Thorsten Hild
15.04.2009 | 13:00 1

Peer Quijote und Sancho Zimmermann

Wirtschaftskrise Deflation droht, doch überall wird vor Inflation gewarnt: Wie sich der deutsche Finanzminister und die beratende Wirtschaftswissenschaft blamieren

Nachdem sich der Bundesfinanzminister bereits wegen seiner zögerlichen Haltung gegenüber Konjunkturprogrammen von keinem Geringeren als dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman "Holzköpfigkeit" vorwerfen lassen musste, entpuppt sich Peer Steinbrück nun auch noch als Don Quijote der Preisentwicklung. 

Inmitten weltweit sinkender Nachfrage und Produktion, Massenentlassungen, Kurzarbeit und Lohnzugeständnissen nimmt der SPD-Mann den Kampf gegen Preissteigerungen auf.  Dafür, dass dieser Gegner eine "Windmühle" ist, spricht nicht nur volkswirtschaftliche Logik. Nach der drohen bei weltweit sinkender Nachfrage nicht Preissteigerungen (Inflation), sondern Preissenkungen (Deflation). Die bloße Statistik spricht hier ebenfalls eine klare Sprache. So berichtete die OECD erst Ende März für alle unter ihrem Dach versammelten Industriestaaten, dass die Inflation im Februar unverändert bei 1,3 Prozent lag. Dieser Wert liegt deutlich unter dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank, die für ihre strenge und einseitige Sicht auf die Preisstabilität berühmt (und im angelsächsischen Raum auch berüchtigt) ist.

In Deutschland lag die Inflation zuletzt sogar nur bei 0,5 Prozent. Sinkende Preise mögen für den Einzelnen auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, erhöhen sie doch seine Kaufkraft. Setzen sie sich aber erst einmal auf breiter Front durch, halten die Verbraucher in Erwartung weiter fallender Preise ihre Ausgaben zurück, die Situation der Unternehmen verschlechtert sich, Wachstum und Einkommen sinken, die Arbeitslosigkeit steigt.

Unverantwortlicher Fatalismus

Wie um Gottes willen kommt unser Peer Quijote dann aber dazu, zu diesem Zeitpunkt vor Inflation zu warnen? Nun, ganz einfach, er beschäftigt sich nicht mit der Gegenwart, sondern mit der fernen Zukunft. Wie weit wäre die Menschheit wohl gekommen, wenn sie sich nach dieser Logik versucht hätte zu entwickeln? Nur weil die Lösung eines heute drängenden Problems zukünftig neue Gefahren hervorbringen könnte, darf das heute drängende Problem nicht einfach mit Verweis auf mögliche zukünftige Gefahren sich selbst überlassen bleiben. Das wäre ein unverantwortlicher Fatalismus. Das gilt umso mehr, als dass der Deflation erfahrungsgemäß wesentlich schwerer beizukommen ist als der Inflation.

Bei der heruntergekommenen deutschen Volkswirtschaftslehre wundert man sich längst nicht mehr, dass der Bundesfinanzminister für sein zerstörerisches Problembewusstsein auch noch Rückendeckung eines führenden  Wirtschaftsforschungsinstitutes erhält. In Deutschland ist in den vergangenen 30 Jahren noch jedem wirtschaftspolitischen Don Quijote, solange er nur vorgab, Inflation zu bekämpfen und Haushaltslöcher durch eisernes Sparen zu stopfen, ein solcher Sancho Panza zur Seite gesprungen. Während der treue Schildknappe seinen „Ritter von der traurigen Gestalt“ aber immerhin noch vor den größten Torheiten zu bewahren suchte, herrscht zwischen deutscher Wirtschaftspolitik und der ihr dienenden Wissenschaft traute Einvernehmlichkeit.

Brandgefährliche Experten

So berichtet das Handelsblatt, dass der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Inflationssorgen Steinbrücks nicht nur teilt, sondern "noch weiter geht": Nach Zimmermanns Einschätzung komme es „mit großer Wahrscheinlichkeit“ zu einer Inflation – die Frage sei nur wann und wie stark. „Brandgefährlich“ sei die Lage. „Zur Explosion“ komme es, „wenn die enorme derzeitige und sich abzeichnende Geldschöpfung nachfragewirksam wird“, warnt der DIW-Chef.

Die Warnung Zimmermanns ist genauso hanebüchen wie die von Steinbrück. Es komme zur Inflation, so Zimmermann, „wenn auf den Gütermärkten zu wenig Güter auf zu viel Nachfrage stießen, die durch viel Geld angeregt werde". Zurzeit befindet sich Deutschland aber genau in der entgegengesetzten Situation: Trotz massiver Ausweitung der Geldmenge stoßen zu viele Güter auf zu wenig Nachfrage. Deshalb ist es unverantwortlich, jetzt Inflationssorgen zu schüren und damit die ohnehin verunsicherten Verbraucher zu verängstigen.

Zimmermann drückt sich wie Steinbrück vor der Lösung gegenwärtiger Probleme mit dem Verweis auf zukünftige Gefahren, die natürlich niemand ausschließen kann. Alle Überlegungen müssten sich stattdessen darauf richten, wie dem derzeitigen Ausfall privater Nachfrage mit zukunftsweisenden staatlichen Ausgaben und mit einem funktionsfähigen Bankensystem, das wieder durch seriöse Kreditvergabe Produktion und Beschäftigung unterstützt, begegnet werden kann. „Brandgefährlich“ sind vor diesem Hintergrund allenfalls die Politiker und Wirtschaftswissenschaftler, die mit realitätsfremden Aussagen gegen Windmühlen kämpfen.

Don Quijote jedenfalls kehrte nach seinen Abenteuern schlimm zugerichtet nach Hause zurück.

Kommentare (1)

Lago 15.04.2009 | 19:25

Steinbrück hat natürlich Recht, sich um die kommende Inflation zu sorgen. Soll er ruhig einmal ein paar Leute dransetzen, die, sobald in ferner Zukunft die Nachfrage wieder anspringt und die Lager leerlaufen, dann einen Plan in der Tasche haben, das überschüssige Kapital mal eben wieder abzusaugen. Auch staatliche Schuldenvermeidung in wirtschaftlichen Expansionszeiten ist ne tolle Sache.

Aber jetzt mal wieder zurück zur Gegenwart: Gibts da nicht auch irgendwas zu tun?