»Ich wollte von dieser Welt erzählen«

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Constantin Göttferts düster funkelnder Roman: Satus Katze (Bild: Hisashi)

Was geschieht hier? Ein junger Student sitzt im Caféhaus in Wien und wird durch das Bild einer schwarzen Katze und eine finnisch sprechende junge Dame an ein unerhörtes Erlebnis aus seiner Vergangenheit erinnert – dann beginnt er zu erzählen...

Constantin Göttfert hat einen düster funkelnden, präzise konstruierten Roman geschrieben: In »Satus Katze« stößt ein junger Österreicher auf eine komplexe Familiengeschichte, der er sich bald nicht mehr entziehen kann. Und immer wieder taucht eine mysteriöse schwarze Katze auf, die nichts Gutes verheißt. Im Interview erzählt er, wie »Satus Katze« entstanden ist.

Lieber Constantin, wenn man dein Buch liest, bekommt man ein anderes Bild von Katzen. Eine schwarze Katze und die finnische Mythologie spielen dabei eine große Rolle. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Mit der finnischen Mythologie bin ich schon während meines Aufenthaltes in Finnland vor zehn Jahren in Berührung gekommen. Ich war fasziniert von den Geschichten der Helden, die so anders waren als die Sagen, die ich aus meiner Heimat kannte. Das »Kalevala« ist auch ein sehr lustiges Epos mit grotesken und im wahrsten Sinne zauberhaften Ideen. In einer Szene fischt eine Mutter mit einer Harke die Leichenteile ihres Sohnes aus dem Totenfluss und näht sie am Ufer wieder aneinander. Der Sohn beginnt wieder zu leben, rennt ihr aber gleich wieder davon, um sich erneut in Lebensgefahr zu bringen. Auf die Katze kam ich ursprünglich auch durch ihre Erwähnung im »Kalevala« – im Vergleich zur christlichen Darstellung ist sie dort ein riesiges Tier, das einen Wagen mit Gefangenen zieht. Ich wollte dann eine Verbindung von der Katze im Kalevala und jener in christlichen Vorstellungen finden. Bei der Lektüre von christlichen Texten aus der frühen Neuzeit haben sich dann immer weitere Ideen entwickelt.

Man lernt viel über Finnland, wenn man »Satus Katze« liest, bekommt aber auch ein zwiespältiges Bild dieses Landes, das landschaftlich schön, aber auch bitterkalt und unwirtlich ist. Wie ist dein Verhältnis zu Finnland?

Meine Zeit in Finnland vor fast zehn Jahren war eine ganz wunderbare Zeit. An die Dunkelheit gewöhnt man sich, auch an die Kälte. Eine Frau, die ich dort kennenlernte, hat mir immer wieder vom Ort ihrer Kindheit erzählt. Eines Tages sind wir dort hin gefahren: Es waren zwei Holzhütten an einem See dutzende Kilometer tief im Wald, kein Strom, keine Müllabfuhr, kein fließendes Wasser. Natürlich waren da ganz andere Gefahren präsent als in meiner Kindheit: Es gab die Erzählung von Elchen, die im Frühjahr vor Wolllust die Wohnungstüren einrennen, von Bären, die frühmorgens auf der Suche nach Nahrung über die Terrasse streifen, Wasserschlangen, die Kälte, usw. Dieses Aufwachsen in ständigem Kontakt mit der Natur, also auch in Kontakt mit ihren Gefahren, hat mich fasziniert. Ich wollte von dieser Welt erzählen.

Der Erzähler ist ein österreichischer Stipendiat im finnischen Oulu, der langsam in ein dichtes Geflecht aus zwischenmenschlichen Beziehungen hineingezogen wird. Wie hast du diese Handlung entwickelt und es geschafft, den Überblick zu behalten?

Ich lasse mich anfangs immer gerne von allen Ideen verführen. Aber irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man mehr Übersicht benötigt. Man tritt einen Schritt zurück und versucht, das Ganze zu sehen. Das war eine Zeit, in der ich viel spazieren gegangen bin und über die Struktur nachgedacht habe, Szenen umgestellt und gestrichen habe. Vieles hat sich dann gut gefügt, immer halb im Blindflug, halb unter Sicht.

Als er aus Finnland zurückkommt, sieht dein Erzähler Wien mit anderen Augen. Wie sieht man die Welt – oder sollte sie sehen –, wenn man »Satus Katze« gelesen hat?

Also ich will eigentlich niemanden dazu bringen, die Welt nach der Lektüre meines Buches anders zu sehen. Mir ging es darum, eine Welt zu erzählen, die ein Stück anders ist, aber deswegen nicht weniger real. Im Text geht es auch darum, wie man sich die Welt gegenseitig erzählt und sich erklärt, warum etwas so ist wie es ist. Was uns wieder in die Welt der Sagen bringt.

Noch eine Frage zu dem Finlandia-Wodka, der gerade gegen Ende des Buches in hohen Dosen konsumiert wird: Kannst du den empfehlen? Oder ist er eher als abschreckendes Beispiel gedacht?

Empfehlung will ich keine aussprechen, aber ich hatte schon Erfahrung mit Finlandia Wodka, vor allem damals zu den »vappu« Feiern, bei denen ganz Finnland vom Busfahrer bis zum Bundespräsidenten – wie man in Wien sagt – »blunzenfett« ist. Alkoholismus ist in Finnland tatsächlich immer noch ein großes Problem. Auf einer Busfahrt saß damals ein völlig besoffenes Mädchen neben mir. Es war vielleicht zehn oder elf Jahre alt und war halb bewusstlos in den Sitz hineingesunken. Das hatte ich davor noch nie gesehen.

Constantin Göttfert, geboren 1979, lebt als freier Schriftsteller in Wien, studierte Germanistik in Wien und besuchte das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig. Er veröffentlichte bislang drei Prosabände, zuletzt »In dieser Wildnis«, und erhielt eine Reihe von Preisen und Stipendien. »Satus Katze« ist sein erster Roman.

11:40 29.07.2011
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Geschrieben von

TUBUK

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