Irrweg in die Wüste

Milliardenprojekt Die globale Expansion der Bahn soll Folgegeschäfte ermöglichen und Arbeitsplätze sichern. Doch ein öffentlicher Verkehrsbetrieb hat andere Aufgaben

Solche Nachrichten haben in Krisenzeiten einen guten Klang: Die Deutsche Bahn hat den Zuschlag für ein Milliardenprojekt auf der arabischen Halbinsel bekommen. Der Deal verspricht Milliardenumsätze und Folgegeschäfte in der Industrie. Katar ist nur der Anfang – in den nächsten Jahren werden in den Golfstaaten noch weit größere Investitionen erwartet. Die Scheichs setzten auf die Schiene. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten“, sagt der Verkehrsminister, könne die Expansion des letzten Staatskonzerns in Richtung Wüste helfen, „Arbeitsplätze auch im Inland zu sichern“.

Grund zum Jubel? Keineswegs. Katar liegt für die Bahn auf dem Weg zum Börsengang. Der Verkaufsirrsinn wird von Schwarz-Gelb fortgesetzt. Auf die Privatisierung will der CSU-Verkehrsminister nur warten, bis die internationalen Kapitalmärkte sich erholt haben und ein „angemessener“ Erlös erzielt werden kann. Für ein Unternehmen, das Milliardenaufträge im Portfolio hat, lässt sich dann sicher noch mehr verlangen als bisher veranschlagt.

Den Preis zahlen die Kunden. Für den Börsengang hat sich die Bahn hierzulande im wahrsten Wortsinne kaputtgespart. Das rollende Material und die Infrastruktur stoßen nach Jahren der gezielten Vernachlässigung längst an ihre Grenzen – oder rumpeln zu aller Gefahr darüber hinaus. Es ist derselbe Konzern, der jetzt „eines der modernsten Metro- und Bahnsysteme der Welt“ bauen will und behauptet, sein Knowhow sei überall geschätzt. Überall – nur nicht in Deutschland.

Von einem öffentlichen Verkehrsbetrieb wird anderes erwartet, als die vage Aussicht auf konjunkturstützende Maßnahmen durch Auslandsgeschäfte. Die renditefixierte Hybris der Bahn, die unbedingt als internationaler Logistikkonzern mitmischen will, konterkariert ihren eigentlichen Auftrag: ökologisch und verkehrspolitisch sinnvolle sowie preiswerte Mobilität zu gewährleisten. Und zwar auch dort, wo man damit keine Riesengewinne machen kann.

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11:30 24.11.2009
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Ausgabe 42/2021

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