Sommergeschichten: Im Freibad

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Eine Sommergeschichte von Janine Lancker

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„Die muss jetzt fürs ganze Jahr reichen.“ Denk ich und dreh meinen Oberkörper in die Richtung, aus der sich die Hitze herabsenkt. Sonne tanken. Ich lass sie über und durch die Haut in mich eindringen, da bleibt dann ein warmes Gefühl zurück, das hoffentlich in den Herbst hinein reicht. Energiereserve für die arbeitsreiche, kalte Jahreszeit. So denk ich mir das. Und so verbringe ich jede freie Minute des Sommers damit, mich der Sonne auszusetzen. Heute im Freibad…

Hier ist tatsächlich alles wie immer. Die Mädchen sitzen am Beckenrand rum, lächeln und erwarten, dass den anderen Mädchen auffällt, dass sie einen neuen Bikini tragen. Den Jungs muss das nicht auffallen, da zählt die Gesamtwertung. Die Jungs nehmen sich den Raum, den sie brauchen. Die Mädchen sind ihnen da erstmal egal. Zunächst werden alle umliegenden Mülleimer auf der Liegewiese zusammengetragen und daraus Fußballtore und Platzbegrenzungen gebaut. Mein Handtuch befindet sich innerhalb des Spielfelds. Zu dumm. Mein Liegenbleiben kann durchaus als mutiger Erfolg gegen eine Ballphobie gewertet werden, deren Ursprung mir nicht bekannt ist −. Es ist wirklich bemerkenswert, mit was für einer Leichtigkeit und Raffinesse die Nachwuchsspieler es vermögen, über mich hinweg zu tänzeln. Danach geht´s zum Beckenrand: Grölende Arschbomben. Hinterher zum Turmspringen. Nur wenige trauen sich vom Zehner, aber alle stehen mal oben und schauen runter in den blitzeblauen Pool. Zwei volle Stunden und drei grüne Frozen Drinks später: ausgetobt, nun sind endlich die Mädchen dran: Eins nach dem anderen wird unter quietschigem Gekreische ins Wasser geschmissen.

Ein paar Mädchen bei der Schwimminsel in der Mitte haben mit der ganzen Sache nichts zu tun. Ihre Augen sind vom vielen Tauchen üben schon ganz rot, ihre nassen Haare verkleben ihnen das Gesicht und vom häufigen Reinspringen und Geraufe haben sie überall blaue Flecken. Wenn das Bad schließt, werden sie sich draußen auf ihre Mountainbikes schwingen und an einem Sahneeis lecken. Sie brauchen nicht viel Platz, um frei zu sein. Ein wildes, stilles Arrangement…

Ich liege in der Sonne und bin beruhigt, dass hier alles noch so läuft, wie es meinem Gefühl nach immer im Freibad lief. Die Welt drum herum hat sich verändert. Klar. Davon ist hier nichts zu merken. Keine Handys, Laptops, Gameboys und dergleichen. Keine Musik, die einen Trend aufzeigt. Die Dauerrenner im Imbisshäuschen sind nach wie vor Pommes rot/weiß und Currywurst.

Langsam wird es kühl. In einer halben Stunde wird geschlossen. Ich bin gut aufgeladen für heute. Aber für den Herbst reicht es noch nicht. Da muss noch Hitze ran. Allen Hautärzten zum Trotz: Ich hoffe auf weitere vier, fünf Tage strahlenden Sonnenschein bei 35 Grad!

Zur Autorin:

Janine Lancker wurde 1979 in Bremen geboren. 2009 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Weiße Frucht im Verlagshaus J. Frank. Es enthält Kurzprosa, Adaptionen Grimmscher Märchen und Gedichte.

Um nach einem entbehrungsreichen Winter den Sommer gebührend zu würdigen, haben wir unsere Autoren nach ihren Sommergeschichten, Plänen und Sommertipps gefragt. In den kommenden Wochen präsentieren wir dir nun wöchentlich Sommergeschichten bei TUBUK. Viel Spaß beim Lesen!

14:17 28.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

TUBUK

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