25.12.2010 (nach unserer Zeitrechnung)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die ganze Woche wehte der Lodos (stellt ihn Euch in etwa als Föhn vor) und die Sonne schien warm, zu warm für jeden Pullover. In manchen Jahren, so erinnere ich, ist es aber auch bitter kalt, fast null Grad (Schnee haben wir hier noch nie gehabt). Betlehem hat wohl ein noch wärmeres Klima? Und bei Euch in Europa reden sie beständig von “Weisser Weihnacht” (bitte sehr) (Ist das nun eine Lüge oder nicht?)

Hier ist es ein ganz normaler Tag, wir konnten gestern Abend gegen Sieben noch gut einkaufen, die ersten Marktstände (heute ist in Turgutreis Pazar) waren auch schon aufgebaut, der Schlachter (“kasap”) mit Messer und Wetzstahl zur Stelle. In den Kleidergeschäften wird in dieser Woche vor allem rote Unterwäsche verkauft. Es ist hier Sitte, zum Neujahr einen Slip zu schenken (arme Jessica Rabbit, die nie einen trug): ist er rot, wird das kommende Jahr voller Liebe sein, weiss: Geld, gelb: Gesundheit. In den Schaufenstern ausschliesslich rote Ware.

In den Zeitungen auch völlig “normale” Meldungen:

en.cumhuriyet.com/?hn=202076

www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=women-academics-discuss-glass-ceiling-for-the-women-2010-12-24

www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=wherever-you-are-in-turkey-it-is-officially-somewhere-else-2010-12-24

Ah ja, die Mandarinen erinnern an früher:

Die Bodrumer Mandarinen haben zwar Kerne, sind aber nach allgemeiner Ansicht unübertroffen im Geschmack. (Dieser Text wurde gefördert von Kemer Mandarinengärten Inc.) Überall am Bazar, aber auch am Rand der Gärten und an Strassenecken sind Verkaufsstände und von weitem sieht man die goldenen und orangen Gebirge leuchten. Die entsprechenden Verkäuferinnen (denn ein echter Mann arbeitet nicht!) sitzen ein paar Meter entfernt in Unterschlupfen – es regnet ja auch mal – die sie sich kunstvoll aus Waschmaschinenverpackungen zugeschnitten haben… Ach ja, ich erinnere mich, zu Weihnachten in den Fresstellern... Wir sind hier an der Quelle.

Die “Oasis” und Bodrums Einkaufsstrassen sind mit Lichterketten und mit künstlichen Tannenbäumen, mit Girlanden und Noel-Baba-Mützen dekoriert. Das dient zwar dem Verkauf - aber habe ich in Europa je Festdekorationen zum Şeker-Bayram gesehen?

Vor ein paar Jahren saß ich auch in Turgutreis (Das Lokal heisst heute längst anders):

Zoom (Die Geheimnisse von Mikro- und Makrokosmos)

Ich sitze draussen vorm Dost Kapısı, unterm Tisch Sütlaç, der auch von den Köfte abbekommen hat. Turgutreis brummt vor Geschäftigkeit. Es ist so warm, dass ich den Pullover ausziehen muss. Wie schön, nicht in Gegenden mit Weihnachtsgeschäft zu sein! Der Eukalyptusstamm mir gegenüber, schlanker und weiblicher als der in Bodrum, macht Landkartenmuster mit seiner Rinde, in braun, fahl und grün. Ich zoome mich heran, um auch die kleineren Formen zu sehen. Das ist eine Halbinsel und eine Meeresbucht! Näher. Ein Ufer, kleine Punkte und Pünktchen wie eine Siedlung. Aber die Hütten und Höhlen werden nicht von Menschen, sondern von winzigen Läusen bewohnt. Sie stapeln Honigvorräte für den Winter. Unablässig fühlen sie mit den Fühlern. Einige von ihnen werden eben von Ameisen gemolken. Uhhh, das kitzelt!! Die Haut, oder besser der Chitinpanzer der Läuse ist schorfig und schrundig. In den Ritzen haben sich winzige Parasiten angesiedelt. Sie wurden bisher weder von Linné noch von Humboldt entdeckt und schon gar nicht von Merian gezeichnet. Anstatt der Gliedmassen haben sie Hyrtze, und ihre Sinnesorgane sehen Földen ähnlich. Über ihren Stoffwechsel ist nichts bekannt, ich sehe aber nach weiterem Heranzoomen, dass er außen auf der Blirst stattfindet. Da ich diese Wesen entdeckt habe, kommt es mir auch zu, sie zu benennen: Xusen. Im struppigen Irft der Xusen sind wiederum Details auszumachen...

Doch ich werde ganz blicklos vor lauter Entdeckungen. Ist das eine Epiphanie am Nachmittag? Dann schnell mal ins Makrokosmische weggezoomt! Rasend schnell entfernt sich der Blickpunkt von der Restaurantterrasse, es zeigt sich das ganze Viertel bei der zweiminarettigen Moschee (auch Allah liebt Zweimaster), dann die gesamte Siedlung, langgestreckt am blauen blauen Meer, dann die Bodrumhalbinsel mit den umliegenden Archipeln, die Türkei – längst ist Turgutreis im weissblauen Dunst unkenntlich geworden – Eurasien, der ganze Globus als gleichmütig dahinschwebende Kugel. Weiter! Andere Planeten, dann andere Sonnen mit ihren Planetensystemen kommen in Sicht, es sieht doch sehr einem Atommodell mit den Kernen und den drumrum tanzenden Elektronen ähnlich („Das sieht Dir ähnlich!“ sagte Eva, als sie Adam erblickte, zum Schöpfer) Aus den Systemen werden Galaxien und Sternennebel und mit zunehmender Entfernung nimmt alles eine Gestalt an. Oh!!! Es ist ein riesiger Elvis mit Gitarre vor dem Leib, der da wie verrückt seine Songs singt und spielt. Zuerst „Don't step on my blue suede shoes!“, dann „Are you lonesome tonight?“ Die Erde, also wir, muss da irgendwo in seiner Beckenregion sein. Elvis the Pelvis! Und wir merken hier in Turgutreis nichts von seinen Verrenkungen – wir spüren ja auch nichts davon, wie die Erdkugel mit irrsinniger Geschwindigkeit durchs All rast. Nur manchmal, ganz selten, vermögen wir in der Schwärze der Nacht sein zweites Lied zu hören...

Ich zahle, binde Sütlaç los und fahre nach Hause.

Noch ein Textstummel aus früheren Jahren:

Selbst am kältesten Tag des Jahres kann man draussen sitzen, in der Sonne und deren Wärme im Nacken spüren. Ein älterer Mann prostet mir zu, später sagt er „au revoir“ zu mir. Hoffe, ihn wiederzusehen. Ich überlege, wo wohl Steves Kirche ist, irgendwo im Gebäude hinterm Bazar, eine Privatwohnung vielleicht. Ich werde grosse Granatäpfel kaufen, die leuchten und schwer in der Hand liegen. Heute wird außer Pembe Teyze auch noch Pembe Amca und Pembe Abla hinterm Obst sitzen. Alles ist beruhingend unweihnachtlich und alltäglich. Ahmedinedschad hat grad im TV vorgeschlagen, die Israeli doch in Deutschland anzusiedeln. Harry Rowohlt findet diesen Vorschlag wunderbar. Der deutsche Literaturbetrieb würde mit einem Schlag aufblühen, die Nachrichten von hinreissenden Sephardinnen anstatt von Bauerntrampeln verlesen und die deutschen Neonazis würden von ihrem judenlosen Antisemitismus befreit und endlich echt auf die Fresse kriegen.

10:17 25.12.2010
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Türkei alle Tage

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