»Diese gewaltigen Mauern aus Wasser vor den Augen«

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Felsformationen am Pointe du Raz in der Bretagne (Foto: S. Möller)

In den sechziger Jahren nahm ein junger Schriftsteller freiwillig einen der härtesten Jobs dieser Zeit an: Er wurde Leuchtturmwärter vor der bretonischen Küste, am westlichsten Punkt Frankreichs, der Region, die bezeichnenderweise Finistère (Ende der Welt) heißt. Verarbeitet hat Jean-Pierre Abraham diese Zeit in seinem Buch »Der Leuchtturm«, das in Frankreich bereits Kultstatus hat und jetzt erstmals auf deutsch vorliegt.

Es ist zwei Uhr morgens. Zeit, sich sogleich wieder ans Schreiben zu machen, und wäre es nur, um mit dem Festland zu brechen. Soll man denn alles erzählen, die wahnwitzigen Nächte schildern? Den rasenden Wind in den Gassen, und den ganzen Tag über diese gewaltigen Mauern aus Wasser vor den Augen? Mauern, welche die Insel um einiges überragen und scheinbar dazu bestimmt sind, einen letztlich zu verschlingen?

(»Der Leuchtturm«, S. 29-30)

Man kann sich nur schwer vorstellen, was es bedeutete, vor der Zeit der Hightech-Navigation die Leuchtfeuer am Leben zu halten: »Armen« (bretonisch für »Stein«), so der Name des Leuchtturms in Abrahams Buch, existiert wirklich. 1880 wurde er in Betrieb genommen, voraus ging eine 14-jähriger Bauzeit, die mehrere Menschenleben forderte.

Jean-Pierre Abraham, der als Journalist, Ethnograf und passionierter Segler sein ganzes Leben lang die Nähe des Meeres gesucht hat, beschreibt in seinem kurzen, eindringlichen Buch die Kämpfe zwischen den Elementargewalten und dem menschlichen Fortschritt, dessen Bedeutung gegenüber der schieren Größe des Atlantik lächerlich erscheint. Es ist aber auch ein poetisches Buch, das die oft verzweifelten Versuche, einfach »etwas aufs Papier zu bringen« im Kontrast zum eintönigen und harten Arbeitsalltag, den das Leben auf dem Leuchtturm nun einmal erfordert, zeigt.

Auf »Armen« werden die Leuchtfeuer inzwischen elektronisch gesteuert, der Schiffsverkehr ist seitdem gewiss ein Stück sicherer geworden. Jean-Pierre Abraham, dessen Asche 2003 auf dem Glénan-Archipel in der Bretagne verstreut wurde, hat der Zeit vor dem technischen Fortschritt ein kleines, beunruhigendes Denkmal gesetzt.

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Jean-Pierre Abraham (1936-2003) - Foto: Robert Bressani

http://tubuk.com/assets/cover/detail/detail_abraham-leuchtturm.jpgJean-Pierre Abraham: »Der Leuchtturm«.

Aus dem Französischen von Ingeborg Waldinger. Jung und Jung Verlag, Salzburg, 2010. 160 Seiten, 18,00 Euro

Von Nantes nach »Armen« auf unserer interaktiven Karte:
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17:43 04.11.2010
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