Wolfgang Ratzel
04.10.2009 | 13:00 87

Kostenfaktoren aller Länder, vereinigt euch!

Workfare Die Linken fürchten den Arbeitsdienst für Erwerbslose. Dabei ist das Modell gar nicht umsetzbar und den Eliten viel zu teuer

Letztens um die Ecke: In einem winzigen Park drängen sich 16 Leute. Sie jäten wuchernde Wildkräuter. Genauer gesagt: Vier jäten und zwölf gruppieren sich auf Bierflaschen gestützt um Parkbänke in der Nähe. Ein regulärer Gärtner „leitet“ desinteressiert die Desinteressierten an.

Das Szenario nennt sich „Workfare“ – ein Kunstwort, in dem Arbeit und Wohlfahrt vereinigt sind. Was Workfare bedeutet, wird im US-Bundesstaat Wisconsin so auf den Punkt gebracht: „No work, no pay!“ Franz Müntefering hat das 2006 als Bundesarbeitsminister so übersetzt: „Nur wer arbeitet, soll auch essen!“ Dabei hat der SPD-Mann auch nur Stammvater August Bebel zitiert. „Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Ähnlich sprachen schon der hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch, der CDU-Wirtschaftsminister Michael Glos und andere. Arbeitslosengeld? Ab sofort nur gegen Bürgerarbeit! Und immer schrien die Linken auf: „Der Arbeitsdienst kehrt zurück!“ So unlängst auch Rudolf Stumberger in seinem Beitrag im Freitag (36/2009).

Nun: Die Regel „No work, no pay!“ regiert den Alltag der Mehrheitsbevölkerung des globalen Südens. Wer keine Arbeit hat, bekommt keinen Lohn, stirbt früher, verhungert gar. Workfare, das hätten sie dort vielleicht gern. 

Fordern und nicht fordern

Wem dagegen hierzulande die Stellenlosigkeit widerfährt, der wird auch gefordert. Das heißt dann in der Regel, sich auf „Integrationsmaßnahmen“ einzulassen, meist in Gestalt sechsmonatiger „Arbeitsgelegenheiten“. Diese treffen aber längst nicht alle: Etwa die Hälfte der Mitte dieses Jahres knapp sechs Millionen Bezieher von Arbeitslosengeld I und II entgeht dem Fordern. Es handelt sich um Erziehende, Vorruheständler, Aufstocker. Und auch auf die andere Hälfte warteten zum Zeitpunkt, als diese Zahlen erhoben wurden, gerade einmal 326.000 Arbeitsgelegenheiten. Schon die „freiwillige“ Nachfrage übersteigt das Angebot.

Ein mit Null Toleranz durchgesetztes Workfare-Modell hieße in der Bundesrepublik: Der Staat müsste rund 4,8 Millionen Stellen allein für die Hartz-IV-Bezieher vorhalten. Tendenz steigend. Und selbst wenn man einmal annimmt, er würde „nur“ drei Millionen Arbeitsgelegenheiten bereitstellen: Wer soll die bezahlen? Wer soll die Millionen Workfare-Erwerbslosen dann ausbilden, einweisen, ausrüsten und verwalten? Und was käme dabei raus? Auch wenn ein Dauerweltrekord im Kastanienblätterzusammenfegen aufgestellt würde: Die Blätterhaufen haben keinen Buch-Wert, außer Spesen wäre für den Staat nichts gewesen.

Workfare ist viel zu teuer

Workfare ist teuer, viel zu teuer: Eine Arbeitsgelegenheit in der Bundesrepublik kostet etwa 500 Euro im Monat, zusätzlich zur Grundsicherung. Damit 180 Euro als Mehraufwandsentschädigung in den Taschen der „Ein-Euro-Jobber“ landen, müssen noch einmal 320 Euro aufgewendet werden, um die „gemeinnützigen“ Träger zu bezahlen – für Dozent, Material, Verwaltung. Schon jetzt werden allein die Kosten der „Integrationsleistungen“ die gigantische Summe von 6,6 Milliarden Euro erreichen. Zum Vergleich: Für Bildung und Forschung, die doch die Zukunft des „Standorts Deutschlands“ sichern sollen, warten im Bundesetat gerade einmal 10,2 Milliarden Euro.

Lange schon zeichnet sich deshalb eine Flucht aus Workfare ab. Zum Beipsiel in Großbritannien. Dort haben die Tories Anfang 2008 gefordert, dass alle Sozialhilfebezieher „Gemeindearbeit“ leisten sollen! Stadtparks säubern, Abfall sammeln, Graffiti entfernen - das Übliche eben. Auch die 2,6 Millionen „Arbeitsunfähigen“ sollten dabei auf den sozialpolitischen Prüfstand kommen. Die Labour-Regierung jedoch, bislang gegenüber dem Modell Workfare freundlich eingestellt, winkte ab: Zu teuer! Allein die Überprüfung der „Arbeitsunfähigen“ für eine etwaige Wiedereingliederung hätte 1,1 Milliarden Pfund gekostet. Später hätte die Gemeindearbeit mit weiteren Belastungen zu Buche geschlagen.

Brot und Spiele statt Eingliederung

Warum kostenträchtige Leute mobilisieren, wenn sie danach noch mehr kosten? Die Zukunft sieht nicht viel heller aus. Wo Workfare war, wird Aufbewahrung sein! Es sind einfach zu viele auf dieser Welt, die nicht mehr „gebraucht“ werden. Künftig soll eine Mischung aus betäubender Unterhaltung und ausreichender Ernährung genügen, – vielleicht noch angereichert mit etwas „Sinnstiftung“ bei Bedarf, etwa im Rahmen von Freiwilligenarbeit im Sportverein oder in der Nachbarschaft. Dann gibt es womöglich ein bisschen Taschengeld. Kurzum: Billige Brot-und-Spiele statt teurer Eingliederung.

Das Bürgergeld-Konzept der FDP liest sich bereits wie die Umsetzung dieser Vision: 662 Euro für Ernährung und Spektakel, aber ohne öffentlichen Beschäftigungssektor. Stattdessen sollen Agenturen „ehrenamtliches Engagement propagieren und vermitteln“. Noch billiger wäre nur ein bedingungsloses Grundeinkommen der Marke Dieter Althaus. Dann gäbe es nur netto 600 Euro – ohne Workfare.

Bleibt die Frage, warum Workfare zum Hassfetisch besonders der erwerbslosen Linken taugt? Küchenpsychologisch betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass hier Betroffene verdrängen, dass sie staatsbedürftig sind und ohne Jobcenter schlicht verhungern würden. Also verachten sie die öffentliche Hand, die sie nährt und vorgibt, dass man sie braucht, wenngleich nur zum „kommunalen Service“.

Wahrlich, die Wahrheit ist schwer zu ertragen. Wer kann schon verarbeiten, dass er mehr kostet als bringt? Selbst dann, wenn er Tag für Tag „normal“ zur Arbeit geht? Kostenfaktoren aller Länder vereinigt Euch!

Kommentare (87)

hadie 04.10.2009 | 15:22

Zitate: "Die Linken fürchten den Arbeitsdienst für Erwerbslose ... bleibt die Frage, warum Workfare zum Hassfetisch besonders der erwerbslosen Linken taugt?"

Als arbeitssuchender Linker habe ich weder Hass, noch Fetische. Was ich fürchte, ist ein Regelsatz nach Kalorienrechnung und Mangelernährung per Gesetz für Kinder...

jfenn 04.10.2009 | 15:37

Ihre Einschätzung „alles zu teuer“ unterstellt, daß der Staat vernünftig haushalten wird und daß er nach einem ökonomischen Kalkül verfährt. Beides ist unsicher, denn Sozialpolitik ist nicht das Ergebnis von Vernunft oder Einsicht, sondern von Ideologie. Eine menschenverachtende Haltung führt zu einer menschenverachtenden Sozialpolitik, egal wieviel es kostet. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

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Ehemaliger Nutzer 04.10.2009 | 19:09

Nicht nur "küchenpsychologisch betrachtet könnte man auf die Idee kommen", dass der Autor hier ganz selbstverständlich allen "erwerbslosen Linken" seinen eigenen untertänigen Tugendkatalog als Maßstab und Ersatzverstand unterstellt.
Wer als (erwerbsloser) „Linker“ das Problem hat "nicht gebraucht zu werden" und "mehr zu kosten" als nützlich zu sein, anstatt die traurige Leere seiner Brieftasche zu bedauern und herauzufinden welchen (notwendigen) ökonomischen Zwecken dies geschuldet ist, hat sie nicht mehr alle.
So ein trauriges Bewusstsein wäre was für die Klapse oder die zahlreichen Selbstmotivationsseminare, aber doch nichts für die Befreiung des Menschen vom Elend.

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sven-jurgeleit 04.10.2009 | 19:43

Etwas zu leicht fließt Ihnen der Satz "Es sind einfach zu viele auf dieser Welt, die nicht mehr „gebraucht“ werden" in die Tastatur.

stop.
An dieser Stelle einmal nachgeschaut: warum werden sie nicht mehr gebraucht?

Ich habe in meinem Umfeld mindestens drei hochqualifizierte und engagierte Menschen, die keine passende Stelle finden und darunter leiden.

Der eine, weil er als Biologe und Chemiker den Anspruch hat, effektiv im Umweltschutz tätig zu sein - und dies nicht nur ehrenamtlich.
Oder ist er mit 42 schon zu alt?

Warum gibt es so viele arbeitslose Jugendliche, wo die aktuelle Resourcenknappheit doch ein gigantisches Ausbildungs- und Arbeitsfeld ergäbe im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe und technisch neuen Anforderungen?

Meine Bekannte wünscht sich eine pädagogische Tätigkeit, hat aber einige Mindestanforderungen an den Standard der schulischen Konzeption und Ausstattung und möchte sich nicht als unterbezahlte "Aushilfslehrerin" verheizen lassen.

Gehören die zu dem Personenkreis, der Ihrer Meinung nach eben "einfach nicht mehr gebraucht" wird?

Gottseidank war ich von Arbeitslosigkeit noch nicht betroffen, doch das rechtfertigt nicht, mich vom Thema der Massenerwerbslosigkeit nicht betroffen zu fühlen!

Es ist eine gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale FEHL-Entwicklung und nicht etwa natur-oder gottgegeben, und ich als Privilegierter habe einfach mal Glück gehabt!

Nein, es ist eine Entwicklung, die korrigiert werden sollte, und zwar nicht mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen á la Laubharken, was ja "keinen Geldwert" bringt - aber einen freien Gehweg und eine saubere Straße wollen wir schon alle haben!?

Wissen Sie, welcher Berufszweig in meinen Augen tatsächlich "nicht mehr gebraucht wird"?
Vielleicht kommen Sie drauf:
für mich sind die Banker, Broker und Börsenaktivisten so überflüssig wie ein Kropf am Hals.
In Zeiten des Online-Banking brauche ich lediglich gelegentlich den Service der freundlichen Bankangestellten.
Leute, die mit Aktien, anderer Leute Geld und Besitz, herumspekulieren brauche ich überhaupt nicht.
Seltsamerweise haben die aber alle einen Job.

Eine Logik, mit der ich mich nicht anfreunden kann.
Und Sie?

Gruß
Sven

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steinmain 04.10.2009 | 20:48

Also nach meiner Information bekommen gemeinnützige Träger/Veranstalter von sog. 1-Eur-Arbeitsgelegenheiten vom jeweilig zuständigen Jobcenter pro Monat 550.- überwiesen, wovon etwa 150.- an den Kandidaten weitergegeben werden.
Das ganze wird richtig lukrativ etwa im Bereich von Recycling und städtischem Gartenbau, in anderen Bereichen ist es eigentlich egal, ob etwas gearbeitet wird oder nicht, Hauptsache es bleiben 3-400.- netto in der gemeinnützigen Kasse hängen, und das Vereinspersonal kann sich ordentliche Bezüge genehmigen.
So funktioniert das, lieber Wolfgang Ratzel.

Daniel B. 04.10.2009 | 21:19

Was genau will uns der Verfasser hier überhaupt sagen? Dass das undankbare parasitäre Pack gefälligst froh sein soll, wenn man ihnen zumutet, alles zumutbar zu finden (anbei bemerkt mit dem schönen Nebeneffekt der Schwächung der Position der Arbeitenden allgemein...)? Glaubt hier jemand wirklich daran, dass "1-Euro-Jobs" als Mittel der "Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt" ernstzunehmen sind?

Wohl kaum, und das ist auch das Problem mit dieser Polemik (mal ganz abgesehen von ihrem menschenverachtenden Unterton) - in Wirklichkeit geht es vor allem um Druck, Druck und nochmals Druck. Wenn man das dann mit den stets drohenden Kürzungen bei mangelndem untertänigem Wohlverhalten kombiniert, ist es eigentlich nicht ganz so verwunderlich, dass sich die Begeisterung auf Seiten der so Beglückten in Grenzen hält.

Es ist aus praktischen Gründen allerdings sehr unwahrscheinlich, dass alle Arbeitslosen zur Zwangsarbeit herangezogen werden. Sie als in ständiger Unsicherheit lebende Subjekte zu behandeln, geht hingegen sehr wohl.

part 04.10.2009 | 21:26

Ich gebe Herrn Ratzel recht, schlimmer als die SPD wirde die neue Koalition die Arbeitslosen auch nicht entwürdigen. Das Bürgergeld-Konzept der FDP hab ich mir gerade angeschaut, diesen Unsinn nehmen die doch selber nicht ernst. Es wird mit Hartz weitergehen wie bisher: Kungelei, Korruption bei den Sozialverbänden. Die Arbeitslosen werden ihrer Rechte beraubt wie eh und je. Schlechter wird es allerdings manchen Menschen gehen, die bis jetzt noch Arbeit haben. Da wird weiter aussortiert und auf den Hartzhaufen geworfen werden. Nur die SPD macht sich nicht mehr die Finger schmutzig. Der Dreck reicht auch für ein Jahrzehnt mindestens.

Daniel B. 04.10.2009 | 22:28

Wobei der "menschenverachtende Unterton" ja offensichtlich bewußtes Stilmittel ist. Sorry, aber man ja ist schon soweit, dass man auch so etwas erst mal ernst nimmt - es gibt ja Leute wie einen gewissen Herr S. aus Berlin, die für sowas sogar populär sind.

Aber wenn Wolfgang Ratzel auch mit diesem Artikel darauf hinaus will, dass sich Linke in sinnlose Feindbilder verrennen - kann man das nicht einigermaßen klar zum Ausdruck bringen? Das ist nämlich ein wirklich diskussionswürdiges Argument, das hier aber dann doch - mal wieder - sehr unklar formuliert ist. Wobei ich auch nicht weiß, ob der wohlmeinende Sozialstaatsterror wirklich die beste Option ist. Die Hoffnung, dass eine Integration aller in die Arbeitsgesellschaft noch möglich ist, scheint mir jedenfalls absolut illusorisch.

oca 04.10.2009 | 22:47

"...Betroffene verdrängen, dass sie staatsbedürftig sind und ohne Jobcenter schlicht verhungern würden."

Um das zu behaupten muss man allerdings erst den Kapitalismus als naturgegebene Ordnung und den Sozialstaat als sein mildtätiges Korrektiv voraussetzen.

Menschen sollen also dafür dankbar sein, dass sie, wenn sie es nicht an die Selbstbedienungstheke der Kapitalbesitzer und Kapitalverwalter geschafft haben, immerhin noch mit ein paar Almosen ruhig gestellt werden?

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Ehemaliger Nutzer 04.10.2009 | 23:00

Nett gedacht, leider nur nicht weit genug.

Was heißt Workfare: Workfare ist nichts Anderes als Brot und Spiele mit etwas "Eigenleistungsanteil". Sehr präzise schilderten sie "biertrinkende Arbeiter geschart um einen echten Gärtner". Wo liegt hier der Fehler? All die Menschen, die Arbeit bräuchten scharen sich um den ! echten ! Gärtner, ohne selbst echte Gärtner zu werden. Menschen brauchen keine "Beschäftigung", Menschen brauchen Arbeit, um ihre Familie ernähren zu können. Meiner Meinung nach ist es eine Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass von diesem "Gut" möglichst viel zur Verfügung steht. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind jedoch kein Mittel, um Arbeiter zufrieden zu stellen und Kinder zu füttern. Warum kümmert sich der Staat nicht endlich darum, Arbeit zu schaffen, statt nur zu suggerieren?

Wie sie jedoch erwähnten: In nächster Zeit wird sich diesbezüglich keine Besserung einstellen. Die FDP gibt uns deutschen Bürgern Brot und Spiele und wir schreien danach...während man uns im Stillen unsere Rechte raubt.

MFG Simon Pschorr

Moto 05.10.2009 | 00:06

Hm - also "Hassfetisch" ist wohl ein bisschen übertrieben. Aber an irgend etwas erinnert mich der "Repressive Arbeitsdienst" (RAD). Was war das doch gleich? Ein demokratisches Staatswesen sollte sich eigentlich solcher arbeitsmarktpolitischen Instrumente nicht im Übermaß bedienen. Ist vielleicht ganz nützlich, wenn so'n paar Linke so eine Entwicklung misstrauisch beäugen und einen kritischen Dialog darüber am laufen halten...

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steinmain 05.10.2009 | 00:17

Du hast es, Daniel, wer wird denn einem 50-jährigen mit 5 Jahren Fehlzeit wegen diverser Klinikaufenthalte zwecks Depresion und paranoiden Angstzuständen noch eine Chance geben, wenn er/sie einen 20jährigen mit der selben Qualifikation kriegen kann, also Frischfleisch für die Finanz ?

neee Du, wenn du aus dem System rausfliegst und du bist nicht mehr 20-30 dreht es sich einfach darum, die Zeit bis zur Kiste rumzubringen, ohne sich allzu sehr entwürdigen zu lassen.

THX1138 05.10.2009 | 01:00

"Es sind einfach zu viele auf dieser Welt, die nicht mehr „gebraucht“ werden."

Das ist der Satz, mit dem ich in diesem Text am allermeisten anfangen kann. Und es werden immer mehr von diesen "Ausgesonderten". Dank atypischen Beschäftigungsverhältnissen, die wohl nur für Sascha Lobo Co. irgendeinen (ideellen?) Wert haben und der panikartik eingeführten Verlängerung der Kurzarbeit im Katastrophenfalle (zumindest in der Schweiz: Von 12 auf 18 Monate, das ging blitzplötzlich!) lassen sich wenigstens die gröbsten Probleme rund um die Beschäftigung im Erwerbsarbeitssektor kleinrechnen- wie man mittlerweile auch sonst dazu übergegangen ist, die soziale Wirklichkeit schön- oder gleich ganz wegzurechnen.

Die Frage bleibt: Wohin mit den "Überflüssigen"? Und heutzutage kann man schneller überflüssig werden, als einem lieb sein kann: Die Karriere vom Ingenieur zum Tellerwäscher ist mittlerweile für jeden zu einer möglichen Option geworden!

sputnik-suedstern 05.10.2009 | 12:58

Ich finde den Artikel nicht besonders differenziert und zu polemisch. Im Grunde dessen geht es doch darum: der Wert dessen, was Werte überhaupt erst schafft (der Arbeit) wird systematisch nach unten korrigiert. Die Arbeit an sich zerstört. In der Bundesrepublik (und nicht nur hier) werden durch die immens hohe Produktivität in Teilbereichen künstliche a) Niedriglohnbereiche geschaffen und b) diese dort verrichtete Arbeit unter allen Maßen schlecht "vermarktet". Ein öffentlicher Beschäftigungssektor, der diesen Namen verdienen würde ist dabei in den Gully gefallen. Die Ausstrahlung dessen auf den regülären Arbeitsmarkt ist dermaßen stark, dass Arbeit zudem verkommen ist, was es nicht sein sollte: zum reinen Geldverdienen (um eigene Kosten zu decken). Kein Spaß, keine Erfüllung und keine Identitfikation mehr. Mit ihren Anteil an dieser politisch unterstützten Vorgehensweise haben Zeitarbeitsfirmen und Personaldienstleister, die damit das gesamte Segment der einfachen und geringfügigen Beschäftigungen für sich behaupten. Arbeit wird künstlich als Mangelware gehandelt und deren Zugang protektionistisch dem "freien" Markt entwendet. Hier stehen die Hauptprobleme einer Entwicklung, die seit 2004 auf den Zentralnerv der (nicht nur) bundesrepublikanischen Gesellschaft drücken und wie Blei auf jedweder möglichen wirtschaftlichen Positiventwicklung liegen. Arbeit, und nicht viel mehr haben wir in Deutschland seit dem Krieg gelernt, ist unser Hauptidentifikationsmerkmal (gewesen). Heute ist es Geldverdienen und das steht ganz woanders

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 16:19

Hallo Hadie, das ist schön, dass Du ein arbeitssuchender Linker bist; aus dieser Perspektive muss tatsächlich der Regelsatz auf minimal 440 Euro erhöht werden pkus Erthöhung des Kinderregelsatzes plus Nichtanrechnung des Kindergeldes plus verbesserte Zuverdienstanrechnung (50% des Zuverdienstes müssen uns verbleiben; 50% werden verrechnet). Aber es gibt halt auch Linke, die Lohnarbeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser, und es gibt Linke, die wohlen überhaupt gar nicht arbeiten. Und eben diese letzgenannten "Fraktionen" Linken bauen Workfare als Hassfetisch auf.
wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 16:23

Hallo Hadie,
schön, dass Du ein arbeitsuchender Linker bist; aus dieser Perspektive erscheint workfare nicht als Hassfetisch. Auch ich meine, dass der Regelsatz erhöht werden muss: auf minimal 440 Euro plus Erhöhung des Kinderregelsatzes plus Nichtanrechnung des Kindergeldes plus verbesserte Zuverdienstanrechnung (50% des Zuverdienstes müssen uns verbleiben; 50% werden mit dem Regelsatz verrechnet).
Aber es gibt halt auch Linke, die Lohnarbeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser, und es gibt Linke, die wollen überhaupt gar nicht arbeiten. Und eben diese letzgenannten "Fraktionen" der Linken bauen Workfare als Hassfetisch auf.
wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 16:32

Hallo jfenn,
jede Vernunft ist interessegeleitet und hat ihre jeweils eigene systemimmante Logik. Aus der Sicht der Regierenden ist es z.B. "vernünftig", hunderte Milliarden in den kapitalistischen Banken- und Industriesektor zu investieren, und es ist "vernünftig", das Kurzarbeitergeld STATT den Ausbau des Öffentlichen Beschäftigungssektor zu finanzieren uswusf..
Nach meiner Logik wäre es "vernünftig", den kapitalistischen Sektor NICHT zu finanzieren und STATTDESSEN den Öffentlichen Beschäftigungssektor zu einer effizienten und konkurrenzfähigen Betriebsstruktur umzubauen.
Jede und jeder hat also seine "Vernunft", und es ist eine Frage der Kräfteverhältnisse, welche "Vernunft" siegt.
Michel Foucault hat das so ausjedrückt:
"Die Wahrheit ist ein Mehr an Kraft."
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Tiefendenker 05.10.2009 | 16:47

Kleine Anmerkung: Menschen brauchen (in einer warenproduzierenden Wirtschaft) nicht Arbeit, um ihre Familie ernähren zu können, sondern ein Einkommen.

Unser Denkfehler besteht meist darin, die spezielle Form des Kapitalismus bereits blind und quasi "Natur gegeben" vorauszusetzen und somit Arbeit als Erwerbsarbeit zu begreifen.

Arbeit ist viel mehr der gesellschaftliche Aufwand, den man betreiben muss, um die Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen. Deren Austausch findet aber eben leider nicht auf der stofflich-energetischen Ebene statt, sondern auf der abstrakten Wertebene. Genau da liegt der Haken, denn wertmäßig stellt sich das ganz anders da und führt ja genau dazu, dass tendenziell der noch benötigte Aufwand an lebendiger Arbeit durch Technik (also tote, vergegenständlichte Arbeit) ersetzt wird - also immer mehr Menschen übrig bleiben.

Deshalb ist es völlig unlogisch und irrational diese Menschen dann mit Druck wieder in "Arbeit" hineinzwängen zu wollen. Richtig wäre vielmehr, den Menschen konsequent von der Arbeit zu befreien!!!

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 16:48

Hallo, Phineas Freek,
gratuliere zu Ihrem autonomen Selbstbewusstsein. Offensichtlich gehören Sie zu der Fraktion zahlreicher Linker, die glauben, dass Nahrungsmittel aus dem Aldi, Strom aus der Steckdose und Geld von der Bank kommt. Aber: Ihr Geldbeutel ist wohl nicht immer leer; zu Anfang des Monats wird er wohl in Höhe des Netto-Alg II (netto ca 680 Euro) plus KVRVPflV gefüllt sein??? Raten Sie mal, wer das bezahlt???
Ich gehöre zu der anderen weniger zahlreichen Fraktion der Linken, die noch weiß, dass man als Erwerbsloser die Werke der Arbeiterklasse konsumiert und (größtenteils) aus der Lohnsteuer bezahlt wird; dass also Andere dafür lohnarbeiten, dass ich leben kann.
Und: Ich gehöre zu denen, die physisch-materiell-mental darauf angewiesen sind, dass sie "gebraucht" werden. Stellen Sie sich vor: Ich freue mich doch tatsächlich, wenn der FREITAG meinen Text abdruckt, weil das beweist, dass mich der FREITAG braucht. Das hebt nämlich mein schwachentwickeltes "untertänig-tugendhaftes" Selbstbewußtsein!
Aber Sie scheinen bereits ins linke Wolkenkuckucksheim übergesiedelt zu sein, wo man solche banal-menschlichen Fragen nicht mehr zu stellen braucht - die Pension fürs Wolkenkuckucksheim zahlen ja sowieso die Anderen.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 16:55

Hallo luggi,
danke für die Bebel-Fundstelle.
Richtig! - der kapitalistische Staat lässt sich Disziplinierung einiges kosten; er muss es, weil die Sicherheit des Binnenraums der Produktion eine der wichtigsten Voraussetzung für deren kapitalakkumulierendes Funktionieren ist (zumal in Zeiten der just-in-time-Produktion).
Aber auch hier regiert die Kostenrechnung; es wird diejenige Disziplinierung angestrebt, die am kostengünstigsten ist. Die USA führen uns das vor. Dort sitzt schon 2 Prozent der ("überflüssigen") Bevölkerung im Knast. Damit es noch kostengünstiger wird, werden die Knäste fortlaufend privatisiert. Letzter Vorschlag: Die Gefangenen sollen sich an den Kosten ihrer Einknastung finanziell beteiligen.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 17:09

Hallo Sven,
es gibt kein abstrakt-allgemeines "Gebrauchtwerden". Man wird gebraucht oder nicht entsprechend dem konkreten Bedarf des kapitalistischen Arbeitsmarkts. Wenn der Markt einen umweltbewußten Biologen braucht, dann wird er eingestellt, und wenn nicht, dann ist er eben "überflüssig".
Aber noch eins drauf: Wenn der Markt einen "umweltbewussten Biologen braucht, und es bietet sich ein indischer umweltbewusster Biologe billig an, dann wird der kostengünstigere indische Biologe eingestellt. Und: Wenn es sich rentiert, die Umwelt-Biologie nach Indien zu verlagern, dann wird sie nach Indien verlagert (siehe auch die derzeitige Verlagerung der Solarproduktion nach Süden) uswusf..
Summa summarum: Man muss die "Logik" der kapitalistischen Produktionsweise ablehnen und versuchen, alternative Produktionsweisen zu etablieren; dann wird auch ihr arbeitsuchender umweltbewusster Biologe (und Chemiker und Pädagogin) "gebraucht".
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

oca 05.10.2009 | 17:15

Zitat W. Ratzel: "...es gibt Linke, die wollen überhaupt gar nicht arbeiten."

Wie kann man nur so einen hirnlosen Mist von sich geben? Was bedeutet denn "arbeiten"? Für Dich scheint das in jedem Fall ein Beitrag zum Wohl und Glück aller Menschen (oder zumindest der 'Volksgemeinschaft') zu sein. Welche Waren dabei produziert werden (Handyklingeltöne, Fernsehwerbung, graffitifreie Betonflächen, Schusswaffen...) und wozu diese gebraucht werden, das ist dann wohl Nebensache. Und wer sich eine in irgend einer Weise sinnvolle Arbeit wünscht, aber nicht jeden Blödsinn zu machen bereit ist, der wird von Dir als "arbeitsscheuer" Linker verachtet.

So einen primitiven Schwachsinn im Freitag zu lesen ist wirklich die Krönung. Habt Ihr denn überhaupt keine Selbstachtung mehr?

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 17:21

Lieber SteinMain,
500 Euro ist eine Durchschnittszahl; es kann mehr oder weniger sein; je nach angefordertem Sachmittel und Qualifikationsbedarf. In Berlin werden pro Stunde 1,50 Euro Mehraufwandsentschädigung (MAE) bezahlt (das ist bundesweit auch die Regel; es gibt aber auch Ausnahmen nach oben und unten); das ergibt bei der üblichen 30-h-Woche minimal 180 Euro MAE, manchmal mehr - je nach Dauer des Monats und Lage der Wochenenden. Zugegeben: Es gibt Bereiche, in denen sich der Einsatz von ArbeitsgelegenheitlerInnen "lohnt"; aber auch das ist die Ausnahme und nicht die Regel (ich kenne z.B. nicht eine einzige dieser Ausnahmen aus eigener Anschauung; alles nur kostenträchtig, bis hin zur Beschäftigungstherapie). Dass im Bereich "freie Träger" teilweise allerheftigst abgezockt wird, ist mir ebenfalls klar. Und das wissen auch "Die-da-oben" (und benutzen dieses Argument, um den ÖBS insgesamt zu kippen).
Mir geht es auch gar nicht darum, den Status-quo zu belassen. Der ÖBS MUSS umgebaut werden, und zwar in Richtung regulärer Betriebe, die regulär sinnvolle Produkte herstellen.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 17:37

Hallo Daniel B.,
der Verfasser wollte mit seinem Text sagen, dass die Regierenden den "aktivierenden" Sozialstaat durch ein kostengünstiges Aufbewahrungssystem ersetzen wollen, und zwar nach dem Modus "(karges) Brot und viele Spiele". Im Endausbaustadium wird ein karges bedingungslose Grundeinkommen plus Grundkrankenversicherung (Althaus-Modell) den zerschlagenen Sozialstaat ersetzen. Es gibt ja unfassbarweise genügend Leute, die das sogar noch attraktiv finden.
Aber die "regierende" Perspektive ist eben nicht ein "workfare-state", den nach der Wahl u.a. Harald Thomé vom Verein Tacheles-Sozialhilfe wieder aufs Neue als Schreckgespenst an die Wand malt. All das geht natürlich nicht von heute auf morgen; aber workfare ist ein Auslaufmodell, genauso wie der "rheinische Kapitalismus" ein Auslaufmodell war (genau besehen, gehört workfare -sozusagen als Nach-Läufer- noch zum ausgelaufenen paternalistischen Kapitalismus).
Und menschenverachtend bin nicht ich sondern das System, an dessen Tropf wir alle hängen.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 17:55

Hallo part,
mit Hartz IV wird es eben nicht so weitergehen wie bisher; Hartz IV hat sich längst zu einer Kostenlawine entwickelt. Trotz anderslautendem Sonntagsgelaber - Hartz IV ist für die Regierenden Schnee von gestern. Und das Bürgergeld-Konzept der FDP ist m.E. genau das, was die Regierenden derzeit durchsetzen könnten: Einerseits schreibt es, was Bedarfsgemeinschaft, Pflichtarbeit und Sanktionen betrifft, Hartz IV fort; andererseits liegt es mit pauschal netto-662 Euro weit unter Hartz IV-Niveau, vor allem streicht es die abermilliardenschweren Integrationsmaßnahmen. Und dazu kommt die Deckelung der Wohnungskosten bei 303 Euro.
Noch nicht durchsetzbar erscheint mir die von der FDP geplante Ersetzung der Sozialversicherung durch privatisierte Grundversicherungsmodelle. Mittelfristig wird das aber kommen.
Im übrigen finde ich ebenso wie Sie den status quo ekelerregend. Die Sozialversicherung ist tatsächlich ein gigantischer Selbstbedienungsladen für Pharmaindustrie, Krankenhaus- und Ärzte- und Wohlfahrtsverbände.
Meine Schlussfolgerung heißt aber nicht Abschaffung der Sozialversicherung sondern Abschaffung des Selbstbedienungsladens.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 18:09

Hallo oca,
woraus entnehmen Sie, dass Sie dankbar sein müssen für die "paar Almosen" (immerhin ca. 660 Euro netto), die Sie vom JobC als Alg II bekommen????
Im Text geht es um eine Situationsbeschreibung der Alg-II-Erwerbslosen. Ich habe z.B. lange gebraucht mir einzugestehen, dass ich (als Nicht-Erbe) HIER-UND-HEUTE extrem staatsbedürftig bin. Ohne sozialstaatlichem JobCenter müsste ich zu meinen Verwandten gehen und sie bitten, mich am Leben zu erhalten (Alternativen hierzu: Spargelstechen und Zeitung austragen). Eine HORRORvorstellung!!! Aber lebte ich nur 50 km weiter östlich von Berlin, in Polen (EU!), müsste ich genau das tun! (Alternative: Spargelstechen in Deutschland; Bauarbeiter in GB); das ist die polnische wirkliche Wirklichkeit.
Es geht also nicht um "Dankbarkeit" sondern um Anerkennung des Faktischen.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

AEGAL 05.10.2009 | 18:10

Unproduktiv

Höher, Schneller, Weiter
Wir lieben den Fortschritt
Höher, Schneller, Weiter
Es lebe das Wachstum
Höher, Schneller, Weiter
Unproduktives stört
Höher, Schneller, Weiter
Ausschuss registriert! bleibt ungehört

Hilflose Kreaturen
Von „ARGEN“ vergewaltigt
Siecht ihr Leben dahin
Abwicklung auf Zeit
Gerechnet in Geld
„Mehr Werte“ sind für sie nicht drin

Hilflose Kreaturen…..Ausschuss…

Einsame Kreaturen
In Druckgeschwüren liegend
Siecht ihr Leben Dahin
Zuwendung auf Zeit
Gerechnet in Geld
„Mehr Werte“ sind für sie nicht drin

Einsame Kreaturen….Ausschuss…

Wertlos, unnütze Kosten – Wohin?
Die Politik empfiehlt:
„Nicht essen soll, der auch nicht arbeitet“!!! *
Mit Verschärfung der Krise, zeigt der so genannte
demokratische Staat
Sein wahres Gesicht, eine hässliche Fratze

Höher, Schneller, Weiter
Überflüssige Massen
Höher, Schneller, Weiter
Wertverwertung zerstört
Höher, Schneller, Weiter
Wie stark droht uns Selektion?
Höher, Schneller, Weiter
HEUTE GHETTO! MORGEN KZ??

*Müntefering, SPD

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sven-jurgeleit 05.10.2009 | 18:18

Hallo oca,
ich weiß zwar auch nicht, ob der Satz "...es gibt Linke, die wollen überhaupt gar nicht arbeiten" eine realistische Basis hat, aber ich verstehe Ihre Aufregung und auch den ausfallenden Ton Ihrer Antwort darauf nicht.
Es könnte doch durchaus Menschen geben, die sich nicht um Arbeit reißen, und das kann man ihnen per se sogar ein kleines bißchen nachfühlen.
Besonders im Verkauf von Handyklingeltönen, im call-center oder als Schusswaffen-Fließbandarbeiter möchte ich auch nicht arbeiten!
Ob das nun tatsächlich Linke oder eher aus anderen Gründen vom harten Arbeitsalltag nicht übermäßig Begeisterte sind, steht auf einem anderen Blatt.
Da muss also differenziert werden.
Verallgemeinerungen wie "primitiver Schwachsinn" bringen uns da nicht weiter.
Selbstachtung sowie Achtung spiegeln sich i.d.R.
auch in der Wortwahl wider...

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 18:26

Hallo, Simon Pschorr,
das postmoderne System "Brot und Spiele" ERSETZT den abermilliardenschweren Sektor der öffentlichen "Beschäftigung" durch einen Spiele-Sektor. Das kommt deshalb billig, weil wir bereits in einer gigantischen Erlebnismaschine leben; in Berlin gibt es fast wöchentlich gigantische entgeltfreie Events (zuletzt liefen zwei Riesen durch die Stadt), zusätzlich täglich aberhunderte von Veranstaltungen, die eintrittsfrei sind, teilweise mit Buffetts; ich kenne Leute, die sich systematisch essend und trinkend von Termin zu Termin hangeln.
Wir haben unter Hartz IV also zwei nebeneinanderfunktionierende Systeme: Beschäftigung UND Spiele. Also weg mit der Beschäftigung. Das kommt aber noch; aber in fließendem Übergang.
Anmerkung zur FDP: Die 662 Euro netto-pauschal-für-alles, die uns die FDP als Bürgergeld geben will, zwingt noch zum Zuverdienst im kapitalistischen Niedriglohnsektor; das wäre das, was Sie als "Brot-und-Spiele mit Eigenleistungsanteil" (gratuliere! tolles Bild!) bezeichnen.
Im übrigen sind wir uns einig. Auch ich plädiere für eine öffentliche Betriebsstruktur, die regulär und sinnvoll arbeitet, allerdings nicht unter dem Kommando der Kapitalakkumulation, sondern unter dem Kommando einer Gemeinwohlakkumulation.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

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sven-jurgeleit 05.10.2009 | 18:29

Hallo Wolfgang Ratzel,

danke für Ihre Reaktion.

Ihr Summa summarum "Summa summarum: Man muss die "Logik" der kapitalistischen Produktionsweise ablehnen und versuchen, alternative Produktionsweisen zu etablieren" hat mich positiv überrascht und ich würde sofort zustimmen und mitmachen.

Wenn ich nur wüsste, wie man oder wie ich persönlich versuchen kann, "alternative Produktionsweisen zu etablieren".

Gruß
Sven

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 18:43

Hallo Moto,
seien Sie bitte vorsichtig mit solchen Gleichsetzungen wie "Repressiver Arbeitsdienst (RAD)" = "Reichsarbeitsdienst (RAD)".
Ich zitiere mal aus dem RAD-Gesetz vom 26.6.1935: §1 (1) "Der Reichsarbeitsdienst ist Ehrendienst am deutschen Volk. (2) Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volke im Reichsarbeitsdienst zu dienen... §3 (1): "Der Führer und Reichskanzler bestimmt die Zahl der alljährlich einzuberufenden Dienstpflichtigen und setzt die Dauer der Dienstzeit fest" (Anm: 6 Monate) ...(3) "Die Arbeitsdienstpflichtigen werden in der Regel in dem Kalenderjahr, in dem sie das 19. Lebensjahr vollenden, zum Reichsarbeitsdienst einberufen uswusf.
Auch die RAD-Arbeiten waren anderer Art als die "Beschäftigung" in Hartz IV-Arbeitsgelegenheiten: z.B. Ausschachten und Betonieren der Westwall-Bunker (untergebracht in Arbeitslagern und Kasernen). Abgesehen davon, dass der RAD sich als eine Schule zur Herstellung rassisch-reiner doitschen Jungs und Mädels verstand.
Misstrauisch die Entwicklung beäugen? einverstanden!
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 19:06

Hallo oca,
also bitte! Du beleidigst mich ganz schön heftig! warum dieses wütige Wüten! Mein Satz "und es gibt Linke, die wollen überhaupt gar nicht arbeiten" ist eine Tatsachenbehauptung, sonst gar nichts. Hast Du noch nie etwas vom "Recht-auf-Faulheit" (Paul Lafargue) gehört? Dazu passend gibt es eben eine "Recht-auf-Faulheits-Fraktion" in der Linken. Sie ist vornehmlich in Kreisen der BefürworterInnen des Bedingungslosen Grundeinkommens anzutreffen. Es gibt aber auch viele weltanschaulich-nicht-so-festgelegte "Linke" wie z.B. PunkerInnen, AussteigerInnen aller Art, Lohnarbeitsverweigerer, sog. "Autonome", die sich ebenfalls lieber subversiv "auf die faule Haut" legen - auf Kosten der JobCenter, versteht sich.
Das sind facts, facts und nochmals facts!!!
Meine Tatsachenbehauptung scheint Dich aber ganz schön zu treffen, wenn Du die "Nicht-arbeiten-Wollenden" auch noch als "Arbeitsscheue" diffamierst (was ich niemals machen würde) und "Arbeit" mit Volksgemeinschaft und mit unnützen und schädlichen Waren. Was soll das?
Ciao und schreibe (etwas) höflicher! - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 19:26

Oh Mann oder Frau AEGAL,
was soll denn das jetzt?
Ich bin seit 15 Jahren langzeiterwerblos und bin noch nie von ARGEN oder in ARGEN vergewaltigt worden. Inzwischen wird mein Weiterbewilligungsantrag binnen 1 Woche bearbeitet, und wenn darin ein Fehler war, gab es jedesmal eine faire, außergerichtliche Lösung. Am JobCenter-Empfang werde ich höflicher behandelt als bei Aldi (und dort geht es auch höflich zu).
Druckgeschwüre habe ich auch keine, und schon gar nicht sieche ich dahin.
Am schlimmsten ist aber: Ihr Gedicht ist einzige Verharmlosung von wirklichen Ghettos und wirklichen Slums und wirklichem Siechtum und tatsächlicher Vergewaltigung infolge Massenarmut. Zwecks Wiedergewinnung Ihrer Realitätswahrnehmungsfähigkeiten empfehle ich Ihnen einen Kurzaufenthalt in einem südafrikanischen Township.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

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Ehemaliger Nutzer 05.10.2009 | 19:43

Schalten sie doch ausnahmsweise mal Ihren Hirnschrittmacher ein, BEVOR Sie etwas aufschreiben – dann kommt dabei vielleicht nicht immer der gleiche konfektionierte Murks aus der ideologischen Resterampe angehender Marktschreier vom Schlage „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ oder „Junge Liberale“ raus.
Das Sie sich nicht zu schade sind, außer billige Mutmaßungen über ihre Kritiker, auch noch mal die dümmsten Kalauer aller Arbeitspfaffen, Lebensfeinde und Kolumnisten der Bildzeitung runter zu reihern, macht erstmal nur deutlich – von Ökonomie WOLLEN Sie partout nichts wissen.
Wer den von „der Arbeiterklasse“ geschaffenen Reichtum hiesigen Standorts ausschließlich in den hauptsächlich von derselben „Arbeiterklasse“ finanzierten staatlichen Sozialkassen verortet,

(das sich der Reichtum der Nation dort ansammelt wo er auf einem marktwirtschaftlich Standort hingehört, finanziert „die Arbeiterklasse“ ihr teilweise, mögliches, und vorzeitiges Ausscheiden gleich selbst aus den eigenen Lohnbestandteilen per staatlich verordnetem Zwangssparen)

welche dann auch noch permanent von arbeitsscheuen und volksschädlichen Parasiten aus den eigenen Reihen bedroht sind, hat schwer einen an der Waffel – oder Bertelsmann zahlt einfach ein zu verlockendes Zeilenhonorar.
Die Möglichkeit in Betracht zu ziehen die Grundrechnungsarten herrschender Ökonomie zu begreifen und nebenbei gleich einige liebgewonnene Ideologien und moralische Plattheiten aus dem hiesigen Wertehimmel zu verschrotten, ist bei soviel finanzstalinistischen Eifer wohl vergebliche Liebesmüh.
Wer sich freut wie Lumpi beim apportieren, wie Sie beim "gebraucht" werden, der hat sich auch schon längst verabschiedet (ich befürchte da eher, solche Fragen stellten sich eh nie) von der Beantwortung der Frage, welche ökonomischen Interessen sich da immer wieder wechselseitig "gebrauchen" mit dem immer wiederkehrenden und ganz folgerichtigen mehrheitlichen Misserfolg.
Traurige Figuren wie Sie Wollen zu allem Überfluss auch noch was sie Sollen, also wenn sie sich für fremde Interessen nützlich machen dürfen.
Sie sind wirklich wie gebacken, für dieses Irrenhaus Deutschland.

THX1138 05.10.2009 | 19:47

Im Prinzip sind wir genau soweit, wie es Marx schon vor über hundert Jahren beschrieben hat: In einer reinen Warenwelt wird der Mensch selbst ebenfalls zur Ware- handelbar wie Fleisch, Fisch, Coca Cola oder Carefree-Slipeinlagen. Und Du hast es absolut richtig erfasst: Durch die immens schnell steigende Produktvität im Dienstleistungszeitalter wird die Zahl derer, die nicht permanent beschleunigen können, immer grösser. Und irgendwann wird man sie genauso behandeln, wie eine ausgemusterte Maschine: Weg damit!

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 20:12

Zu den letzten drei Beiträgen von Phineas Freek und oca:
Ihr kommt jetzt wirklich nicht mehr zivilisiert-behutsam-einfühlsam rüber, wie es sein sollte, und ich frage mich, warum Leute, die sich als "links" verstehen immer gleich so unfassbar beleidigend-ausfallend werden, wenn man Ihnen NICHT das sagt, was sie hören wollen: Jetzt bin ich schon zum "apportierender Lumpi mit ausgeschalteten Hirnschrittmacher, dem eine Perle vor die Sau geworfen wird (oder so ähnlich)" mutiert. Vor Eurem hasserfüllten Gedonner bekommt man ja richtig Angst!
Wolfgang Ratzel, genannt Lumpi
EXTREM FREITAG- UND STAATSBEDÜRFTIG aber dennoch JESUND IM KOPPE JEBLIEBEN!

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sven-jurgeleit 05.10.2009 | 20:56

Hallo Wolfgang Ratzel,

Sie nennen Ihre "facts" im darauffolgenden Satz ja selber "Tatsachenbehauptung" !

Sonst hätte ich Sie gebeten, die Quelle Ihrer Angaben :

"Dazu passend gibt es eben eine "Recht-auf-Faulheits-Fraktion" in der Linken. Sie ist vornehmlich in Kreisen der BefürworterInnen des Bedingungslosen Grundeinkommens anzutreffen. Es gibt aber auch viele weltanschaulich-nicht-so-festgelegte "Linke" wie z.B. PunkerInnen, AussteigerInnen aller Art, Lohnarbeitsverweigerer, sog. "Autonome", die sich ebenfalls lieber subversiv "auf die faule Haut" legen - auf Kosten der JobCenter, versteht sich.
Das sind facts, facts und nochmals facts!!! "

...bitte mal offenzulegen!

Gruß
Sven

P.S. Aber das könnten Sie eigentlich trotzdem mal machen.

AEGAL 05.10.2009 | 21:27

Sehr geehrter Herr Ratzel,
der Text beschreibt jene Realität, die Menschen dazu zwingt sich eine Beschäftigung zu suchen, obwohl in unserem kapitalistischen System die Arbeit, aufgrund von konkurrenzbedingter Rationalisierung, immer weiter reduziert wird. Die Arbeitsuchenden werden somit einem Kampf gegen Windmühlen ausgesetzt, den sie nicht gewinnen können.
Somit werden sie einer institutionellen Willkür als Bittsteller ausgesetzt und nach meinen eigenen Erfahrungen auch als "Aussätzige" behandelt.
Diese Situation als Vergewaltigung zu beschreiben ist sehr zugespitzt und Diskussionswürdig. Doch die Erfahrungen die ich als Krankenpfleger im ambulanten Pflegedienst mache, sind eben jene, dass Menschen (Nichterwerbstätige ) nur noch abgefertigt werden, je schneller desto besser, denn Zeit ist Geld. In welche Zukunft gehen wir, wenn sich die Krise noch weiter Verschärft. Droht uns weitere Selektion in Arme und Reiche. Heißt dann dass Motto heute Ghetto,
morgen KZ.

Müssen nicht manche Sachverhalte extrem zugespitzt werden, um zukünftige Gefahren, die daraus entwachsen könnten, aufzuzeigen.
Dem Argument man dürfte hiesige Umstände nicht mit den Umständen in Townships vergleichen, stimme ich zu. Aber es war kein Vergleich, sondern die Frage was zukünftig mit den zur Überflüssigkeit verdammten Menschen passiert (man Denke an die Arbeitshäuser im Frühkapitalismus).

Thomas Gotthardt

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rainer-kuehn 05.10.2009 | 21:38

Schön finde ich am Artikel zuerst die Zitate anfangs, die zeigen, daß systemimmanete Statements bald alle zum offenen Faschismus tendieren bzw. sich explizit machen: Nicht mehr lange, und es heißt einfach "lebensunwert" - und die Geschichte wird nicht einmal gewußt.
Gut finde ich dann die materiale Aufklärung, daß systemimmanent selbst Zwangsarbeit der Arbeitsscheuen und Asozialen nicht mehr zu bezahlen ist. - Der Populismus wird seine Kinder fressen.
Die Arbeitsgesellschaft, die kapitalistisch organisierte, geht jetzt in die noch größere Krise; bis es einmal knallt.

AEGAL 05.10.2009 | 21:46

Sehr geehrter Herr Ratzel,
der Text beschreibt jene Realität, die Menschen dazu zwingt sich eine Beschäftigung zu suchen, obwohl in unserem kapitalistischen System die Arbeit, aufgrund von konkurrenzbedingter Rationalisierung, immer weiter reduziert wird. Die Arbeitsuchenden werden somit einem Kampf gegen Windmühlen ausgesetzt, den sie nicht gewinnen können.
Somit werden sie einer institutionellen Willkür als Bittsteller ausgesetzt und nach meinen eigenen Erfahrungen auch als "Aussätzige" behandelt.
Diese Situation als Vergewaltigung zu beschreiben ist sehr zugespitzt und Diskussionswürdig. Doch die Erfahrungen die ich als Krankenpfleger im ambulanten Pflegedienst mache sind eben jene, dass Menschen (Nichterwerbstätige ) nur noch abgefertigt werden, je schneller desto besser, denn Zeit ist Geld. In welche Zukunft gehen wir, wenn sich die Krise noch weiter Verschärft. Droht uns weitere Selektion in Arme und Reiche. Heißt dann dass Motto heute Ghetto,
morgen KZ.

Müssen nicht manche Sachverhalte extrem zugespitzt werden, um zukünftige Gefahren, die daraus entwachsen könnten, aufzuzeigen.
Dem Argument man dürfte hiesige Umstände nicht mit den Umständen in Townships vergleichen stimme ich zu. Aber es war kein Vergleich, sondern die Frage was zukünftig mit den zur Überflüssigkeit verdammten Menschen passiert (man Denke an die Arbeitshäuser im Frühkapitalismus).

Mit freundlichen Grüssen
Thomas Gotthardt

THX1138 05.10.2009 | 22:23

"Nicht mehr lange, und es heißt einfach "lebensunwert" - und der Geschichte ist man sich nicht einmal bewußt." Das ist absolut richtig: Zuerst wird das subtil wirkende Instrument der Sprachregelung eingesetzt, flächendeckend, versteht sich, und dann folgt irgendwann einmal die politische Umsetzung, so in dieser Reihenfolge.

Das nach Joseph A. Schumpeter benannte Prinzip der "schöpferischen Zerstörung" gerät wieder einmal völlig ausser Kontrolle. Und schuld daran sind natürlich die Menschen am unteren Rand der Qualifikations- und Lohnskala: Wenn die erst einmal weg sind, dann ist das Problem gelöst- scheinbar zumindest. Auf den ersten Blick also, ganz oberflächlich betrachtet, aber wirklich nur ganz, ganz oberflächlich betrachtet! Mehr Tiefe lässt unsere stramm durchökonomisierte Zeit nicht zu...

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 22:24

Zum Kommentar von Sven Jurgeleit 18:56 Uhr:
Hallo, Herr Sven Jurgeleit, nachfolgend die Facts: Die Debatte um das Recht auf Faulheit ist unendlich und reicht bis in die Mitte der Linkspartei; so z.B. reicht sie bis Gregor Gysi, der sich Ende Sept 09 in Halle für das Recht auf Faulheit ausgesprochen hat - siehe Fundstelle: www.elo-forum.net/topaktuell/topaktuell/-200909256821.html
Die politisch-aktiven BefürworterInnen, die daraus eine Weltanschauung machen wollen, finden Sie u.a. auf der Website der BGE-BefürworterInnen: www.grundeinkommen.de - ich habe mit VertreterInnen dieses Netzwerks entsprechende Streitgespräche geführt. Hinsichtlich der anderen benannten Personengruppen brauchen Sie jene nur direkt anzusprechen; sie erhalten die gewünschten arbeitsfeindlichen Antworten in sehr direkter Form.
Zugespitzt auf Lohnarbeitsverweigerung empfehle ich Ihnen u.a. die Berliner Stop-Hartz-Liste zu abonnieren bzw. dort eine Debatte anzufangen: www.hartzkampagne.de - ich will gar nicht reden von den unpolitischen Lohnarbeitsverweigeren und Faulheitspraktizierenden; da muss man einfach die Augen aufmachen, dann sieht man sie zu Hauf.
Und wie gesagt: Ich habe unter dem Diktat der Kapitalakkumulation KEIN PROBLEM mit dieser Lebensweise, werde sie aber weder hochloben noch in irgendeiner Weise als vorbildlich erachten; mögen diese Leute so leben wie sie wollen. Allerdings lehne ich diese Grundeinstellung für mich entschieden ab. Und: In einer nichtkapitalistischen Gesellschaftsweise (d.h. in einer solidarischen Ökonomie bzw. care-economy bzw. einem Sorgestaat) dürfte ein Leben auf Kosten anderer nicht möglich sein (es sei denn, man ist krank, alt oder Kind). Das ist für mich nicht vorstellbar.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
P.S.: Ich hatte Sie per Schreiben an ihr Blog-Postfach um Ihre eMail-Adresse gebeten (falls es dort nicht angekommen ist).

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Ehemaliger Nutzer 05.10.2009 | 22:26

@Wolfgang Ratzel
Mir kommen die Tränen. Austeilen wie Bolle, aber rumflennen und beleidigt sein, wenn man auch mal Einstecken muss.
Dem polemischen Unterton hat sich Ihr Geschreibsel doch redlich verdient.
Wer sich selbst zum Advocatus Angeli der herrschenden Verhältnisse stilisiert und Dieselbigen und deren Zynismus zur unabänderlichen Quasinatur und positiven Geschäftsgrundlage erklärt, wer allen seinen Kritikern anempfiehlt sich auch geistig und willentlich der "Realität" zu unterwerfen und dafür eine apologetische Dummheit nach der Anderen verbrät, kann dann in seiner verbarrikadierten Subjektivität ausschließlich nur noch Hass und persönliche Beleidigungen erkennen, wenn er NICHT hört, was sein ideologisches Immunsystem für gut befindet.

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 22:39

Sehr geehrter Herr Gotthardt,
wir sind uns einig darin, dass Arbeitsuchende nicht als BittstellerInnen und Aussätzige behandelt werden dürfen; ich befürworte deshalb eine "Gesetzliche Arbeits- und Stellengarantie" (employment guarantee act); d.h. Arbeitsuchende haben ein Anspruch auf eine REGULÄRE Arbeitsstelle in einem REGULÄREN öffentlich-rechtlichen Betrieb. (Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen den Gesetzwentwurf zusenden). Die Frage ist, ob Arbeitsuchende in den heutigen JobCentern so behandelt werden, wie Sie dichten. Nach meiner Erfahrung aus 15 Jahren bewusst-gelebter Erwerbslosigkeit muss ich das entschieden verneinen, was nicht heißt, dass die von Ihnen gedichteten Vorfälle nicht realiter vorkommen; sie sind aber NICHT DIE REGEL!
Nach meinem Empfinden leben wir -bezogen nicht nur auf die Welt sondern auch auf die östlichen und südlichen EU-Staaten -jetzt spitze ich zu- in einer Situation luxurierender Einkommensarmut.
Eine solche Situation müssen Sie in Ihrer Poesie unterscheiden können von Verhältnissen in Ost- und Südeuropa bzw. in den Peripherien; das geht aber nicht, wenn Sie unsere Situation schon so darstellen, als ob der bundesdeutsche Sozialstaat abgeschafft wäre, denn er funktioniert noch; fragt sich bloß, wie lange noch.
Viele Grüße - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 22:57

Hallo, Rainer Kühn,
wir sind uns in Vielem einig, bloß in Einem nicht: Ich gehe davon aus, dass wir einen "offenen Faschismus" so wie gehabt nicht noch einmal erleben werden, d.h.: die "Lebensunwerten" (und "Überflüssigen" werden künftig nicht mehr von einer SS oder Gestapo abgeholt und vergast werden. Das wird -und läuft heute schon ansatzweise- anonym über Steuergesetzgebung und Transferpolitik laufen plus einer medialen Bearbeitung, die die Leute dazu bringen wird, sich selbst als "lebensunwert" einzuschätzen, um dann aus "eigenem Entschluss" aus der Welt zu scheiden. Sie sehen das z.B. in der Sterbehilfe-Debatte. Über Bild-Medienkampagnen kann wie nie zuvor menschliches Verhalten bis ins Kleinste gesteuert werden. Überspitzt ausgedrückt: Die Tendenz geht dahin, dass jeder seine eigene SS sein wird - und dabei noch glaubt, seine Selbstselektion geschähe aus "freiem Entschluss".
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 05.10.2009 | 23:09

Hallo THX1138,
was Du v.a. unten schreibst, finde ich eine äusserst wichtige Erkenntnis: Es geht um einen fortschreitenden und von Marx-Engels im Kommunistischen Manifest vorausgesagten warenförmigen Verdinglichungsprozess, der letztlich Menschen genauso behandelt wie das Gemüse, das bei Lidl am Wochenende liegenbleibt und nicht mehr verkauft werden kann - weg damit! - Abfall!
Aber: Wieso verschlüsselst ausgerechnet Du Deinen Namen freiwillig mit einer Buchstaben-Ziffernfolge; das scheint mir eine paradoxe Selbstverdinglichung eines Verdinglichungskritikers bzw. -kritikerin zu sein.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

oca 05.10.2009 | 23:11

@W.Ratzel: was die globale Situation betrifft, haben Sie ja nicht unrecht. Die soziale Ungleichheit und Ausgrenzung (so würde ich das nennen) in Deutschland mit der Armut anderswo oder mit einem Ghetto zu vergleichen, geht wirklich gar nicht. Aber warum weigern Sie sich so hartnäckig, einmal über die ökonomischen Bedingungen der Ungleichheit und des Überflüssig-Seins nachzudenken, sprich, über den Kapitalismus? Sie glauben, dass man das durch ein tolles Gesetz in den Griff bekommen kann?

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich glaube nicht, dass die Weltrevolution vor der Tür steht oder der Kapitalismus mal so eben abgeschafft werden kann. Aber wenn man sich gar keine Gedanken darüber macht, wird man auch nicht die richtigen Schlüsse ziehen.

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sven-jurgeleit 05.10.2009 | 23:12

Danke für Ihre Quellenangaben, Herr Ratzel.

Dazu möchte ich zunächst nur folgendes sagen (da ich für eine umfangreiche Recherche inklusive Verfolgens der genannten links wegen dringender Arbeiten an einer anderen Geschichte noch aufschieben muss) :

Zum Grundeinkommen weiß ich nur soviel, dass es als Modell von sinnvoller selbstgewählter Tätigkeit anstelle von aufgezwungener und nicht selbstgewählter Tätigkeit konzipiert ist.

Es basiert auf der vorausgesetzten Bereitschaft und Fähigkeit, auf dieser Basis Arbeitsleistungen zu erzielen, die sich von der herkömmlichen (praktizierten) "Erwerbsarbeit" dadurch unterscheidet, dass sie durch größere Motiviertheit effektiver ist.

Hierzu gehören z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten, häusliche Pflege ohne entsprechende Kostenentschädigung, unentgeltliche Hausfrauen- und Mutteraufgaben, Nachbarschaftshilfe, Alten- und Kinderbetreuung und vieles mehr. Dies sind die Säulen einer jeden Gesellschaft.

Diese Tätigkeiten sind mindestens genauso effektiv und wertvoll wie die Tätigkeit eines Angestellten in der Lohnbuchhaltung, eines Journalisten oder einer Krankenschwester.
Sie sollten daher aus Sicht der Grundeinkommen-Fans genauso gut bezahlt werden.
Überhaupt sollte ein arbeitstätiger Mensch aus Sicht derer für einen 40-Stunden-Job so angemessen entlohnt werden, dass er nicht mehr beim Jobcenter "aufstocken" muss, d.h. sich vom Staat das Geld zahlen lassen, das der Arbeitgeber locker einspart.

Dass Sie nun behaupten, die BefürworterInnen des bedingungslosen Grundeinkommens gehören zur "Recht auf Faulheit-Fraktion", kann ich nicht glauben. Denn Sie kennen doch eigentlich die Fakten, oder nicht?

Ebenso kann ich mir nur vorstellen, dass ihre Worte, Autonome, Punks und Aussteiger lägen "subversiv auf der faulen Haut", lustiges Wortspiel übrigens, als Provokation gemeint ist.
Denn wenn wir in derselben Welt leben (?) haben sie genau wie ich schon Freaks, Aussteiger, Autonome, Punks, Künstler, Kreative und Freischaffende getroffen oder zumindest von ihnen gehört, die mit viel Mühe und gegen viele Hürden und auch innere Widerstände alternative und selbstverwaltete Projekte aufbauen, die, wenn sie alles Hickhack überstanden haben, lebensfähig und erfolgreich sind. Auch das mit viel Arbeit verbunden, jedoch freiwillig motiviert.

Und als Sie nun schreiben, sie seien selbst seit 15 Jahren langzeitarbeitslos, komme ich mit einem großen Fragezeichen zu der spekulativen Annahme, dass sie selber eines dieser kreativen Originale sind, die sich sinnvoll beschäftigen. Denn wie Sie berichten, lehnen Sie die Haltung der "Nicht-arbeiten-wollenden" ab - sind aber dennoch erwerbslos.

Wie so viele in unserem solidarischen Staat.

Gruß
Sven

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rainer-kuehn 05.10.2009 | 23:34

@ wolfgang: selbstdisziplinierung ist der zwang, dem die unterdrückten menschen gehorchen sollen. wer nicht mithalten kann im sog. wettbewerb, der soll sich minder fühlen, der soll sich selbst ausgrenzen, der soll sich niedermachen, und er soll nicht wissen, daß er niedergemacht wurde. - ja, so ist diese tolle welt, die erste, die zuerst die andere und dritte welt unterdrückt, und so ganz nebenbei per medien (bild et al.) die untertanen hier. die so deppert gemacht wurden, sogar ihr weiteres unheil zu wählen ...

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Ehemaliger Nutzer 06.10.2009 | 00:08

@Tiefendenker:

Leider sprechen Sie da eine Wahrheit an, die ich nicht leugnen kann. Mehr und mehr akzeptieren wir BLIND, dass der Kapitalismus zu unserem Alltag wird, alle unsere Lebensbereiche bestimmt und uns die Wahl nimmt. Dennoch braucht es Arbeit einerseits zur Beschäftigung und zur Bestätigung, andererseits haben Menschen gewisse Grundbedürfnisse und die dafür benötigten Güter kommen nicht von ungefähr. Es wird immer jemanden geben müssen, der arbeitet. Weiterhin wird es ohne Arbeit keinen Fortschritt geben und das spielt denen, die jetzt schon reich sind erst Recht in die Hände. Wozu braucht man noch Konkurrenz, wenn es keine Neuheiten mehr gibt? Warum nicht zusammentun?

Natürlich braucht der Mensch ein Einkommen, um zu überleben, doch auch ohne Arbeit wird es kein geregeltes Leben geben...außer natürlich man lässt alles Maschinen herstellen, doch wer kontrolliert dann wen?

@Wolfgang Ratzel: Brot und Spiele bietet all das, was dem Staat billig, den Konzernen gelegen und den Menschen als Freizeitgestaltung passend (vor)kommt. Zwar kostet den Staat dieses Beschäftigungsprogramm einige Milliarden, aber es erhält den Schein aufrecht, dass man versucht, den Menschen das zu geben was sie brauchen: Wie Tiefendenker gesagt hat ein Einkommen zum Überleben. Illusion und Propaganda sind die Methodik der postdemokratischen Politik. Man wahrt den schönen Schein, damit ja keiner auf die Idee kommt, dass etwas "faul [wäre] im Staate Dänemark". Natürlich haben Sie recht. Irgendwann wird dieser Schein nicht mehr nötig sein, bis dahin werden sie Kontrolle perfektioniert haben...

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Ehemaliger Nutzer 06.10.2009 | 00:15

Zu Marx These gibt es für mich nur ein wirklich beschreibendes Wort: Humankapital.

Zu deiner obigen These: Für mich gibt es keine "überflüssigen" Menschen. Wir dürfen nicht soweit gehen und uns AUFSTEMPELN lassen, wer "produktiv" und wer "überflüssig" ist. Wir alle sind Menschen, gleich geboren und von gleichem Wert, egal wer und hauptsächlich was wir sind. Ich finde es wichtig, das wir auch dafür einstehen und das mit unserer Stimme, denn jede Stimme zählt.

MFG Simon Pschorr

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Ehemaliger Nutzer 06.10.2009 | 00:29

Also beim besten Willen. Ich möchte meinen Unmut über diese Formulierungen kundtun. Ich kann Sie verstehen, dass es möglicherweise entweder einen persönlichen Nerv getroffen hat, oder eine klare Abneigung gegen derlei Formulierungen besteht (so wie bei mir auch), doch möchte ich darauf pochen, dass der Unterhaltungston hier keinesfalls (!!!) ausfallend und beleidigend wird. Wo ist da noch vernünftiger Diskurs möglich? Sie entziehen ihren eigenen Argumenten den Nährboden, indem Sie damit wie mit einem Haumesser um sich schlagen.

Jedoch möchte ich sie in folgendem Punkt bekräftigen: Es gibt gewisse Arbeiten, die eindeutig menschenunwürdig sind oder von gewissen Anschauungen abgelehnt werden. Für mich gehört hier der Dienst an der Waffe, der für Hartz IV-Empfänger über die Jobvermittlung zur Pflicht wird, dazu.

MFG Simon Pschorr

Wolfgang Ratzel 06.10.2009 | 11:11

Zum Sven Jurgeleit- Beitrag 21:12 Uhr:
"Zum Grundeinkommen weiß ich nur soviel, dass es als Modell von sinnvoller selbstgewählter Tätigkeit anstelle von aufgezwungener und nicht selbstgewählter Tätigkeit konzipiert ist. Es basiert auf der vorausgesetzten Bereitschaft und Fähigkeit, auf dieser Basis Arbeitsleistungen zu erzielen, die sich von der herkömmlichen (praktizierten) "Erwerbsarbeit" dadurch unterscheidet, dass sie durch größere Motiviertheit effektiver ist."

Dazu: Wenn ich Modelle beurteile, dann gehe ich daseinsanalytisch vor; d.h.: Ich untersuche, wie welche Struktur eine andere Struktur ersetzen soll; d.h.: ich setze niemals einen so-uns-so-verfassten Menschen voraus oder ein so-und-so-erdachtes Ziel, das verfolgt wird (das nenne ich die ideologische Herangehensweise). Desweiteren frage ich, was in welcher Struktur als "Wert" gilt.
Angewandt auf das Modell bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) heißt das: Die Struktur des paternalistischen Sozialstaats soll ersetzt werden durch eine Struktur, die uns einen bestimmten Betrag gibt und dafür nichts will. Mit diesem Betrag habe ich alles zu finanzieren, was ich zum Leben brauche, und zwar in allen Lebenslagen und Lebensstadien; darüberhinaus gibt es keine weiteren Hilfen mehr. Der Staat zieht sich also vom Menschen zurück und lässt ihn mit seinem Grundeinkommen allein. Wie Sie wissen, fordern inzwischen alle maßgeblichen BGE-BefürworterInnen (Götz W. Werner, Dieter Althaus, Thomas Straubhaar) ein Grundeinkommen in Höhe von netto 400 bis 600 Euro plus eine Grundkrankenversicherung; Althaus auch eine Grundpflegeversicherung mit Kopfpauschale 200 Euro.
Das ist weiter unter dem Niveau des paternalistischen Alg II. Tragische Folge: Unter der Struktur BGE würde ich (und meine Mutter) vorzeitig sterben. Die ursprünglich von Götz W. Werner ins Spiel gebrachten 1.500 Euro waren nichts als ein Medientrick, um Aufmerksamkeit zu erzielen.
Was hindert nun die Regierenden, den Betrag noch weiter herabzusetzen, wenn die Struktur BGE einmal steht???? Warum sollten die Regierenden von Leuten, die nicht mehr werteschaffend im Sinne des Systems arbeiten wollen, überhaupt Geld überweisen??? Wenn sie das tun, dann hauptsächlich (noch) unter dem Gesichtspunkt der Ruhigstellung, weil "Sicherheit" erste Voraussetzung ist für das Funktionieren des Systems.
Und (das ist das Schlimmste): Jede Gesellschaft, die den Gabentausch abschafft, schafft damit Sozialität überhaupt ab (siehe meinen Artikel "Über die Logik des Gabentauschs" im FREITAG).
Übrigens: Ehrenamt ist keineswegs effektiv und werteschaffend im Sinne des Systems; es sei denn, die EhrenamtlerInnen produzieren Produkte für den (Sozial)-Markt; dann aber liegt nackte Ausbeutung vor. Alle nicht warenförmigen Produkte fallen im Kapitalismus unter den Tisch (egal wie effektiv und motiviert sie erzeugt werden); und zwar so, als ob sie nicht geschaffen worden wären.
Und: Ich sagte nicht, dass ALLE BGE-lerInnen FaulheitsanhängerInnen sind, sondern dass die FaulheitsanhängerInnen sich vornehmlich unter dem Dach des BGE wohl fühlen und sich dort versammeln.
Ciao wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 06.10.2009 | 11:27

Zum Kommentar von Oca 21:12 Uhr:
Ich gehe davon aus, dass die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse unter dem Diktat der schnellst- und größtmöglichen Kapitalakkumulation stehen, die wie nie zuvor in der Geschichte ALLE anderen gesellschaftlichen Ziele überlagert, verdrängt und entwertet hat. Wer also nicht im Sinne solcher Kapitalakkumulation funktioniert, wird bei uns ins staatlich-alimentierte gesellschaftliche Abseits gedrängt; in den südlichen und östlichen Peripherien hungert oder verhungert er sogar. Die Ungleichheit entsteht, weil es mehr-oder-weniger-verwertungsfägige und -willige Menschen und mehr-oder-weniger Zugänge zu Verwertungsmöglichkeiten gibt. Der größte Idiot kann reich werden, wenn er sich den Spielregeln optimal anpasst; und wer sich nicht anpasst, dem nützt weder Klugheit noch Effizienz - er bleibt draußen vor der Tür.
Und weil dem so ist, bezeichne ich das WORKFARE-Modell als Auslaufmodell. Es ist nämlich im Sinne einer Aufbewahrungsstrategie des "überflüssigen Lebens" viel zu teuer; es gibt billigere Systeme - sofern man glaubt, dieses Leben überhaupt noch leben lassen zu sollen.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 06.10.2009 | 13:06

Betrifft Frage von oca 10:36 Uhr:

Ich möchte mal wissen, wie Sie auf die Idee kommen, dass ich "System-AussteigerInnen und System-NichtmitmacherInnen" verachte? Wenn das zuträfe, müsste ich mich in masochistischer Weise ja selbst verachten, denn ich bin seit 15 Jahren gründlichst out-offffffff (aber natürlich über das Alg II (noch) ins System eingeschlossen).
Ich lehne allerdings eine Grundhaltung ab, die stets nehmen will ohne sich zur Gegengabe verpflichtet zu fühlen; aber das heißt noch lange nicht, dass ich Leute verachte, die so etwas tun.
Darüberhinaus sind "Nicht-im-System-mitmachen-wollen" und "Grundsätzlich-auf-Kosten-der-Anderen-leben-wollen" zwei Paar Stiefel.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

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Ehemaliger Nutzer 06.10.2009 | 18:11

Alle Pflichten stinken, da sie ausschließlich die Erfüllung durchgesetzter fremder Interessen sind. Sonst wären es keine Pflichten. Das wird für den so Angemachten auch nicht besser, wenn „die Pflicht“ die Gestalt allgemeinverbindlicher Rechtsnormen annimmt. Und zu dem was ich will, muss mich keiner zwingen, schon gar nicht ich mich selbst!

Wenn ich etwas will, dann brauche ich dazu keine Pflicht. Verpflichte ich mich zum Sex mit der schönen Frau von gestern Abend (wenn sie denn WILL)?
Verpflichte ich mich zu einem dritten Bier?
Das ist wirklich absurd und paradox ein "Gefühl" zu pflegen, dass keinen Unterschied mehr zwischen WOLLEN und SOLLEN zulassen will.
8 von 10 Masopunkten sind eine faire Beurteilung.

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sven-jurgeleit 06.10.2009 | 20:11

Hallo oca?
Hallo Herr Ratzel, zu ihrer letzten Antwort auf meinen vorangegangenen Kommentar: durchaus überdenkenswerte Ansätze darin, z.B. der Hinweis, dass das Modell des BGE auf einer ideologischen Basis konzipiert ist, die davon ausgeht, dass ein Mensch gerne von ihm selbst gewählte Tätigkeiten ausführt und von Natur aus nicht so angelegt ist, dass er gerne den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen möchte.

Götz Werner geht wohl davon aus (er ist da in meinen Augen um einiges zu optimistisch), dass ein Mensch sich eine sinnvolle Aufgabe sucht, und diese im Rahmen seiner Möglichkeiten in Aktivität und Leistung umsetzt.
Ich finde es allerdings etwas mühsam, mich an dieser Stelle zu wiederholen, denn bereits in meinem vorherigen Kommentar (5.10. 21.12h) hatte ich beschrieben, dass das BGE durchaus von einer Gegenleistung für das Grundeinkommen ausgeht, und sogar davon ausgeht, dass ein Mensch umso effektiver und leistungsfähiger ist, je mehr er das tut, was er kann und was ihm liegt. Deshalb muss diese seine Aktivität dann nicht dezidiert "Arbeit" genannt werden, ist aber durchaus eine entsprechende "Gegenleistung".
(siehe meine Beispiele: häusliche Pflege, Haushaltstätigkeiten, Kinderbetreuung, Nachbarschaftshilfe, freischaffende Tätigkeiten etc.pp.)

Warum weigern Sie sich, das zur Kenntnis zu nehmen?

Bezüglich ihrer Bemerkung, die angedachte Höhe des BGE von 1.500 Euro sei nur ein PR-Gag gewesen, kann ich nur sagen: das ist eine völlig neue Nachricht für mich!

Mit ist nicht bekannt, dass Herr Werner vom Grundbetrag von 1.500 Euro abgerückt wäre...
Noch im Februar dieses Jahres gab es eine Petition, die die Einführung eines BGE in Höhe von 1.500 Euro forderte und nach meinen Recherchen haben sich ca. 54.000 Bürger dafür ausgesprochen, so dass sich die Petition in der parlamentarischen Prüfung befindet.

Dass es womöglich Menschen gibt, die aus irgendwelchen Gründen unbedingt NUR auf der faulen Haut liegen möchten oder sich fest vorgenommen haben, "auf Kosten ANDERER zu leben" kann ich mir zwar nur als eine Art psychisches Leiden erklären, was sicher Ursachen hat, würde es aber keiner Gruppe von Menschen fest zuordnen wollen.

Die Überzeugung und Sicherheit, mit der Sie daran festhalten, macht mich stutzig.
Ich werde daher weiter über dieses Thema recherchieren.

Gruß
Sven

derDonnerstag 07.10.2009 | 00:50

@Phineas Freek
Wieso soll es absurd sein, sich zu etwas verpflichtet zu fühlen, so ganz grundsätzlich?
Alle Pflichten "stinken", weil sie nur den Interessen anderer dienen?
Irgendwie erinnert mich das an das neoliberale Credo, wonach jeder nur so egoistisch wie möglich sein sollte, damit der Profit steige und am Ende die ganze Gemeinschaft davon profitiere.
Letzteres ist natürlich nur eine Schutzbehauptung, aber so ähnlich kommt mir das bei dir auch vor.
Was Wolfgang Ratzel dazu sagt, kann ich daher gut nachvollziehen.
Ich habe nämlich auch ein Problem mit Leuten, die nicht aus tiefergehender politischer Einsicht, sondern einfach aus einer Null-Bock-Haltung heraus nix tun wollen: Ich frage mich, wie sie sich wohl verhälten würden, wenn sie plötzlich einen Haufen Kohle hätten, z.B. im Lotto gewonnen. FDP wählen?

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zaworka 07.10.2009 | 04:00

Lieber Wolle, (bei dem Text fällt mir nichts Besseres ein),

"Bleibt die Frage, warum Workfare zum Hassfetisch besonders der erwerbslosen Linken taugt? Küchenpsychologisch betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass hier Betroffene verdrängen, dass sie staatsbedürftig sind und ohne Jobcenter schlicht verhungern würden. Also verachten sie die öffentliche Hand, die sie nährt und vorgibt, dass man sie braucht, wenngleich nur zum „kommunalen Service“."

Bereitest Du den Regierungslinken den Weg, neuerdings die Repressionen als Staatsgabe anzukündigen, viell. a la Regulierung? Mir schwant bei Deinem Beitrag was.

Jedenfalls ist die Trennung von Joblinken und "erwerbslosen Linken" recht tumb.

Dazu sagt Katja Kipping, eine Joblinke: www.linksfraktion.de/wortlaut.php?artikel=1536788877

Halten wir also in einer Frage fest: Was hat der Autor produziert?

Tiefendenker 07.10.2009 | 15:59

@ Simon Pschorr

Danke. Interessante Nachfragen. Geh ich gerne drauf ein.

Meine Schlussfolgerung zum (scheinbar notwendigen) „Einkommen“ ist ganz bewusst von mir NICHT als Absolutaussage formuliert worden, sondern relativ in Bezug auf ein „warenproduzierendes System“. Damit wollte ich sagen, dass es nur so erscheint, als würde ein Einkommen eine normale wirtschaftliche Größe darstellen. Dem ist aber nicht so, sondern das ist spezifisch kapitalistisch. Die vollständig richtige Lösung in einer „natürlichen Wirtschaftsordnung“ besteht nicht in einem Einkommen für alle, sondern in der radikalen Abschaffung jeglichen Einkommens!!!!!!

Das gleiche gilt für die „Arbeit“. Die einzig vollständig richtige Lösung wäre die Abschaffung der „Arbeit“!!! Deshalb ja auch der manchmal schon richtig zu lesende Slogan bei Demonstrationen hier in Hamburg:„Freiheit statt Arbeit!“.

Wie soll das gehen? Was ist damit gemeint?

Das ist alles keinesfalls ein Widerspruch, sondern stringent logisch. Hier wird mit „Arbeit“ nicht nur gemeint die Verausgabung von (Lebens-)Energie und Lebenszeit in der Auseinandersetzung „Mensch-Natur“, welche schrittweise durch Maschinen, Automaten, Computer usw. ersetzt werden kann (was ja höchst sinnvoll und wünschenswert ist), sondern die zwanghafte Formbestimmung „Mensch-Mensch“. Darin ist „Arbeit“ eine Kategorie, welche die Quelle des monetären Mehrwertes bildet. Genau das ist aber nicht „Natur gegeben“, sondern eben gesellschaftlich historisch entstanden und determiniert, bzw. um genauer zu sein – es wurde geschichtlich mit Gewalt durchgesetzt (mit Geschichtsbuch oder Museumsbesuch leicht zu verifizieren). Diese zwanghafte, äußere Formbestimmung erfolgt abstrakt – nämlich über die abstrakten, fetischhaften Kapitalverhältnisse.

Arbeit im Sinne einer zielgerichteten Tätigkeit (stofflich zur Güterproduktion, energetisch, sozial) kann, soll und wird es auch zukünftig geben. Darum geht es nicht. Das „geregelte Leben“ (@ Simon Pschorr) ist also nicht in Gefahr. Es darf sich jeder (sogar ruhig über den Rest an notwendigem Aufwand hinaus) freiwillig gerne das an Beschäftigung aussuchen, was seinen Interessen entspricht.

Beschäftigung um seiner selbst willen macht jedoch wenig Sinn, es sei denn genau darin meint jemand seine Erfüllung zu finden. Dann gerne. Warum auch nicht? Beschäftigung bzw. Arbeit, um vorrangig abstrakte Kapitalverwertungsprozesse bedienen zu MÜSSEN – das ist aber ganz was anderes, denn daraus werden meistens die Pflichten (siehe die völlig richtigen Anmerken von @ Phineas Freak) abgeleitet, die fremde Interessen bedienen. Und worin bestehen die meistens? Na darin, die Menschen in dieses Form-Zwangskorsett zu zwängen und den Wert der Arbeit anderer für eine überproportional profitierende Minderheit (von ca.3%) abzuzweigen. Energetische und wertmäßige Ausbeutung.

Genau für diesen Zweck sind „Arbeit“ und „Einkommen“ wie formbestimmt im Kapitalismus. Um Wirtschaft sinnvoll, vernünftig und ökologisch zu betreiben, ist beides unnötig. Eigentlich kommt man da auch darauf, wenn man mal drüber nachdenkt...denn wie haben die Menschen das früher gemacht, als Geld nur eine völlig untergeordnete Nebenrolle spielte? Dort ist das Verhältnis „Mensch-Mensch“ anders geregelt worden. Nicht immer besser (es gab andere Fetischsysteme, z.B. religiöse...) – aber eben anders als kapitalistisch, inkl. positiver Varianten (z.B. Indianer Nordamerika).

Unsere quasi anerzogene, aufkonditionierte Betriebsblindheit, wenn man so will, kommt durch (ideologische) Scheuklappen. Nimmt man die weg, kann man plötzlich Zusammenhänge sehen, die man sonst nicht erkennen kann (vortrefflich vorgeführt von einem brillianten Autor wie Robert Kurz!!! Dessen Bücher und Beiträge hier im Freitag oder auch bei exit-online.org kann ich nur ans Herz legen!)

Das Vorhaben der staatlich angedachten Zwangsarbeit im Sinne des „Workfare“ pervertiert darüber hinaus sogar die Logik der Kapitalverwertung. Auch das kennen wir bereits – aus der Geschichte (Übergang Weimarer Republik zum Dritten Reich; die parallelen zum Heute sind unverkennbar). Würde man das ernsthaft politisch durchsetzen, markiert das den Schritt zu einer neuen Form von Faschismus, wie wir ihn bisher noch nicht kennen...natürlich alles im Namen von „Feiheit“ (a`la Neoliberalismus) und „Demokratie“ (a`la vom Lobbyismus beeinflusster Repräsentanten). Der kleine Bürger bleibt außen vor und doch mitten drin, als williges Subjekt zur Kapitalverwertung, davon träumend selbst mit zu den „Gewinnern“ dieser Systemlogik gehören zu dürfen. Das nennt sich dann „moderne Zivilisation“. Ich würde sagen es ist in Gewisser Weise armseelig (SORRY – das war jetzt eine Wertung!!!). Unter Freiheit verstehe ich ganz was anderes...

Wolfgang Ratzel 07.10.2009 | 16:08

Zu Sven Jurgeleit, 6.10.09, 18:11 Uhr:

Das Thema BGE à la Götz Werner ist jetzt etwas weit weg von Workfare. Vielleicht ein paar Worte dazu:
Das bedingungslose Grundeinkommen behauptet, dass es zur selbstgewählten Arbeit befreit; im besten Fall HOFFT es sozusagen auf eine Gegengabe, aber es verpflichtet nicht zum Zurückgeben. Indem es von der gesellschaftsstiftenden Logik des Gabentauschs abrückt, gibt es auch keine "freiwillige Verpflichtung" zur Gegengabe mehr. Die große Faszination des BGE liegt gerade in der Freiheit von Pflicht.
Allerdings schreibt Götz Werner in seinem Buch "Einkommen für alle", das BGE sei eine "BRINGSCHULD"! - wörtlich: "Der kategorische (!) Imperativ der Gesellschaft des bedingungslosen Grundeinkommens lautet: Du bekommst ein Grundeinkommen und lässt deine Talente zur Entfaltung kommen. Zeig, was du kannst!" (S.96). Aber wer liest schon genau seine Bücher? In seiner öffentlichen (Vortrags-)Propaganda spielt dieser Imperativ natürlich keine Rolle. Die Faszinationskraft der Bedingungslosigkeit würde heftigst darunter leiden. Im übrigen werden Sie kaum definitive Aussagen zu den sozialen Folgen des BGE finden; z.B. welchen Umfang wird die Teilkasko- bzw. Grundkrankenversicherung bzw. Grundpflegeversicherung haben?
Die Petition 1500 Euro BGE stammt nicht von Götz Werner, wurde aber von dort natürlich gepowert; er selbst redet nur noch von 600 Euro, z.B. bei Anne Will; auf Vorträgen geht er auch schon mal auf 500 Euro netto runter; das ist auch klar; Sie brauchen ja nur Ihren Rechner nehmen: Multiplizieren Sie 1.500 Euro mit 82.000.000 Menschen! - was da rauskommt, ist Absurdistan und Wolkenkuckucksheim. Und niemals vergessen: Es geht immer um das Eine ODER das Andere! SOZIALSTAAT ODER BGE! Und wenn die Struktur BGE erst einmal steht, kann mit einfacher Mehrheit das Grundeinkommen bis zum Getno abgesenkt werden.
Wenn Sie (oder andere LeserInnen) wollen, kann ich Ihnen einige Merkblätter zusenden, die das Thema BGE im Vergleich verschiedener BGE-Modelle näher bringen; ich benutze sie seit langem in Volkshochschulkursen.
Weitere Fundstelle zum BGE: Wolfgang Ratzel: „Faszinierende Botschaften. Götz Werners Modell eines Grundeinkommens“ – In: Freitag 50/2006
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

Wolfgang Ratzel 07.10.2009 | 16:31

Hallo Zaworka,
wieso redest Du mich mit "Lieber Wolle" an? Das ist in meiner badischen Heimat die (liebevolle) Abkürzung meines Vornamens; aber so zart-liebevoll bist Du mir wohl nicht zugetan? - oder doch???
Und wieso Wegbereiter der Regierungslinken? Welcher Regierungslinken denn? Der rotrotrotroten Rinks-und-Lechts-Regierung in Berlin??
Und wieso ist die Grundsicherung von netto 670 Euro, die mir das JobCenter pünktlich jeden Monat überweist, eine Repression??? Für mich ist das ein Segen! Ich freue mich, wenn das Geld auf meinem Konto eingeht, bin dem JobCenter dankbar dafür und bemühe mich, mich dafür vermittels sinnvoll-gemeinwohlorientierter Arbeit zu bedanken.
Was schwant Dir denn? Raus mit der Sprache!!!
Und: Trennung von Joblinken und "erwerbslosen" Linken"? - Was soll denn das? Was hat denn das mit dem Workfare-Text zu tun?
Was ich produziert habe? - Na, einen Text, der aussagt, dass es Schlimmeres gibt als einen Workfare-Staat: nämlich als "Überflüssiger" im Abseits aufbewahrt zu werden, einen AUFBEWAHRUNGSSTAAT sozusagen. Und zweitens, dass es eine Workfare-Staat nicht geben wird, weil er sich schlicht und einfach für Die-da-oben nicht lohnt. That‘s the message!
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

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Ehemaliger Nutzer 07.10.2009 | 18:14

@derDonnerstag

Wenn Sie die oben erklärte und begründete Absurdität einer Selbstverpflichtung nicht nachvollziehen können oder wollen (der gedankliche Nachvollzug auch von Blödsinn wäre ja die Voraussetzung ihn begründet auseinanderzunehmen) haben Sie ein ernsthaftes Problem.
Wer sich weigert den Versuch zu starten, die Welt ausnahmsweise mal ohne seine moralische Blindenbrille zu betrachten, versteigt sich dann auch schon mal zur unbegründeten Aussage, dem Kritiker all der im Kapitalismus nötigen Härten und seiner vielfältigen "ideologischen Agenten"

(insbesondere die "linke" Variante "neoliberaler" Propaganda und Affirmation, die ganz offen nur deswegen alle notwendigen Brutalitäten, Zynismen und Gemeinheiten eines erfolgreichen kapitalistischen Gemeinwesens aufschreiben, nicht um es aus der Welt zu schaffen und/oder dafür zu streiten, sondern deren Unausweichlichkeit zu propagieren und den (noch) betriebswirtschaftlich Verwursteten und "Ausgemusterten" die komplette Unterwerfung unter die herrschenden ökonomischen Zwecke und Verwertungsbedingungen anzuempfehlen – selbstverständlich nur unter der Prämisse, "um Schlimmeres zu verhindern".
Diese Unverschämtheit und Apologie lässt sich heute schon als „links“ und vorausschauende "Vernunft" verkaufen und findet sogar seinen Multiplikator in einer Zeitung wie dem „Freitag")

ein "neoliberales Credo" anzudichten und jedes offene herausposaunte "neoliberales" Marketing zielgerecht zu übersehen. Das Ihnen die MoralstattVerstand - Botschaften dieses Herrn Ratzel so gut gefallen, ist dann wenig verwunderlich – ein Tugendbold kommt selten allein.
Zum Schluss. Wenn ich einen „Haufen Kohle“ hätte oder auch nicht – wieso sollte ich dann überhaupt wählen gehen?

AEGAL 07.10.2009 | 18:28

Genau meine Meinung
und der Empfehlung von Robert Kurz und Exit kann ich mich nur anschliessen.

Es ist jenes Fetischsystem der Wertverwertung, dass die Menschen durch ihre Reproduktionsweise (das Vergleichen der unabhängig voneinander produzierten Waren miteinander über den Preis. Was dort genau verglichen wird ist eine bestimmte quantitative Verausgabung von Energie, die von allen sinnlichen und konkreten Eigenschaften befreit ist, um sie vergleichbar zu machen: die Tauschwert produzierende abstrakte Arbeit, [Marx]) zwar selbst, aber unbewusst produzieren („..sie tun es, aber wissen nicht warum…“ Marx).

Dadurch erscheint dieses Handeln, als sogenannte „zweite Natur“, oder so notwendig wie die Schwerkraft, also als Naturgesetz.
Die Menschen die frei von Eigentum o. Produktionsmitteln sind, müssen ihre Arbeitskraft verkaufen. Ihre Arbeitsverausgabung bildet einen Mehrwert. Damit der „Kapitalist“ sich diesen aneignen kann, muss der Mehrwert erst auf dem Markt realisiert werden.
Die Menschen werden also gezwungen sich zu verkaufen und Waren zu produzieren, aber sie bekommen nur den Teil an Tauschwert, den sie zu ihrer eigenen Reproduktion benötigen. Den Überschuss eignet sich der Kapitalist als Mehrwert an.
Das ist keine gerechte Gesellschaft, sondern Ausbeutung.

ARBEIT IM KAPITALISMUS, IST ZWECKS KONKURRENZBEDINGTER MEHRWERTPRODUTION IMMER AUSBEUTUNG UND MUSS ALS SOLCHE BENANNT UND KRITISIERT WERDEN!!!

Nun haben die industriellen Nationalstaaten, aufgrund des sozialen Friedens, soziale Sicherungssysteme geschaffen (sie wurden hart erkämpft), die den sogenannten „freigesetzten Menschen“ ein „Auskommen“ sichern sollten.
Das wird in Zukunft für den Staat immer schwerer, weil der Wertverwertungsprozess, durch den sich der Staat alimentiert, immer mehr ins Stocken gerät.
Grund ist der innere Widerspruch im kapitalistischen System, dass genau die Wert bildende Substanz der abstrakten Arbeit, durch konkurrenzvermittelte Automatisierung, transnationales Outsourcing und Rationalisierung immer weiter reduziert wird. Somit wird die Mehrwertproduktion immer weiter untergraben.
Das System schneidet sich langsam aber sicher ihre eigenen Glieder ab.
Der Staat kann immer weniger über Steuern abschöpfen und muss sich weiter verschulden.
Das ist eine Abwärtsspirale die nur durch Überwindung und nicht durch Regulierung des Kapitalismus zu stoppen wäre.
Was das für weitere Sozialtransfers (Grundeinkommen usw…)bedeuten könnte ist klar,
immer weitere Kostenreduzierung.
Was das für die Überflüssigen bedeuten könnte, wäre eine noch schärfere Selektion.

Für alle Müsssiggangster und Kritiker der Arbeit als Argumentationshilfe:

www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte=8=1=text1.php

oca 08.10.2009 | 12:55

W.Ratzel: "Ich freue mich, wenn das Geld auf meinem Konto eingeht, bin dem JobCenter dankbar dafür und bemühe mich, mich dafür vermittels sinnvoll-gemeinwohlorientierter Arbeit zu bedanken."

Wieso dem JobCenter dankbar? Vor einiger Zeit hast Du noch darauf bestande, dass das Geld nicht von der Bank kommt, und jetzt kommt es auf einmal vom JobCenter!!! Wenn, dann sei doch "der Gesellschaft" dafür dankbar, dass sie Dich nicht verhungern lässt. Das wäre schon mal das Mindeste. Und dann könntest Du Dich ja auch noch fragen, wer eigentlich den Reichtum produziert und wem er gehören SOLLTE: Denjenigen, die zufällig eine Arbeit abbekommen haben? Denjenigen, die zufällig etwas geerbt haben? Denjenigen, die immer schön brav bei allem mitmachen, egal wie absurd oder zerstörerisch? Vielleicht würdest Du dann zu tieferen Erkenntnissen kommen als "Dankbarkeit gegenüber dem JobCenter".

Wolfgang Ratzel 08.10.2009 | 13:44

An oca:
Wie ist es möglich, dass ein solch kritikfähiger Mensch wie Du nicht realisiert, dass wir nicht in IRGENDEINER Gesellschaft leben, sondern in einer KAPITALISTISCHEN Gesellschaft.
Und sage mir bitte einen einzigen Grund, warum eine vom Gesetz der Kapitalakkumulation gesteuerte Gesellschaft mich, einen nach HERRschender Vorstellung "unproduktiven" Langzeiterwerbslosen, nicht verhungern lassen soll?? Sage mir diesen Grund!!! Aber bitte keine Schmalzphrasen aus irgendeiner Zukunftswerkstatt!! Ich bin -wie jeder andere Erwerbslose auch- eine Last für den Standort Deutschland - oder nicht? Und das muss ich wissen, wenn ich Politik machen will; und das muss ich nicht nur wissen, sondern auch ERTRAGEN können. Auch wenn ich einen Weltrekord in ehrenamtlicher Arbeit aufstellen würde, bleibe ich ein Kostenfaktor in der Gesellschaftsbilanz.
Dass ich NICHT verhungere, verdanke ich dem von der ruhmreichen ArbeiterInnenbewegung erkämpften SOZIALSTAAT. Deshalb (aber auch aus anderen Gründen) ist der hiesige Kapitalismus ein Kapitalismus MIT Sozialstaat.
Aber die Regel sind Kapitalismen OHNE SOZIALSTAAT - schau doch hinaus in die weite Welt, und Du wirst sehen, was Dir blüht, wenn es keinen Sozialstaat und keine JobCenter mehr gibt: Dann verreckst Du nämlich in der Position eines "Für-die-Produktion-Überflüssigen"; es sei denn, du findest auf der örtlichen Müllkippe irgendwelche verwertbaren Abfälle, deren Verkauf Dich am Leben erhält!! - Mann!!! - Gehe auf die los, die die Spielregeln aufstellen und nutznießen - nicht auf die, die durch diese Spielregeln vom vorzeitigen Tod bedroht sind!
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

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Ehemaliger Nutzer 08.10.2009 | 16:29

@oca
Da haben Sie wirklich ein schönes Beispiel dieser unausrottbaren Vergleichsmoral nach Unten zitiert. Die nationale Kammerdienerperspektive ist mehrheitlich durchgesetzter Maßstab aller selbstbewussten Untertanen und zieht sich mehrheitlich durch alle Klassen und Schichten unseres schönen Standortes. Selbst der erbarmungswürdigste "Penner" kann noch DEUTSCHLAND lallen und ist seiner immer weniger kuscheligen nationalen Heimat dankbar für seine trockene Platte unter der Brücke. Schließlich ist er ja am Leben und muss nicht verhungern wie all die "Neger" da unten in Afrika. Und das auch noch in einem Land, wo bekanntermassen doch jeder seines Glückes Schmied ist und ein jeder genau das wird, was einer mit seinem "Leistungsvermögen" so anstellt.
Es lebe die Gerechtigkeit.

Wolfgang Ratzel 08.10.2009 | 17:35

an oca, message vom 14:49:
Jetzt auch von mir endgültig zum letzten Mal:
Wer als Einkommensarmer herumlungert und/oder randaliert, für dessen "Ruhigstellung" gibt es billigere und effektivere Lösungen als die 45 Milliarden Euro-teure JobCenter-Strategie; das macht uns doch die US-Administration vor: Ab in den Knast! 2 Prozent der US-Bevölkerung werden so "aus dem Verkehr gezogen", sprich: vergittert aufbewahrt.
Auch wenn wir im Streit scheiden - kleiner Trost: Der Streit ist die Mutter der Wahrheit! - Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de

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Ehemaliger Nutzer 08.10.2009 | 18:41

@Ratzel
Wollen Sie damit sagen, dass Ihre Beiträge für den "Freitag" dann in absehbarer Zukunft direkt aus dem Knast kommen werden?
Herrje, ist ja auch nicht so schlimm. Schließlich werden Sie ja auch nicht umgehend in den Genickschußkeller verfrachtet, um als unnützer Mitesser und unproduktive Kost aus der Welt geschafft zu werden.
Da können Sie dann doch auch schon mal in vorauseilender Dankbarkeit auf die Knie gehen - bei soviel Menschlichkeit.

oca 08.10.2009 | 20:04

Hier als Nachtrag noch eine Perle von W.Ratzel: "Wie Sie wissen, fordern inzwischen alle maßgeblichen BGE-BefürworterInnen (Götz W. Werner, Dieter Althaus, Thomas Straubhaar) ein Grundeinkommen in Höhe von netto 400 bis 600 Euro plus eine Grundkrankenversicherung."

Also sind nur noch ein Kapitalist (Unternehmer), ein Ultra-Rechter (CDUler) und ein neoliberaler Ideologe ("Wirtschaftswissenschaftler") "maßgeblich". Alle, die ein BGE aus anderen Gründen befürworten als die genannten Herren, sind nicht "maßgeblich".

Ein Lehrstück darüber, wie Hegemonie funktioniert!

Wolfgang Ratzel 10.10.2009 | 08:48

Hallo Zelotti,
genau! - Das Parlament interessiert sich nicht dafür, was die Linken fürchten, und die Linken fürchten etwas, was das Parlament gar nicht einführen will. Ich aber fürchte mich nicht, weil ich weiß, dass das Parlament sich nicht dafür interessiert, wovor ich mich fürchte, und weil ich weiß, dass das Parlament gar nicht einführen will, was die Linke befürchtet.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de