sie können nicht mehr in den kapitalistischen Formen mobilisiert werden. Das konnte man einem Teil der Diskussionsbeiträge immerhin entnehmen. Meinem Verständnis nach wird eine solche Einsicht nur wirksam, wenn sich im Widerstand gegen die zwangsläufig restriktiven Maßnahmen der Krisenverwaltung eine soziale Bewegung herausbildet, die ihren Forderungen Nachdruck verleihen und die Perspektive einer gesellschaftlichen Umwälzung entwickeln kann. Das geht nicht aus dem Stand. Eine gewisse Prominenz hat in den letzten Jahren die Forderung nach einem allgemeinen Grundeinkommen erlangt, wie sie auch in den Diskussionsbeiträgen thematisiert wurde. Richtig daran scheint mir, dass die Befriedigung der wichtigsten Bedürfnisse von der ohnehin nicht mehr einzeln zurechenbaren „Leistung“ entkoppelt wird. Problematisch ist aber, wenn das in der kapitalistischen Form eines Geldeinkommens geschehen soll, ohne nach den systemischen Bedingungen zu fragen. Dann wird daraus ein kaum tragfähiger „Sozialismus-Ersatz“, weil eine Überwindung des warenproduzierenden Systems als undenkbar erscheint. Schon jetzt ist absehbar, dass die Geldmenge in astronomischer Größenordnung, wie sie allein in den bisherigen „Rettungspaketen“ enthalten ist, nach einer gewissen Inkubationszeit zu einer rapiden Geldentwertung führen wird. Dann wäre auch das Grundeinkommen buchstäblich nichts mehr wert.

HansMeier555 17.02.2009 | 20:45

Lieber Herr Kurz,
der Verzicht auf Alternativen ist integer und vornehm.
Aber auch gefährlich. Die Eliten mögen ihr Ansehen ruiniert haben, entsprechend ungenierter werden sie es künftig treiben. Und wer soll sie daran schon hindern? Da braucht es schon eine Gegenbewegung, die mit ihrem eigenen Programm in die Offensive gehen kann. Sonst wird der Moment verspielt!
" es [wird} schwierig, sie [die Krise] in den gesellschaftlichen Kategorien bewältigen zu wollen, die gerade obsolet werden." -- Das klingt nach fauler Ausrede. Dann sollten Sie eben eine Bewältigungsstrategie nach den aktuellen oder künftigen Kategorien entwickeln! -- Im übrigen glaube ich gar nicht, daß die wirklich maßgeblichen "gesellschaftlichen Kategorien" obsolet werden. Denken Sie an C.Schmitt: die Politik ist das Schicksal und souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Die deutschen Eliten waren schon 1918/19 bankrott und diskreditiert, und wie es ausgegangen ist, wissen wir. Weiter: "Alle menschlichen Ressourcen sind reichlich vorhanden, aber sie können nicht mehr in den kapitalistischen Formen mobilisiert werden.... Meinem Verständnis nach wird eine solche Einsicht nur wirksam, wenn sich im Widerstand gegen die zwangsläufig restriktiven Maßnahmen der Krisenverwaltung eine soziale Bewegung herausbildet, die ihren Forderungen Nachdruck verleihen und die Perspektive einer gesellschaftlichen Umwälzung entwickeln kann." -- Ihr Optimismus macht mich, ehrlich gesagt fassungslos. Als ob wir in den letzten 30 Jahren nicht gesehen hätten, wie steril, ideenlos, und apolitisch all diese "sozialen Protestbewegungen" in Deutschland sind. Wie kann man denn im Ernst erwarten, daß arbeitslose Angestellte "Umwälzungsperspektive" entwickeln, wenn nicht einmal Sie, Herr Kurz, sich das zutrauen?
Denken Sie daran: Die rechten Demagogen e warten nicht erstmal ab, bis sich da irgendwas "entwickelt".
Wer nicht will, daß Rechtsstaat, Demokratie und Sozialstaat vollends unter die Räder kommen, der braucht eine Position, ein Programm, ein Bündel von Vorschlägen, mit denen er um breite soziale Unterstützung kämpfen kann. Und zwar JETZT. Es eilt. Sonst kommt so ein Berlusconi, Blocher, Aznar oder Sarkozy aus der Versenkung und quetscht die LInken huschhusch zurück ins Mauseloch, aus dem sie doch jetzt erst nach 20 Jahren grade wieder herausgekommen sind.

odradek 18.02.2009 | 15:26

Mein Erfahrung ist, daß Kommentieren durchaus in der Lage ist trotz assoziativer Spaltung Kohärenz zu erzeugen und die sich daraus ergebenen Spuren zu verfolgen. Leider scheint das aber nur dort zu funktionieren, wo der "diskursive Zusammenhang" thematisch strikt abgegrenzt wurde (vorzugsweise auf Themen bestimmter technischer Natur beschränkt) und von seinen Beteiligten bewusst in das neue Medium übersetzt worden ist. Solche Diskussionen produzieren idR. innerhalb des abgegrenzten Themas überprüfbare Aussagen. Während ich mir aber vorstellen kann, daß die aüsseren Vorraussetzung, wie Reife im Umgang mit der Technik oder die Disziplin, um seine Assoziationen oder Einwände in den richtigen Zusammenhang zu stellen, durchaus erlernbar sind, verstehe ich nicht wie Gesellschaftskritik in so eine Aussagenmaschine gesteckt werden kann, wenn sich die Beteiligten noch nicht einmal über einen Begriff von Wahrheit einig sind. Der Kommentierprozess scheitert in der Regel da, wo die Lösung sich ausserhalb des angenommenen Bewertungsrahmen befindet, einen dämlichen flamewar gab hier schon am ersten oder zweiten Tag und auch die zivilen Diskussionen enden oft nach kurzer Zeit in Sprach- und Ratlosigkeit oder ersticken an einem thematischen Überangebot, das niemand in Zusammenhang zu bringen in der Lage ist. Die Blogger-Community hat zur Behebung dieses Dilemmas bisher wenig beigetragen, weil sie letztlich auch nur versucht die Ideale des souveränen Individualunternehmers auf einer virtuellen Ebene zu realisieren - an dieser Stelle sollte vermutlich hier mit der Reflektion begonnen werden.

rene 19.02.2009 | 14:15

"Mein Erfahrung ist, daß Kommentieren durchaus in der Lage ist trotz assoziativer Spaltung Kohärenz zu erzeugen und die sich daraus ergebenen Spuren zu verfolgen. Leider scheint das aber nur dort zu funktionieren, wo der "diskursive Zusammenhang" thematisch strikt abgegrenzt wurde (vorzugsweise auf Themen bestimmter technischer Natur beschränkt) und von seinen Beteiligten bewusst in das neue Medium übersetzt worden ist. Solche Diskussionen produzieren idR. innerhalb des abgegrenzten Themas überprüfbare Aussagen. Während ich mir aber vorstellen kann, daß die aüsseren Vorraussetzung, wie Reife im Umgang mit der Technik oder die Disziplin, um seine Assoziationen oder Einwände in den richtigen Zusammenhang zu stellen, durchaus erlernbar sind"

Ich erlaub mir mal einen Nachtrag. In der Aufzählung der Bedingungen eines kohärenten Dikussions- oder Kommentarzusammenhanges, fehlt m.E. ein entscheidender Aspekt: In wie weit schafft es ein Artikel die Leser mitzunehmen, d.h. mit vielleicht komplexen Zusammenhängen zu konfrontieren, ohne sie von vorn herein zu überfordern. Hier bei dem Artikel von Kurz und der nachfolgenden Diskussion, war mein Kommentieren vor allem der Aufgabe gewidmet, die theoretischen Annahmen und Analysen nachzufragen und zusammenzutragen, um überhaupt mal in die Nähe des Zusammenhanges zu kommen. Diese Mühe macht sich aber glaub ich nicht jeder Leser.
Das hängt wohl u.a. damit zusammen, dass die :
"Blogger-Community (...) letztlich auch nur versucht die Ideale des souveränen Individualunternehmers auf einer virtuellen Ebene zu realisieren - an dieser Stelle sollte vermutlich hier mit der Reflektion begonnen werden."

Ja, spannend. Und was wirklich super wäre, wenn es sich hier im Freitag durchsetzt, dass die Autoren nicht nur einen tollen, schicken mehr oder weniger voraussetzungsreichen Text absondern, sondern vielleicht auch noch helfen, da wo es nötig und möglich erscheint, die Voraussetzugen in einem Kommentarteil bereitzustellen oder einzubringen.
Auf der Seite der Leser, bräuchte es dann aber auch die Bereitschaft sich mal auf eine Perspektive einzulassen, statt gleich eine andere entgegen zu schleudern. Das klingt für die meisten bestimmt zu sehr nach einem reglementierten Diskurs, der mehr an Schule als an einen freien Austausch erinnert.
Na ja, es gibt wohl keine Patentlösung für gelingende Kommunikation.
Vermutlich besteht in Bezug auf Artikel gar nicht so sehr das Bedürfnis, diese als Anstoß für Analysen und wirkliche Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Themen zu nehmen, als vielmehr, das des Konsums, der kurzen Erregung, die dann gleich nach etwas Neuem verlangt. Am Ende sterben die Diskussionen nicht nur aufgrund von "thematischem Überangebot" ab, sondern weil wir auch politische Analysen konsumieren, wie Filme und ähnliche Unterhaltungsangebote.
Das mit der Gesellschaftskritik und der Aussagenproduktionmachine hab ich noch nicht ganz verstanden. Was ist genau das Problem?

rene 19.02.2009 | 14:59

Gut, manche Sachen kann man ja bei Wikipedia nachschlagen, denkt man sich jedenfalls.
Zum Beispiel folgender Satz: "Wenn spontane Kommentare zu einem solchen journalistischen Kommentar nicht an den Frühstückstischen der Republik ausgesprochen werden, sondern schriftlich in der Blogosphäre erscheinen, kann das vielleicht einen mit der Entropie vergleichbaren Effekt annehmen."

Die Erläuterung bei Wikipedia ist mir allerdings entschieden zu mathematisch und zu anstrengend. Wieviel Prozent der Leser verstehen das hier?
Gut, kann eine Betriebsunfall eines Menschen sein, der einfach in der Materie steckt.Oder steckt ein heimlich elitäres Selbstverständnis dahinter? Für mich, also ganz subjektiv, ist jedes einzelne Zeichens des Satzes, dieser kleine Spaß sei mir erlaubt, sozusagen redundant, weil bei weglassen jedes einzelnen Zeichens, für mich kein Informationsverlust entseht. 0 - 0 ergibt ja schließlich auch 0. (Vgl. Wikipedia)

rene 19.02.2009 | 15:16

Robert Kurz schrieb:
"Den Kommentaren zu meinem Kommentar war allerdings zu entnehmen, dass die begrenzte Thematik schnell aufs „Grundsätzliche“ gebracht wird. Das ist verständlich, weil der diskursive Zusammenhang von Gesellschaftskritik längst verloren gegangen ist."

Der diskursive Zusammenhang von Gesellschaftskritik. Meinen Sie damit, dass bestimmte, sozusagen kanonische geselschaftskritische Grundpositionen, Aussagen, Ansäze heute nicht mehr Allgemeinwissen sind. Ihre Artikel aber bereits auf dieser Grundlage arbeiten. Die Leser aber, Mangels Einblick , versuchen diese Grundlagen qua gesellschaftskritischer Grundsatzdiskussionen erst wieder zu erschließen?

Ich könnnte mir gut vorstellen, dass der Freitag helfen könnte die relevanten gesellschaftkritischen Dikurse zugänglich zu machen. Zum Beispiel in Form von Themenblogs, die in Serien erscheinen.