Sollen sie doch Kuchen essen

Hartz IV Pöbel-Thilo hat wieder zugeschlagen: Wer dachte, Berlins Ex-Finanzsenator Sarrazin würde nach seinem Wechsel zur Bundesbank die Klappe halten, hat sich getäuscht

Wenn es darum geht, mit markigen Sprüchen billigen Applaus an den Stammtischen der Republik zu erheischen, ist Thilo Sarrazin stets vornedran. Der ehemalige Berliner Finanzsenator, der nun als Vorstand der Bundesbank ein geschätztes Jahressalär von 228.000 Euro bezieht, genoss es schon immer, die Schwachen des Landes hemmungslos zu verhöhnen. In einem Interview im aktuellen Stern übertrifft „Pöbel-Thilo“ sich jedoch selbst: Hartz-IV-Empfänger hätten es gerne warm und regulierten die Raumtemperatur mit dem Fenster, die Renten müssten langfristig auf das Niveau einer Grundsicherung sinken und die große Frage der Sozialpolitik sei es, wie man es denn schaffen könne, dass nur die Richtigen Kinder bekommen – Hartz-IV-Empfänger scheiden dabei für Sarrazin aus, da sie oft „nicht das Umfeld“ oder „die persönlichen Eigenschaften“ hätten, um „die Erziehung zu bewältigen“.

Kostenfaktor Mensch

Sarrazin ist seit längerem Opfer tiefgreifender Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörungen. Den studierten Volkswirt als Technokraten mit Empathiedefiziten zu beschreiben, wäre zu einfach. Sarrazins Welt speist sich zum einen aus unreflektierten Stammtischargumenten, und zum anderen aus der kalten ökonomischen Logik eines Finanzsenators. Nie würde er einen Hauch der Kritik an „Privatiers“ äußern, die zwar nicht selbst arbeiten, aber Steuern zahlen. Diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sind für ihn Kostenfaktoren und – so will es die ökonomische Logik – Kosten müssen minimiert werden. Für Sarrazin ist vor allem der Hartz-IV-Empfänger ein herausragendes Exemplar dieser „nichtsnutzigen Gattung“. Mit sichtbarer Genugtuung keilt er dann auch regelmäßig gegen diese fetten, faulen und dummen Müßiggänger aus.

Sarrazins zynische Ratschläge für Geringverdiener und Hartz-IV-Empfänger sind legendär. Wer die steigenden Energiekosten nicht mehr zahlen könne, solle halt einen dicken Pullover anziehen – bei 15 oder 16 Grad Raumtemperatur kein Problem. Das sah nicht nur der Bundesverband der Sachverständigen anders, der prompt vor Schimmelpilzbildung in der Wohnung warnte, wenn man Sarrazins Heiztipps befolgt. Für bitteres Lachen sorgte auch ein Speiseplan für Hartz IV-Empfänger, mit dem Sarrazin beweisen wollte, dass man sich auch mit dem Regelsatz gesund und ausreichend ernähren könnte. Berechnungen ergaben, dass „Thilos Armenspeisung“ auf einen Tagesbedarf von 1.550 kcal ausgelegt ist – dies würde selbst bei den Untätigsten unter den sozial Schwachen binnen weniger Wochen zu Mangelerscheinungen führen. Für Sarrazin kein Problem, denn „wenn man sich das anschaut, [sei] das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht“.

Klima des Hasses

Isolieren, verhöhnen, brandmarken – dies ist die Sarrazin-Strategie. Im Stern-Interview beschreibt er diese folgendermaßen: „Je weniger intelligent, je weniger gebildet, je unreflektierter ein Mensch ist, desto mehr ist für ihn das gesellschaftliche Klima wichtig.“ Und eben dieses gesellschaftliche Klima will Sarrazin mit seinen Parolen verändern. 7,4 Millionen Deutsche, also beinahe jeder zehnte, ist damit in seinem Visier.

Die Hälfte aller Berliner Schüler rekrutiere sich, so Sarrazin, aus Hartz IV und „ähnlichen Schichten“. Man müsse dies nur „über einige Generationen fortschreiben“, dann würde man sehen, dass Berlin „immer ärmer“ und „immer dümmer“ würde – auch anderen deutschen Städten würde dieses Schicksal drohen. Fett, dumm, faul und gebärfreudig – mit solch erbärmlichen Pauschalisierungen und Beleidigungen erzeugt der Bundesbanker ein Klima des Hasses und man braucht sich nicht wundern, wenn eines Tages die Massenarmut in Wut und Aggression umschlägt.

Nicht jedes Kind ist erwünscht

Um dieser prognostizierten Verarmung und Verdummung der Bevölkerung gegenzusteuern, schlägt Thilo Sarrazin eine Form der Geburtenkontrolle über Leistungskürzungen vor. „Wir müssen es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden“. Kinder sind somit nur noch dann erwünscht, wenn sie in die heile Welt der Hochglanzbroschüren von Ursula von der Leyen passen – die Unterschicht habe oft nicht die „persönlichen Eigenschaften, um die Erziehung zu bewältigen“. Diese Begründung kennt man aus düsteren Zeiten. Sie wurde benutzt, um unerwünschtes Leben zu verhindern, die Weiterentwicklung dieses Gedankens wäre dann die Eugenik. Auch die Aborigines galten in Australien noch bis in die sechziger Jahre als unfähig, Kinder zu erziehen.

Natürlich will Sarrazin Hartz-IV-Empfängerinnen nicht ihre Kinder wegnehmen oder sie zwangssterilisieren – so etwas wäre auch ökonomisch nicht opportun. Daher schlägt er vor, das Sozialsystem so zu ändern, „dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern“ könne, was heute der Fall sei. Natürlich widerspricht dies diametral allen Berichten und Studien von Wohlfahrtsverbänden und der Bundesregierung, die unisono Kinder als größtes Armutsrisiko bezeichnen. Fakten und Argumente waren schon immer der Feind von Stammtischdemagogen, aber so etwas stört Thilo Sarrazin nicht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

21:00 14.05.2009
Geschrieben von

Ausgabe 28/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6