Über das Nichtzurechtkommen-Zurechtkommen

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Torp ist nicht so wie alle anderen. Er hat eine eigene Sprache, vertreibt sich die Zeit mit ungewöhnlichen, aber harmlosen Hobbys wie dem Abzeichnen von Pflanzenschatten an seiner Zimmerwand. Aber eins steht fest: Ohne Torp wäre die Welt ein bißchen grauer. Fünf Fragen an Ron Winkler, die das Projekt Torp umkreisen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Torps Geschichte zu erzählen?

Spontan. Ungefähr in den Vierzigern des vergangenen Jahrzehnts stieß ich auf einen Namen, den ich noch nicht preisgeben möchte, beziehungsweise nicht mehr. Es passierte in einer Wohnung, die ich zum Schlafen und zur Aufbewahrung diverser Verlängerungskabel benutzte und die ich nicht oft, aber auch nicht selten verließ. Erwähnte Person war der vorherige Mieter der Wohnung gewesen und hatte interessante Spuren hinterlassen. Eine fürsorglich um einen Gaszähler herum gebaute Vitrine, in der Küche eine unbekannte Berglandschaft als Fototapete und dann so Dinge wie Rollschuhe, die serienmäßig nur eine Achse besaßen. Auf dem Dachboden die zurückgelassenen Schachteln verschiedener Streusande, deren Fundorte und Wirkung aufs Gemüt ein kleines Oktavheft verzeichnete. http://blog.tubuk.com/wp-content/uploads/2011/02/torp-illustration-1-450.jpg

Ein Typ, so vermute ich, der wochentags in Frotteehosen zu erleben ist, die seine Knöchel nicht erreichen, und sonntags einen stilvoll ausgewaschenen Sonntagsjogginganzug trägt. Insgesamt drängte sich mir die Vorstellung eines Menschen auf, der zu gleichen Teilen Hipster und Hausmeister ist. Vorname vermutlich Nolo-Bertachar. Eine Figur jedenfalls, so wollte ich es, die das Irrationale und Irreguläre fast zwangsläufig an und auf sich zieht und die damit verbundenen sozialen Komplikationen durchaus zu genießen weiß.

Wenn er das Haus verlässt, »kommt er auf die Welt« und ab und zu »besucht er sich selbst«. Was ist in Torp gefahren?

Ich denke, er versucht, sich einer Kasernierung durch bestimmte (wenn auch eigentlich sanfte) Zwänge zu entziehen – was manchmal wiederum zu anderen Fatalitäten führt. Ihn reizt die Höhenluft des Unjustierten, des Solitären, des freien Spiels mit den Routinen und Gegebenheiten. Würde er auf dem Land leben, baute er wahrscheinlich von Horizont zu Horizont seiner Erfahrung die blaue Blume der Romantik an. Torp ist ein Hypertroph, ein Feingeist, der alles richtig machen will und im Gegenzug auch will, dass die Welt um ihn herum alles richtig macht. Das verlangt natürlich immense Rechenleistung. Glücklicherweise hält ihm ein Freundeskreis den Rücken frei, so dass er viel Zeit auf seine humanistische Ziselierarbeit und sein ornamentalisches Denken verwenden kann.

Ist Torp vielleicht ein Kinderbuch für Erwachsene?

Nur etwa in dem Sinne, wie es sich bei Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille um eine Beuysbiografie handelt. Oder wie die Bibel eine Bibel für Bibelleser ist. Man könnte das Buch Torp als Kontaktanzeige zum Kennenlernen seiner selbst verstehen, aber auch als Handbuch zum Verständnis einer doch einigermaßen torphaften Welt (im Text ist einmal vom Morbus Torp die Rede). http://blog.tubuk.com/wp-content/uploads/2011/02/torp-illustration-2-450.jpg

Was können wir von Torp lernen?

Möglicherweise, dass man noch das Profanste als auratisch erleben kann. Torp wirbt, wenn man so will, für ein literarisches Sein. Er würde zum Beispiel Schnee als Fließen empfinden, als Fortsetzung des haptischen Ereignisses im Labor der Psyche. Der große Reiz an diesem Projekt besteht für mich darin, einen Raum zu öffnen, in dem das Phantastische und Groteske von hoher Plausibilität sind. Torp steht im Grunde für eine Welt der überbordend absonderlichen Verhaltensweisen, für utopisches, aber demgegenüber auch düsteres Strampeln innerhalb einer permanenten Décadence.

Wie viel von Torp steckt in dir selbst?

Genetisch gesehen einiges. Mehr jedenfalls als von Monsieur Plume. Sodann ist er nicht so lehrliterarisch verklemmt wie zu großen Teilen das Konstrukt Keuner aus der Feder von Brecht. Torp wird nicht angewendet. Auch wenn in ihm ein Fatzer nistet und ein Jean des Esseintes. Mir war und ist wichtig, dass er bei aller Dehnbarkeit biografisch konsistent bleibt. Natürlich ist er auch ein Modell, um verschiedene Wesenszüge und Wesenheiten zu illustrieren, aber er dient nicht als Klon, auf den man möglichst viele Skurrilitäten und Persönlichkeitsbilder projiziert. Die Frage ist indiskret, aber es gibt zweifelsohne etwas von uns allen, das in Torp steckt – in erster Linie dieses Nichtzurechtkommen-Zurechtkommen, aus dem heraus wir leben.

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Ron Winkler (Foto: Christiane Wohlrab) wurde 1973 geboren. Er hat die Gedichtbände »vereinzelt Passanten«, »Fragmentierte Gewässer« und »Frenetische Stille« veröffentlicht und ist Herausgeber der Anthologien »Schwerkraft – Junge amerikanische Lyrik« und »Die Schönheit ein deutliches Rauschen«. Außerdem hat er Werke von David Lerner, Sarah Manguso und Forrest Gander aus dem Englischen übersetzt. »Torp«, sein neues Buch, ist 2010 im Verlagshaus J. Frank erschienen. Die Illustrationen, von denen ein Teil hier zu sehen ist, stammen von Pètrus Åkkordéon.

19:04 03.02.2011
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Geschrieben von

TUBUK

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