Die schwarze Fliege

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(Dies ist ein weiterer Text aus Bodrum-Stadt. Er gilt aber - Wallahi Billahi!- für überall hier)

Für Hunde ist hier das Paradies. Niemand beschwert sich über nachts bellende Wachhunde. Die beiden Rottweiler des Nachbarn, einer im Garten und einer vor dem Hauseingang, erschrecken täglich Passanten zu Tode und ich warte auf den Tag, da sie in Raserei über die Blumentöpfe hinüber zu uns gelangen. Bonçuk, der uns mit Kulleraugen ansieht, ist auch nicht besser. Er bellt fremde Autos aus, und da wir im Eckhaus sind, muss er gleichzeitig quer durch den Garten rennen. Je grösser die Autos, umso lauter das Gekläff. Bei Touristenbussen gerät er dann völlig ausser sich, keucht und hat Schaum vorm Mund. Wir sollten mal einen gelben, achzehn Meter langen Sattelschlepper mieten, auf die rechte Seitenwand in Airbrushtechnik “Bonçuk, we love you!” schreiben und dann damit die Strasse von den Giritlis hinaufdonnern, natürlich möglichst nachts um zwei bei Vollmond.

Es gibt unzählige herrenlose Hunde hier. Sie suchen sich ihr Revier auf Strassen oder in Baulücken und verteidigen es, wenn auch mehr mit symbolischen Drohgebärden. Je näher man kommt, desto beiläufiger bellen sie und schauen dabei demonstrativ in andere Richtungen. Oft liegen sie reglos im Schatten eines Autowracks oder eines Ascheimers, oder sie wandern auf der Suche nach Nahrung herum, bekommen hier und da was zugesteckt. Alle Rassen und Grössen sind in ihrer Schar vereinigt, sie schauen aus hungrigen und traurigen Augen. Spricht man ein freundliches Wort mit ihnen, hat man einen neuen Begleiter und Adjudanten. Sie sehen wie die hiesigen Katzen dürr, aber verhältnismässig sauber aus. Sie bewegen sich gemächlich und völlig ungeniert durch den rasenden Verkehr. Nie würde einer sie anfahren. Der Typ im Jeep, der eben noch haarscharf an uns vorbeidonnerte, bremst selbstverständlich vor jedem Hundeviech ab. Alle paar Häuser weit lassen sich neugeborene Welpen von entzückten Bürgerscharen, aus deren Augen nackte Liebe spricht, begutachten.

Es gibt aber auch viele andere Tiere hier. Neulich hat mich der Affe des Fotografen in die Wade gebissen. Und grad heute abend taumelte eine müde männliche Fliege auf unserem Balkon herum. Ich versuchte sie mit den Vaginamonologen plattzuschlagen. In plötzlicher Kastrationsangst fand sie ihre Kräfte wieder und flog ohne einmal innezuhalten hinüber nach Griechenland.

10:25 26.09.2010
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Türkei alle Tage

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