»Richard Tauber war Musik«

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»Morgen muß ich fort von hier«: Evelyn Steinthaler hat die Geschichte des Startenors Richard Tauber aufgeschrieben, der in den 1920er Jahren für Furore sorgte und dann von den Nazis vertrieben wurde. Wie sie darauf gekommen ist und was uns Taubers Musik heute noch sagen kann, erzählt sie im Interview!

Wie kommt man auf die Idee, eine Biografie über einen fast vergessenen Startenor zu schreiben?

Eine persönliche Schwäche für populäre Musik der 1920er und 1930er Jahre, Interesse an campen Inszenierungen, dazu eine langjährige journalistische Beschäftigung mit Künstlerinnen und Künstlern, die in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus vertrieben oder umgebracht wurden – und letztlich die Arbeit an einem Reiseführer über das jüdische London. Da wurde mir klar, dass Richard Tauber wie sein Freund und Kollege Joseph Schmidt vertrieben worden war. Und dass über Taubers Exil viel weniger bekannt ist, als eben zum Beispiel über das Exil Josesph Schmidts.

Richard Tauber wurde 1933 aus Deutschland vertrieben, 1938 verlor er seine österreichische Heimat. Ein Beispiel von vielen, wie Künstler durch die Nazidiktatur unterdrückt wurden, oder wie war es in diesem speziellen Fall?

Tauber war einer von vielen vertriebenen Künstlern, dennoch war sein Fall speziell: die Nationalsozialisten hatten sich bereits Ende der 1920er Jahre klar gegen Tauber positioniert. Wenige andere Künstlerinnen oder Künstler wurden wie Tauber von der NS-Propaganda über Jahre hinweg missbraucht.

Richard Tauber war in der Zwischenkriegszeit enorm erfolgreich und und führte ein Luxusleben. War Tauber ein Popstar?

Tauber war ein Popstar, unbedingt. Er war der erste Künstler, der die Medien für sich zu nutzen wusste – also auch die Öffentlichkeit an seinem Privatleben teilhaben ließ. In Montevideo gab es zum Beispiel meterlange Plakatwände mit Taubers Konterfei, wenn er in der Stadt war um Konzerte zu geben. In der deutschen Wochenschau gab es in den 1920er Jahren Stummfilme, die Tauber bei Plattenaufnahmen zeigten. Wenn er eine Kehlkopfentzündung hatte, schrieben nicht nur deutsche oder österreichische Zeitungen über Taubers Befinden, sondern auch schwedische, amerikanische und australische Zeitungen. In Berlin wurde der Verkehr wurde für Tauber angehalten. Beim Berliner Sechstagerennen im Sportpalast sang Tauber und die Zeitungen berichteten von einem rasenden Publikum. Er war der erste Sänger, der die Konzertbühne verließ um für sein Publikum zu singen. Nicht selten fielen Frauen bei seinen Auftritten in Ohmacht. Ja, es gab sogar Lieder von anderen Künstlern, wie von Willy Rosen, über Taubers Wirkung auf Frauen.

»Morgen muß ich fort von hier«, »Dein ist mein ganzes Herz«: Was können uns die, ich nenne sie mal »Songs« von Richard Tauber heute noch sagen?

Tauber hat hauptsächlich Lieder gesungen, die von Sehnsucht, Begehren, Liebe, Verlust handeln. Themen, die auch heute durchaus ihre Gültigkeit haben. Er war nicht der Einzige, der diese Lieder gesungen hat, auch wenn solche wie »Dein ist mein ganzes Herz« speziell für ihn geschrieben wurden. Taubers Interpretationen unterscheiden sich aber ganz klar von jenen anderer Sänger, da er, egal was, nicht einfach nur das Lied gesungen hat, sondern es hörbar mit jeder Faser seines Körpers war. Tauber war Musik. Er war auch der einzige Topstar unter den Tenören jener Zeit, der auch Komponist und Dirigent war.

Gibt es einen Künstler, den du heute mit Tauber vergleichen könntest? Vielleicht auch aus der Popbranche – wenn man Tauber als Popstar der Zwischenkriegszeit gelten lassen würde?

Tauber war sehr an einer Breitenwirkung seiner Kunst interessiert. Er war alles andere als elitär. Von seiner internationalen Präsenz, seinem Einfluss, seinen Inszenierungen und seiner Weigerung sich an Grenzen zu halten, würde ich ihn am ehesten mit Madonna vergleichen.

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Evelyn Steinthaler: »Morgen muß ich fort von hier« Richard Tauber: Die Emigration eines Weltstars Milena Verlag, 250 Seiten 23,00 €. Zum Buch bei TUBUK »

09:51 22.07.2011
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