Zwischen Kalbshaxe und Traubisoda

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Go Yugo? Die Kocsis fahren lieber Chevrolet (Historische Werbeanzeige)

Neben den wöchentlichen Bestsellermeldungen aus den Branchenmedien sollte man eins nicht vergessen: Melinda Nadj Abonji, die mit »Tauben fliegen auf« für den größten Überraschungserfolg der Frankfurter Buchmesse 2010 gesorgt hat, kann einfach umwerfend gut erzählen. Vom alten Jugoslawien bis zur Schweiz von heute.

Wenn man ihren inzwischen in siebter Auflage lieferbaren Roman aufschlägt, wird man ab der ersten Seite in die Zeit einer längst vergangenen Kindheit hineingezogen. Es ist die Geschichte einer Heimkehr, einer von vielen noch, die die Familie Kocsis in die Vojvodina unternimmt, die eigentlich eine kleine Provinz im damaligen Jugoslawien ist. Genauer gesagt stammt die Familie aber aus der dort beheimateten ungarischen Minderheit. Und damit ist man schon mitten im Geschehen. Rauschende Feste (eine Hochzeit steht an!) mit allerlei Köstlichkeiten (darunter das sagenumwobene Getränk Traubisoda, das viel besser schmeckt als Coca Cola!) und Verwandten, bei denen man ab der fünften Seite das Zählen aufgibt: All das rauscht in Abonjis nur so dahinschnellendem Erzählfluss vorbei, dass es eine Freude ist.

Doch die Kocsis sind in ihrer Heimat nur noch zu Gast. Neue Wurzeln schlägt die Familie in der Schweiz, in einer kleinen, reichen Gemeinde am Ufer des Zürichsees. Dort bekommt sie die große Chance, ein Café zu eröffnen. Auf dem Eröffnungsmenü stehen vorbildlich schweizerisch »Kalbshaxe mit Kartoffelstock und Rübli«. Doch das Leben im neuen Land ist nicht so einfach, wie Ildiko, die Tochter und Erzählstimme des Romans, schon früh merkt:

Dire direkte Demokratie, meine eigenwillig komische Vorstellung, damals, als ich in der Primarschule davon gehört habe, wir sind das Sinnbild der Urdemokratie, sagt meine Lehrer, und weil er »wir« sagte, gehörte ich natürlich auch dazu, obwohl »wir« damals noch einen jugoslawischen Pass hatten, ich also noch keine Papierschweizerin war, wie man später da und dort sagen würde. Mein Primarlehrer hatte nichts gegen Ausländer, wie er einmal sagte, für ihn zähle nur die Leistung, das gehöre dazu, zu einem Menschen, der urdemokratisch eingestellt sei, gleiche Chancen für alle!, mein Lehrer, der sicher damit zu tun hatte, dass ich mir die direkte Demoraktie als ein Heer vorstellte, viele, wehrhafte Soldaten, die in Reihe und Glied standen, mit einem unbestechlichen Gesicht, weil sie etwas Wichtiges verteidigen mussten, nämlich die Idee, dass alle die gleich Chancen haben.

(»Tauben fliegen auf«, S. 53)

Ein schwungvoll und gewitzt erzähler Roman, aber auch einer, der die konkurrierenden Sichtweisen zwischen Ost und West, Heimat und Fremde und Zürich und der Vojvodina zum Thema hat. Und damit seine Bestsellerplatzierung auch verdient.

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Melinda Nadj Abonji in Zürich (Foto: Gaetan Bally)

http://tubuk.com/assets/cover/detail/detail_tauben-fliegen-auf.jpgMelinda Nadj Abonji: »Tauben fliegen auf«.

Jung und Jung Verlag, Salzburg, 2010.

304 Seiten, 22,00 Euro

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15:05 09.11.2010
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