Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

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(Foto: Vasili Bakalos)

Xaver Bayer erzählt im Interview mit TUBUK über seinen neuen Roman, der aus einem einzigen Satz besteht. Ein Gespräch über Cut-up, filmisches Erzählen und die Freude am Reisen.

Lieber Xaver, dein neues Buch ist ein Experiment: In einem langen Satz macht das erzählende Ich eine Beobachtung nach der anderen und verknüpft diese zu neuen Empfindungen. Wie bist du auf die Idee gekommen, den Roman in dieser Form zu schreiben?

Ich hatte seit einigen Jahren schon die Idee, einen ganzen Tag, vom Erwachen bis zum Einschlafen, möglichst deckungsgleich mit der Wirklichkeit zu protokollieren, also mit allen vermeintlichen Nebensächlichkeiten und Bedeutsamkeiten, allen Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen, Phantasien, Bewegungen, Handlungen, Äußerungen. Freilich würde das ausufern, also habe ich mich hier auf eine kürzere Zeitspanne beschränkt. Und da der Fluss der Gedanken in meinem Kopf nie wirklich abreißt, höchstens springt oder changiert, lag es auf der Hand, sich diesem Lauf oder Verlauf in der Form anzugleichen. Mir schwebte auch so eine Art von natürlicher Cut-up-Methode vor. Außerdem mag ich, dem Sprachmelodie und -rhythmik wichtig sind, musikalische Stücke, die durch Rhythmik und klangliche Wiederholungen oder Monotonien eine hypnotische Wirkung erzeugen, was ja von manchen Leuten, insbesondere die neuere Musik betreffend, als Motorik-Sound bezeichnet wird. Ich habe also versucht, etwas hinzubekommen, das sich diesen Vorstellungen annähert.

Ich habe mich an einen Film erinnert gefühlt, der in einer langen Einstellung, ohne Filmschnitt, gedreht wird. Bist du vielleicht auch durch filmisches Erzählen beeinflusst?

Freilich. So schätze ich zum Beispiel die sorgfältige und ausführliche Weise, wie Ozu seine Filme gedreht hat, sodass im Fluss der Erzählung die große Bedeutung der Nuancen angedeutet wird, denn sie sind es ja meistens, die wie unsichtbare Zwerge den Alltag tragen. Aber auch das Zerhackte des von Bild-zu-Bild-Fallens oder -Springens beim Fernsehen oder beim Internetsurfen, das Digitale, beeinflussen mich, wobei ich oft das Gefühl habe, dass sich so ein Bildertrubel zu einem surreal-systemischen Gebilde verselbständigt, so eine Art von lebendem Merzbau vielleicht.

Beim Lesen hat man das Gefühl, der Text erschafft eine eigene Wirklichkeit. War es schwer, den Strom von Empfindungen, der scheinbar ganz natürlich vor dem Auge des Lesers abläuft, so zu beschreiben?

Ich habe seit zwei, drei Jahren ein Notizbuch geführt, in das ich Beobachtungen und Gedankengänge oder auch nur einzelne Wörter eingetragen habe, und das habe ich – dem oben erwähnten Vorhaben entsprechend – vom ersten bis zum letzten Moment des Bewusstseins an einem Tag in Hinblick auf eine zukünftige Verwendung gefüllt. Ich habe dann nur gemerkt, dass es zum einen eben zu umfassend werden würde, und zum anderen hat es begonnen mich zu langweilen, etwas sozusagen für später anzuhäufen, etwas zu horten. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht, als ich fühlte, dass mir bei noch längerem Warten mit diesem Projekt das Interesse abhanden kommen könnte.

Du lässt in deinem Buch zahlreiche Reiseerfahrungen anklingen, darunter Paris und Asien. Was bedeuten für dich Reisen und Schreiben?

Eine gute Kombination. Man ist aus dem Häuschen, und das ist der Phantasie zuträglich.

Vielen Dank für das Gespräch!

http://tubuk.com/assets/cover/detail/detail_wenn-die-kinder-steine-ins-wasser-werfen.jpgXaver Bayer wurde 1977 in Wien geboren, wo er auch lebt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2008 mit dem Hermann-Lenz-Preis. »Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen« ist sein fünfter Roman. Er ist im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen.

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16:15 09.03.2011
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