Jura hinter Gittern

Bildung Häftlinge der Freiburger JVA können im Gefängnis zur Schule gehen und sogar studieren. Das Angebot ist so einzigartig, dass es Bewerbungen für den Knast gibt

Ein mehrfacher Mörder, der heute als Informatiker arbeitet, nachdem er im Gefängnis erst seinen Realschulabschluss und dann das Abitur nachholte. Ein chinesischer Student, der wegen einer Sexualstraftat verurteilt worden war: Dank des BWL-Studienzeugnisses aus dem Knast arbeitet er heute in einer großen chinesischen Fabrik und ist zuständig für das Auslandsgeschäft mit Deutschland und Europa. Oder jener Marrokaner, dem der Deutschkurs im Gefängnis eine Stelle beim Goethe-Institut in seinem Heimatland ermöglichte. Das sind die Erfolgsgeschichten, die Reinhard Sprehe gerne erzählt.

„Ich kenne keine andere Anstalt in Deutschland, in der es ein ähnlich breites Bildungsangebot gibt“, sagt der Leiter des Bildungszentrums der JVA-Freiburg. Die Strafgefangenen können im Gefängnis das Abitur machen, den Realschul- oder Hauptschulabschluss nachholen und diverse Sprachkurse besuchen. 182 der 800 Insassen nehmen daran teil, 18 von ihnen studieren sogar hinter Gittern – Jura, Informatik, Betriebswirtschaftslehre oder Kulturwissenschaften – per Fernkurs bei der der Universität Hagen und mit Prüfung vor der Webcam. Elf hauptamtliche und 50 nebenamtliche Lehrerinnen und Lehrer arbeiten im Knast, getragen wird das Angebot hauptsächlich von der Erzdiözese Freiburg, aber auch von anderen Institutionen wie etwa dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das einzelne Kurse zahlt.

Bestrafen und Wegschließen

Als Reinhard Sprehe vor 33 Jahren damit begann, das Bildungszentrum aufzubauen, schlug ihm offene Ablehnung entgegen – von einer Öffentlichkeit, der beim Thema Strafvollzug vor allem Bestrafen und Wegschließen einfiel. Von Politikern, die es sich beim Wahlvolk nicht mit allzu progressiven Ansichten verscherzen wollten, und von den uniformierten Vollzugsbeamten im Gefängnis, die fragten: „Muss das sein, dass man die Verbrecher auch noch gescheiter macht?“ Reichte es nicht, dass die Leute im Gefängnis arbeiteten. „Damals hat man geglaubt, eine Berufsausbildung ist das höchste, was ein Knacki erreichen kann“, sagt Sprehe. Heute hingegen stehe selbst der Allgemeine Vollzugsdienst voll hinter der Schule. „Die Beamten sehen: Das bringt was. Unter den Schülern gibt es weniger Schlägereien, mit denen kann man reden, weil sie gelernt haben, mit Worten statt mit Fäusten zu streiten“, sagt Anstaltsleiter Rösch. „Die Atmosphäre unter den Schülern ist besser als in anderen Bereichen.“ Kürzlich habe ein Gefangener im Unterricht geäußert: „Erst hier habe ich gelernt, selber Eigenes zu denken.“

Reinhard Sprehe spricht von Resozialisierung, wenn er den Auftrag des Bildungszentrums beschreibt: „Viele Straftaten entstehen, weil sich ein Mensch nicht richtig entwickelt hat, dissozialisiert ist und sich in der Gesellschaft nicht zurechtfindet. Er braucht eine bestimmte Nachreifung“, sagt er. „Bildung ist eine Chance, die wir solchen Menschen bieten können. Damit schützen wir auch die Gesellschaft. Denn die meisten Gefangenen werden irgendwann entlassen.“ Es gebe natürlich auch andere Maßnahmen im Gefängnis: Therapien etwa oder der Zwang zur Arbeit. „Die Schule ist natürlich nicht der einzige Aspekt, aber hier in Freiburg sehen wir, dass sie ein sehr wichtiger Aspekt sein kann.“

„Bei vielen Häftlingen muss man weit unten ansetzen“, sagt Sprehe. „Es gibt ja Leute, die schon Schwierigkeiten haben, sich fünf Minuten am Stück mit einer Aufgabe zu beschäftigen.“ In Schulkursen lernen sie nicht nur Mathe, Chemie oder Deutsch, sondern ganz grundsätzliche Dinge: Pünktlichkeit, Hausaufgaben machen und sich nicht beschimpfen. Oder auch Lesen und Schreiben. „Die Alphabetisierung ist die erste Hilfestellung, die man einem Gefangenen bieten muss“, sagt Thomas Rösch. „Draußen im Leben sind Analphabeten jahrelang unentdeckt, im Gefängnis können sie sich nicht mehr durchmogeln, weil bei uns alles nur mit Antrag geht.“ Alphabetisierungskurse richten sich aber auch an Häftlinge, die gar nicht oder nur sehr schlecht Deutsch können. Rußlanddeutsche etwa, die größte und laut Thomas Rösch zugleich schwierigste Häftlingsgruppe in der Freiburger JVA. Sie leben laut Rösch in einer Parallelwelt, in der viel Gewalt herrsche und das Recht des Stärkeren gelte.

Anmeldungen aus anderen Gefängnissen

Immerhin 18 Gefangene mit russlanddeutschem Hintergrund besuchen inzwischen die Schule oder studieren sogar - ein erster Erfolg, findet Rösch. „Das Entscheidende für die Entwicklung der Männer ist das Miteinander im Klassenraum“, sagt Schulleiter Sprehe. Bildung senkt sozusagen die Rückfallquote, auch weil die Insassen sozialer werden: „Im Klassenverbund lernen sie, ihre Meinung zu sagen und andere Meinungen zu akzeptieren. Konflikte nicht körperlich auszutragen, sondern mit Argumenten.“ Und sich vielleicht sogar gegenseitig zu unterstützen. Das sei wichtiger, als Wissen anzuhäufen. „Es geht nicht darum, dass ein Gefangener als Schlaumann wieder raus geht“, ist seine Ansicht. „Sondern als erwachsener Mensch, der seinem Alter entsprechend entwickelt ist und sich in der Gesellschaft normal verhält.“

Als eine Lehrerin im Unterricht die Frage stellte, was Bildung bedeute, schrieb einer der Gefangenenschüler zwar als Antwort auf ein Stück Papier, dass Lernen für ihn bedeute, „größtmögliches Wissen anzuhäufen, das später in Macht umgewandelt wird.“ Aber er notierte auch, dass man „die Möglichkeit bekommt, andere Kulturen kennen zu lernen“. Das Angebot ist unter Gefangenen beliebt und hat sich auch über Freiburg hinaus herumgesprochen – inzwischen bewerben sich auch Gefangene aus anderen Bundesländern, um in Freiburg ihr Abitur zu machen.

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06:00 31.05.2009
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Ausgabe 42/2021

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