"Vollkommen normal"

Missbrauch Die Vorwürfe gegen den katholischen Rechtsaußen Mixa wiegen schwer. Nun hat er seinen Rücktritt angeboten. Doch das allein wird die Kirche nicht von ihrem Elend erlösen

Walter Mixa gilt vielen in der katholischen Kirche und darüber hinaus als „Intellektueller von Format“ und „streitbarer Bischof“. Mit solcherlei Weihrauch wird ein Mann umgeben, der wie kaum ein anderer für die gesellschaftliche Rückwärtsgewandtheit des Glaubensapparats und seine politische Verfasstheit steht. Mixa hat den Holocaust mit der Zahl der Abtreibungen verglichen, hält öffentliche Kinderbetreuung für Teufelszeug und eine Welt ohne Gottesbezug „die Hölle auf Erden“.

Defensive Offensive

Dass es eine „Hölle auf Erden“ auch für Menschen in der Obhut der Kirche gibt, dass unter dem Kreuz Kinder und Jugendliche gedemütigt und der Macht der „Hirten“ ausgeliefert wurden, bestimmt seit Wochen die öffentliche Debatte. Seit ein paar Tagen dreht sie sich nicht zuletzt um Vorwürfe, nach denen Mixa selbst als Stadtpfarrer von Schrobenhausen gegen Heimkinder vorging, sie schlug und eine Atmosphäre schuf, die Angst vor körperlicher Gewalt zum geflügelten Wort werden ließ: „Warte nur, wenn der Stadtpfarrer Mixa kommt.“

Er kam – und inzwischen erinnert er sich auch wieder daran. Mixa konnte angesichts der eidesstattlichen Erklärungen nicht länger den Vergesslichen spielen. Jener Mann, der immer mal wieder vor „katholischer Feigheit“ im politischen Diskurs warnte, ging zunächst in die defensive Offensive und ließ dabei Licht auf das Selbstverständnis von Kirchenoberen fallen: „Die eine oder andere Watsch‘n“ sei vor 20 oder 30 Jahren im Umgang mit Jugendlichen „völlig normal“ gewesen. Diese „Normalität“, hinter der Mixa hier gegen öffentliche Vorwürfe Schutz sucht, verweist auf ein krudes Selbstverständnis von Autoritäten, die Körperstrafen in der Erziehung selbst dann noch für ein probates Mittel hielten, als sie 1973 – spät aber immerhin – per Gesetz verboten wurden.

Nun also die offensive Defensive: Mixa, der darüber hinaus und nicht zum ersten Mal mit wegen eines - zurückhaltend formuliert - eigenwilligen Umgangs mit dem Geld anderer unter Druck steht, erweist mit seinem Rücktrittsgesuch der katholischen Kirche so womöglich einen letzten konservativen Dienst: In dem sich vieles auf den einen „Sünder“ fokussiert, rückt anderes aus dem Blickfeld.

Mit einem Bein

Ob der Zentralrat der Katholiken dem etwas entgegensetzen kann, bleibt abzuwarten. Der Präsident der Laienorganisation, der frühere CSU-Politiker Alois Glück, hat erklärt, „eine Fixierung auf das Versagen Einzelner reicht nicht aus“. Auch von einer „konsequenten Erneuerung der Kirche“ ist die Rede, von einem Richtungswechsel. Wohin die Reise gehen soll, bleibt aber völlig offen.

Kirche funktioniert im wahrsten Wortsinne „von oben nach unten“. Das Modell blockiert jeden Wandel. An der Spitze der Organisation stehen Leute, mit denen eine Wende nicht zu machen ist, weil die ihre Macht beschränken müsste. Im Vatikan sitzt ein Mann, der selbst mit einem Bein im Sumpf kirchlicher Gewalt steht. Der Chef der deutschen Bischöfe schweigt wochenlang auf eine Weise, die selbst Anhänger des Glaubens als militant bezeichnet haben. Große Teile des Apparates scheinen von einer Kultur der Schuldabwehr geprägt. Ansätze einer Reformdebatte, etwa in Sachen Zölibat, werden rasch erstickt und zeugen von einem gerüttelt Maß an Unfähigkeit zur Veränderung.

Es käme jetzt auf die kritische Kirchenbasis an, die Initiativen von unten, Dissidenten wie Hans Küng. Der einstige Ratzinger-Freund hat in einem Offenen Brief die Einberufung eines neuen Konzils gefordert, das Reformen auch gegen den Widerstand von Papst und Kurie einleiten soll. Das mag eingefleischten Atheisten nicht weit genug gehen, ist aber ein Anfang im Rahmen des (wenigen) Möglichen, ein Hebel, der die laufende Debatte über den Missbrauch zu einer viel weiter gehenden Auseinandersetzung über Kirche und ihre Rolle in der Gesellschaft machen könnte.

Hinweis: Dies ist eine aktualisierte Version des Textes von Vincent Körner vom 17. April.

Weiterlesen:
Ein kritischer Bericht zur römisch-katholischen Kirche und der Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland aus dem Jahr 2003 (mehr)
Vertane Chancen: Offener Brief von Hans Küng (mehr)

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