Wer hilft uns morgen?

Ehrenamt Arbeit am Nächsten: Ohne Migranten wird in Zukunft bei Feuerwehr und Rettungsdienst nichts mehr gehen. Die interkulturelle Öffnung kommt langsam voran

Nuri Musluoglu ist Sozialarbeiter und weiß wovon er spricht. „Die Stadt und der Landkreis Heilbronn haben einen Migrantenanteil von 36 Prozent.“ Dem Roten Kreuz DRK hilft Musluoglu seit einem halben Jahr, bei der interkulturellen Öffnung besser voranzukommen. Ein Schritt, der notwendig ist: Denn ohne neuen Zuwachs aus Familien mit Migrationshintergrund wird das DRK in Zukunft nicht mehr auskommen können. So wie andere, stark vom Ehrenamt geprägte Bereiche auch.

„Die deutschen Organisationen“, sagt Musluoglu, „sind im Inneren nicht auf die Integration von Ausländern vorbereitet.“ Als interkultureller Berater kann er helfen, die Sprachlosigkeit zwischen Kulturen zu überwinden, die bisher oft noch nebeneinander her leben. In Heilbronn zeigen sich erste Erfolge: Das Rote Kreuz hat heute bereits drei Zivildienstleistende türkischer Abstammung, Migrantenkinder machen beim Jugendrotkreuz mit und türkische Frauen bringen sich in ehrenamtlichen Projekten der Seniorenarbeit ein.

Feuerwehr sucht Nachwuchs

Woanders geht es schleppender voran. Auch die Feuerwehren plagen Nachwuchssorgen. Bislang ist es hier kaum gelungen, Menschen mit Migrationshintergrund zu gewinnen. Noch in diesem Jahr will der Deutsche Feuerwehr Verband mit einer Aktion für mehr Verständnis werben. Mit Orhan Bekyigit, dem Leiter der Werksfeuerwehr bei der Heidelberger Druckmaschinen AG, setzt auch der Feuerwehrverband seit 2008 auf einen Fachberater für Integration.

Der 31-Jährige ist ein echter „Wieslocher“, hier geboren und schon längst deutscher Staatsbürger. Seine Eltern kamen vor rund 40 Jahren aus Anatolien in die Bundesrepublik. „Integration ist ein politisches Problem, was erst seit fünf Jahren eine intensivere Beachtung findet“, meint der Fachberater für Integration und macht zudem klar, dass man sich dabei nicht auf einer Einbahnstraße befindet: „Es kann ja nicht angehen, dass die Eltern hier seit 30 Jahren leben und die Kinder beherrschen die deutsche Sprache nicht.“ Bekyigit freut sich darauf, den Migranten die ehrenamtliche Arbeit in den Strukturen der Feuerwehr näher bringen zu können: „Für das Ehrenamt bei der Feuerwehr“, ist sich Bekyigit sicher, „schlummert da ganz viel Potenzial.”

Kein christliches Privileg

Was beim DRK und bei der Feuerwehr funktionieren kann, wird für Johanniter und Malteser schon schwieriger, Organisationen mit christlichem Fundament. Man kann sich kaum einen muslimischen Betreuer auf einer Kevelaer-Wallfahrt vorstellen. Und für manch türkischen Vater dürfte es undenkbar sein, dass sein Sohn mit einem Pulli nach Hause kommt, auf dem das achtzackige Kreuz der Bergpredigt prangt. „Viele Helfer mit Migrationshintergrund gibt es im Rettungs- und Sanitätsdienst der Johanniter nicht“, hat die Johanniter-Pressesprecherin Regina Villavicencio herausgefunden.

Für die christlichen Organisationen bedeutet Zuwanderung dennoch nicht den Untergang des Abendlandes. Zwar können Migranten aus muslimischen Ländern nur sehr begrenzt für die kirchlich gesteuerte Arbeit am Nächsten gewonnen werden. Doch die Zuwanderung aus Osteuropa führt den Maltesern und Johannitern neue Helferpotenziale zu, die christlich verwurzelt und oft gut ausgebildet sind.

Start schon im Kindergarten

Die Johanniter in Hamburg kooperieren bereits mit einer in Hamburg erscheinenden Zeitschrift in russischer Sprache. Florian Asche, Vorstand des Regionalverbands, will aber noch deutlich weiter gehen: „In Hamburg haben 46 Prozent der jungen Erwachsenen bis etwa 25 Jahren einen Migrationshintergrund. Das ist ein heißes Thema für uns.“ Will man die Struktur der ehrenamtlichen Hilfe erhalten, muss man das Thema konsequent anpacken. „Unsere Anstrengungen müssen schon im Kindergartenalter beginnen“, glaubt Asche und er will dabei den muslimischen Teil der Bevölkerung nicht ausklammern, wenngleich er die sich daraus ergebenden Probleme nicht verneint. Nach kurzer Bedenkzeit fragt er: „Warum haben wir eigentlich nicht den Mut, den muslimischen Teil der Bevölkerung einzubeziehen? Es gibt bisher kein christlich-islamisches Hilfswerk.“

In der Zwischenzeit wurde in Hamburg die Petasus-Stiftung gegründet. Eine gemeinsame Stiftung von DRK, MHD, ASB, DLRG, THW, der Freiwilligen Feuerwehr und der Johanniter. „Dabei geht es um Nachwuchssicherung, um Bildung und um Erziehung“, sagt Asche. Erstes Projekt, ein Kinderbuch, das Leseanfängern erklärt, warum es so wichtig ist, dass Menschen sich ehrenamtlich einbringen und was einem das selbst bringt.

In dem Buch gibt es Emil, einen schüchternen deutschen Jungen, den Nachbarn Herrn Wilumeit, der bei der Freiwilligen Feuerwehr arbeitet, und den türkischen Jungen Achmed. Diese Geschichte hat ein Happy-end: Alle werden Freunde.

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09:00 08.08.2009
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Ausgabe 29/2020

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