Wendelin in der Weltliga

Manager Angeblich soll der Abgang von Porsche-Boss Wiedeking mit über 100 Millionen Euro vergoldet werden. Die Superabfindung wäre ein Beleg für die Untätigkeit der Politik

Mag sein, dass der Machtkampf zwischen Porsche und Volkswagen in der nächsten Woche zur Entscheidung kommt. Am kommenden Donnerstag werden die Aufsichtsräte der beiden Autokonzerne zu Sondersitzungen zusammentreffen und den Poker womöglich beenden. Besser gesagt: die Schlammschlacht, die inzwischen sogar in jener Branche für Irritationen sorgt, die selbst tatkräftig daran beteiligt ist – den Medien. „Hinterhältig und mit allen schmutzigen Tricks der öffentlichen Meinungsmache“ werde die Autobauer-Konkurrenz ausgefochten, schrieb gerade erst die Financial Times Deutschland.

VW will etwas weniger als die Hälfte der Porsche AG übernehmen und den Sportwagenbauer als eine von zehn Marken in seinen Konzern integrieren. Dagegen stemmt sich Wendelin Wiedeking mit aller Macht und allerlei Unterstützung: Baden-Württembergs CDU-Ministerpräsident etwa und auch Porsche-Betriebsrat Uwe Hück. Doch die Aussichten des Porsche-Chefs, in der Zukunft bei einem der beiden Autobauer noch eine Rolle zu spielen, sind in den vergangenen Tagen gewaltig gesunken. Wiedeking, schreibt die Wirtschaftswoche, wäre in dem seit Monaten geführten Machtkampf der Familien und Firmen „der große Verlierer“.

Berichte über Goldenen Handschlag

Man kann es auch anders sehen, jedenfalls wenn die Berichte stimmen, die über die möglichen Abfindungszahlungen an Wiedeking stimmen. Wie die Süddeutsche berichtet, hat der Porsche-Manager Aussicht auf einen Goldenen Handschlag von mehr als 100 Millionen Euro – das wäre die höchste jemals in Deutschland gezahlte Abschiedszahlung an einen der ohnehin nicht gerade darbenden Bosse.

Möglich macht solche Albtraumsummen nicht zuletzt – die deutsche Politik. Jahrelang war über die Begrenzung von Managergehältern diskutiert worden. Zuletzt einigte sich die Große Koalition auf eine ganz kleine Lösung. Eine Deckelung der Abfindungszahlungen oder wenigstens des steuerlichen Betriebsausgabenabzugs, wie etwa von den Grünen vorgeschlagen, wurde nicht durchgesetzt. Wortreich wird gern an die Verantwortung der Unternehmen erinnert und die gesellschaftliche Akzeptanz beschworen, an denen sich auch die Tschüss-Überweisungen für Manager messen lassen müssten. Leere Worte.

Lascher Kodex, kein Gesetz

Dem stehen volle Brieftaschen gegenüber. Wiedeking gehört mit einem Einkommen von rund 80 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr ohnehin schon zu den bestbezahlten Managern der Welt. Sollte ihm nun der Abschied von Porsche tatsächlich mit mehr als 100 Millionen Euro schmackhaft gemacht werden, verstieße das nicht einmal gegen die so genannte Selbstverpflichtung der Wirtschaft, ein lascher Katalog mit Titel Corporate Governance Kodex. Darin heißt es nämlich: „Bei Abschluss von Vorstandsverträgen soll darauf geachtet werden, dass Zahlungen an ein Vorstandsmitglied bei vorzeitiger Beendigung der Vorstandstätigkeit ohne wichtigen Grund einschließlich Nebenleistungen den Wert von zwei Jahresvergütungen nicht überschreiten.“ Wollte man zynisch sein, könnte man sagen, Wiedeking erhält gar deutlich weniger, als möglich wäre.

Normals Leben und Parallelwelt

Zur Erinnerung: Einst sollte ein Abfindung auch in der Parallelwelt der Manager vor allem die Übergangszeit zwischen zwei Jobs überbrücken helfen. Die Summen waren immer schon etwas anders, aber der Grundgedanke ein ähnlicher. Heute lassen sich die nachgeworfenen Millionen mit nichts mehr vergleichen. Die im Kündigungsschutzgesetz festgeschriebene „Regelhöhe“ für normale Abfindungen liegt bei einem halben Monatsverdienst pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Wer – wie im normalen Leben gar nicht unüblich – 2.500 Euro brutto erhält und nach fünf Jahren seinen Job verliert, kann hoffen, mit etwas mehr als 6.000 Euro abgefunden zu werden. Ein grundsätzlicher Rechtsanspruch besteht dabei nicht.

Zurück zu Wiedeking, der nun in die Weltliga der Superabfindungen aufsteigen könnte, in der bisher noch die US-Boys dominieren. Jene 351 Millionen Dollar würde der Porsche-Mann zwar nicht erreichen, diese ebenso legendäre wie unfassbare Summe, die Lee Raymond nach zwölf Jahren an der Spitze des Öl-Konzerns Exxon Mobil eingestrichen hat. Auch an die 213 Millionen Dollar des Ex-Pfizer-Chefs Hank McKinnell oder die 210 Millionen Dollar von Robert Nardelli von der Baumarktkette Home-Deopt kommt er nicht heran. Mit den 160 Millionen Dollar, die der Chef von Merrill Lynch erhielt, nachdem er acht Milliarden Dollar verspekuliert hatte, könnte sich Wiedeking aber durchaus messen. Oder dem fast 100-Millionen-Dollar-Handschlag für den Ex-Boss der Citigroup. Beim früheren Chef der New Yorker Börse Richard Grasso entschied sogar ein Gericht, dass er die für seinen als unrühmlich beschriebenen Abgang zugeschanzten 187 Millionen Dollar behalten darf.

Was ist bei Managern "angemessen"?

Wie gesagt: Noch handelt es sich um Gerüchte, und selbst wenn diese sich bewahrheiten sollten, wäre an der Millionen-Abfindung für Wiedeking wohl nichts Falsches in einem formal-juristischen Sinne. Eine Klage von Aktionären, die das Gehalt des Porsche-Chefs als „sittenwidrig“ ansahen und dafür auch die Unterstützung von Aktienrechtlern erhielten, ist noch anhängig. Die Vergütung, sagt der Darmstädter Experte Uwe H. Schneider, müsse laut Aktiengesetz „angemessen“ sein. Aber was heißt das schon?

Mitunter hilft es immerhin, den Abfindungswahnsinn öffentlich anzuprangern. Als im Frühjahr dieses Jahres bekannt wurde, dass der frühere Chef der seinerzeit verlustträchtigen Dresdner Bank 3,6 Millionen Euro erhalten sollte, wurde massive Kritik laut. Herbert Walter verzichtete schließlich auf die Abfindung. Sein Begründung: Die Zahlungen seien zwar rechtmäßig, doch sei für ihn nachvollziehbar, dass sie "bei vielen Menschen auf Unverständnis stoßen". Auf ein solches, ungleich größeres jedoch, müsste sich auch Wendelin Wiedeking einstellen.

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15:15 17.07.2009
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Ausgabe 41/2021

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