Wenn etwas bleibt, wäre alles umsonst gewesen

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Eine Sommergeschichte von Stefan Petermann

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Wenn schon eine Apokalypse dann diese, sagst du und in deinen Augen spiegelt sich ein atemberaubendes Weltende wider.

Wir liegen am Strand, den Kopf voll von hübschen romantischen Vorstellungen und der Sehnsucht nach Dingen, die längst zerstört sind. Wir verhalten uns so zauberhaft, wie das von Menschen unseren Alters erwartet wird. Denken uns Sommergeschichten aus, so wunderbar, dass Filme davon erzählen könnten, Filme, in denen die Helden ihre Probleme lösen, indem sie zum Meer fahren. Am Meer aber beginnen die Schwierigkeiten erst. Davon weiß nur, wer einmal dort gewesen ist.

Jede Insel ist eine Fußnote des Festlandes und der Meeresspiegel eine zufällige Größe. Wenn niemand hier Sand aufschüttet, verschwindet auch dieser Ort. Hiddensee ist sowieso schon viel zu klein. Kreidefelsen krachen ins Wasser. Die Flutwellen verschlingen den Leuchtturm, jagen über den Dornbusch hinweg und überschwemmen den Gellen. Die Wurzeln des Strandhafers reißen entzwei. Dünen brechen. Wenn schon eine Apokalypse dann diese, sagst du und in deinen Augen spiegelt sich ein atemberaubendes Weltende wider. Pferdekutschen treiben vorbei und Hunde mit ihren Besitzern an Leinen geraten in Strudel. Ein Andenkenladen läuft voll mit Ostseewasser, in Bernstein eingeschlossene Insekten sinken zum Meeresgrund. Sonnenmilch wird von Nacken und Schenkeln gewaschen. Nur am Himmel glänzt ein Kondensstreifen, den es dort nicht geben dürfte. Von hier aus gesehen wirkt die Sonne einsamer, als wir es jemals waren.

Wir haben getanzt auf dem Diskoschiff, das vier Stunden durch den Bodden pflügte. Wir sind mit den Schuhen in den Händen einmal die Insel abgelaufen. Haben im Naturschutzgebiet fremde Tiere aufgescheucht. Aber was wäre, wenn sich in diesem Sommer nichts von Bedeutung zugetragen hätte; keine Leben verändert, niemanden getroffen, der für immer an unserer Seite bliebe, kaum Orte bereist, die neue Sichten eröffnet haben, selten Bücher gelesen und Sätze daraus auf die Knöchel tätowiert? Was wäre, wenn dieser Sommer unscheinbar bliebe, so blass, dass wir nur unsere Handys in die Luft halten und gemeinsam die Zungen herausstrecken könnten, um wenigstens etwas von Bedeutung zu schaffen? Was wäre, wenn dieser Sommer unsere Namen tragen würde?

Es wird still. Wellen kräuseln sich. Möwen suchen nach Landeplätzen und finden den unteren Teil eines abgebrochenen Strommasten. Vom Norden her zieht schon die Kälte auf. Nichts deutet auf die Anwesenheit von Menschen hin. Endlich sind wir sicher.

Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau, Sachsen geboren. Neben verschiedenen kürzeren Beiträgen sorgte er mit bereits mit einem Roman für Aufmerksamkeit: Der Schlaf und das Flüstern ist 2009 im asphalt & anders Verlag erschienen. Stefan Petermann lebt in Weimar. Zur Zeit arbeitet er an seinem nächsten Buch, einem Band mit Erzählungen.

15:56 26.08.2010
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TUBUK

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