Ich glaube, man nennt alles, was ich schreibe, Prosa

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Jeder Text als erneuter Versuch der Annäherung an das, was einen eigentlich umtreibt: Dorothee Elmiger (Foto: Sam Tyson)

Unser Interview des Monats: In der losen Reihe »TUBUK quetscht aus« haben wir Dorothee Elmiger zu ihrem gefeierten Debüt »Einladung an die Waghalsigen« und das Schreiben an sich befragt. Unter den Antworten findet sich auch eine Entgegnung an Andreas Heidtmann, den wir im April interviewt haben.

Du hast mit »Einladung an die Waghalsigen« ganz schön abgeräumt, zuletzt den Rauriser Literaturpreis. Herzlichen Glückwunsch! Uns würde interessieren, ob du auch schon viele Leserreaktionen auf dein Buch erhalten hast? Und gab es auch negative Stimmen?

Danke für die Glückwünsche. Hin und wieder, meist bei Lesungen, treffe ich natürlich auf Menschen, die das Buch gelesen haben und dann berichten von ihrer Leseerfahrung – dabei sind die Reaktionen immer ganz unterschiedlich. Ich freue mich aber, wenn ich das Gefühl habe, man trete in ein Gespräch ein, das seinen Anfang beim Lesen (oder Schreiben) genommen hat.

Vor dem Erscheinen des Romans hast du auch einen kurzen Text in der Edit publiziert, und im poet erschien die Erzählung mit dem schönen Titel »Als elf Schneekraniche über die Alpen flogen«. Gibt es da eine Verbindung zu »Einladung an die Waghalsigen«, oder stehen diese Texte ganz für sich?

Für mich stehen alle Texte in einem grundsätzlichen Zusammenhang – ich begreife sie nicht als einsame Einheiten, sondern vielleicht eher als Versuche: Jeder Text als erneuter Versuch der Annäherung an das, was einen eigentlich umtreibt. Einige Vögel tauchen ja in meinen Texten ab und zu auf, sie sind vielleicht den Überblendungszeichen aus dem Kino nicht unähnlich.

In »Über die Umstände meiner Jugend« sind Bezüge zur Schweiz und den Bergen zu erkennen, während »Einladung an die Waghalsigen« in einer düsteren, nicht genauer bezeichneten Welt spielt. Die Schwestern Stein studieren aber alte Atlanten, versuchen also etwas über ihre Herkunft herauszufinden. Welche Rollen spielt Natur oder überhaupt die Geographie eines Ortes für dein Schreiben?

Das ist, glaube ich, von Text zu Text verschieden. Die zwei Schwestern Stein, zum Beispiel, leben an einem Ort, der bestimmt wird von einem grossen Fehlen, von einer Abwesenheit, die um sich greift. Umso präsenter werden deshalb Landschaft und Natur im Text, sie tragen aber die Spuren der Geschichte in sich, es handelt sich also nicht um unberührte, idealisierte Natur. Andere Texte sind für mich stärker in einer mir vertrauten Landschaft verortet – dann tauchen zum Beispiel die Ostschweizer Voralpen auf.

Zur literarischen Form: Liegt dir die Prosa am meisten? Oder könntest du dir auch vorstellen, Gedichte oder etwa Drehbücher zu schreiben?

Ich glaube, man nennt alles, was ich schreibe, Prosa. Obwohl ich nie am Schreibtisch sitze und mir das so vornehme: Die Grenzen zwischen den Gattungen sind für mich gar nicht so undurchlässig, wenn ich schreibe. Vor kurzem hat Andreas Heidtmann, der Verleger des poetenladens, in diesem Blog die Bedeutung der weiblichen Stimmen herausgestellt (»Oft sind Erzählerinnen näher am Alltag und oft gelingt es ihnen hervorragend, Lebenssituationen ins Literarische zu verwandeln«, Zum Interview). Stimmst du da zu? Steht für dich die weibliche Perspektive beim Schreiben im Vordergrund, oder sind es andere Schwerpunkte?

Ich bin oft erstaunt darüber, wie sehr auf dieser Benennung (und der Existenz) einer weiblichen oder männlichen Perspektive beharrt wird. Gerade der von dir zitierte Satz Heidtmanns weckt bei mir grosses Unbehagen: Weshalb sind Erzählerinnen denn näher am Alltag – sind sie nicht zu geistigen Höhenflügen fähig oder sind sie immer noch – und seit jeher – für das Alltägliche, das Häusliche, das Einfache, das Emotionale zuständig? Als Leserin habe ich oft den Eindruck, auch in der zeitgenössischen Literatur würden noch immer überwiegend Frauen gezeichnet, die schwach, krank und schutzbedürftig sind, während die Männer abenteuerlustig durch die Welt spazieren. Dem gilt es doch etwas entgegenzusetzen.

Dorothee Elmiger wurde 1985 in Wetzikon (Schweiz) geboren und wuchs in Appenzell auf. Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und verbrachte ein Semester am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Seit 2009 studiert sie Politikwissenschaft in Berlin. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2010 erhielt sie den Kelag-Preis. Für »Einladung an die Waghalsigen« wurde Dorothee Elmiger mit dem aspekte-Literaturpreis 2010 für das beste deutschsprachige Prosadebüt ausgezeichnet.

»Einladung an die Waghalsigen« bei TUBUK »

Zur Edit Nr. 51 bei TUBUK »

Zur BELLA triste 28 bei TUBUK »

Zum poet Nr. 9 bei TUBUK »

10:56 20.05.2011
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Geschrieben von

TUBUK

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