Sie behandeln uns wie Kriminelle

Interview Ein Gespräch mit Mabel Marquéz, Aktivistin der internationalen Landarbeiterbewegung Via Campesina, über die Angst der Putschregierung und die Proteste in Honduras

freitag.de: Ende Juni wurde Honduras Präsident Manuel Zelaya per Flugzeug aus dem Land geschafft – was befürchten Militärs und Rechtspolitiker eigentlich von dem Sohn einer reichen Familie von Holzmagnaten?

Mabel Marquéz: Unternehmer, Armee, Oligarchie und Kongressabgeordnete so gut wie aller Parteien haben Angst bekommen. Seit seinem Amtsantritt Zelayas im Januar 2006 hat sich »Mel« immer mehr mit dem einfachen Volk identifiziert. Den Ärmsten der Armen versuchte er mit Staatsprogrammen zu helfen. Unter Führung des unrechtmäßigen, aktuellen Präsidenten Roberto Micheletti versucht das Regime lediglich drohenden Machtverlust zu verhindern. Denn was bei den Protesten gefordert wird, ist die Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung – aber diesmal direkt vom Volk gewählt, ein Novum für Honduras. Genau das wollte auch Präsident Zelaya. Als er für den 28. Juni eine nicht bindende Volksbefragung ansetzte, damit bei den Wahlen im kommenden November zugleich ein Referendum zur Einleitung des Verfassungsprozesses stattfinden kann, wurde er wie ein Krimineller aus Honduras deportiert. Bei späteren Wahlen zum Verfassungskonvent wäre wohl auch der Kongress aufgelöst worden. Das Projekt der vierten Wahlurne für mehr Volksbeteiligung war für die Putschisten also ganz klar der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Nun wächst die Bewegung, die für eine Rückkehr Zelayas auf die Straße geht. Wie reagiert die De-Facto-Regierung Michelettis?

Mit Trauer und Ernüchterung sehen die sozialen Bewegungen von Honduras wie Polizei und Armee ihre Panzer, Schusswesten und Tränengasbomben vorbereiten – gegen das eigene Volk. Gerade noch gab es Anlass zur Freude, als das Oberste Gericht Xiomara Castro, der Ehefrau Zelayas, erlaubte, in die militarisierte Region an der Grenze zu Nicaragua zu reisen, um dort ihren Mann zu treffen. Doch das war eine Falle. Den Zelaya-Unterstützern wurde nämlich verboten, die First Lady auf dem Landweg zu begleiten. Stattdessen wollte man sie ins Flugzeug setzen und einfach ins Ausland abschieben. Nun bleiben sie und ihre Familie weiter in Honduras.

Wie setzt sich die Widerstandsbewegung zusammen?

Es ist ein sehr buntes Bündnis aus Arbeitern, Gewerkschaftern, Bauern, Landarbeitern, Lehrern, Studenten, Indigenen unds Afro-Hondureños. Nicht alle, die gegen die Micheletti-Regierung demonstrieren, sind auch Parteigänger von Zelaya, wie die Putschisten permanent behaupten. Aber der wachsenden honduranischen Volksbewegung ist eine Forderung gemein: die sofortige Herstellung der verfassungsgemäßen Ordnung durch Rückkehr des demokratisch gewählten Präsidenten Manuel Zelaya.

Die Medienblockade in Honduras lässt kaum unabhängige Nachrichten nach Außen. Sind die Proteste so marginal, wie es die offizielle Lesart Glauben macht?

Auf keinen Fall. Es gehört zur Strategie der Putschisten, die Bewegungen gegen sie als klein darzustellen. Zu jeder Demonstration, ob in San Pedro Sula, Tegucigalpa, Santa Bárbara oder anderswo, kommen mehr als 5.000 Menschen. Dabei werden die Teilnehmer jeden Tag wachsender Repression ausgesetzt. Es gab bereits zahlreiche Todesopfer zu beklagen. Während Micheletti-Anhänger ohne Beeinträchtigung und mit Polizeischutz für „Demokratie und Frieden“ demonstrieren können, sehen wir uns mit einer immer aggressiver werdenden Staatsmacht konfrontiert. Wir werden wie Kriminelle behandelt.

Die Vermittlungsgespräche durch den Präsidenten von Costa Rica, Óscar Arias, sind gescheitert. Wie geht es nun weiter?

Das Spiel auf Zeit gehört ebenfalls zur Strategie, mit der die Protestbewegung zerschlagen werden soll. Die von Arias moderierten Verhandlungen, eine Idee aus Washington, sollten dem Regime eine Ruhepause verschaffen. Doch weder Gewalt noch Verzögerung werden unseren Widerstand brechen. Im Gegenteil: Wir werden von Tag zu Tag stärker. Bis zur Rückkehr Zelayas werden wir den Druck der Straße auf friedlichem Wege weiter ausüben. Das doppelte Spiel der USA ist leicht zu durchschauen. Hier handeln aber nicht die Leute von Präsident Barack Obama, sondern die seines Vorgängers George W. Bush.

Das Gespräch führte Benjamin Beutler

Via Campesina der bäuerliche Weg ist ein von über 100 Kleinbauern, Landlosen und Agrararbeiter-Organisationen aus der ganzen Welt. 1993 gegründet ist Via Campesina heute einer der wichtigsten Bewegungen für Ernährungssouveränität. Mabel Marquéz arbeitet für das honduranische Büro des Netzwerkes.Netzwerk

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10:30 01.08.2009

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