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Der Maulbeerbaum (Morus alba, Morus nigra), Dut

Er wächst hier überall: in den Gärten, als Alleebaum, vor den Lokantas, in der Macchia, auf den Hochebenen, wo er vor tausenden von Jahren den Lelegiern Schatten gab, wie er es heute noch den Tavla- und Okee-Spielern am Strand tut. Schatten wird hier gesucht. Aber wirtschaftlichen Nutzen gibt er kaum mehr, obwohl seine Früchte süss und milde (aber wegen des sehr starken Farbstoffes auf Verkehrsflächen unerwünscht). Er ist vital und wächst stürmisch, ich dachte bei seinem Aeusseren an die Erlen des Nordens, aber nein, er gehört wie sein Bruder, der Feigenbaum, zur Familie der Moraceae. Die Blätter der weissen Maulbeere bilden mit das einzige Futter des Seidenspinners oder vielmehr seiner ersten Lebensform, der Seidenraupe (In Hamburg, als ich meinen Schülern dieses Tier und ihre Kokons bei lebendigem Leibe vorführen wollte, fand ich aus Mangel heraus, dass die Seidenraupen auch Brombeerblätter fressen – interessant, wenn man die Ähnlichkeit zwischen Maul- und Brombeere bedenkt). Aus dem Holz wurden und werden kostbares Papier („Japanpapier“) und vor allem DAS Instrument, die Saz oder Bağlama, die türkische Laute, hergestellt. Die Barden, hier Aşık genannt, spielten sie und sangen dazu ihre Liebeslieder. Kaum ein alevitischer Geistlicher spielt die Saz nicht, da es ohne sie nicht möglich ist, den alevitischen Gottesdienst, die Cem, zu halten. In Deutschland finden sich kaum mehr Maulbeerbäume, obwohl diese von den Preussen in grossem Stil angebaut wurden und durchaus winterhart sind. Kunstseide! Vorm Café unseres Dorfes steht eine Dut (mussn weiblicher Baum sein?) Ich gehe mit Ercan da hin, um in LigTV den Match Beşiktaş – Konyaspor zu sehen. Wortlos und ungefragt reicht Hasan nach einer Weile jedem seinen Tee vom Tablett. Frauen sind keine anwesend. Bestimmt sitzen sie grade zu Hause vorm TV und sehen in „Mezzo“ den Film „Das Leben Django Reinhardts“. Ein Orchester aus 100 Gitarristen spielt in Erinnerung an ihn. Zweifellos alles Roma. Frauen sind in dem Orchester keine vertreten.

Im Café aber geht es laut zu, besonders, wenn ein Tor fällt. Kartallar yüksekten uçar! Noch fliegen die Adler hoch! Im Stadium, übertragen vom Fernsehen, singen die Massen neunzig Minuten lang überlaute Chöre. Jede Moscheee und jede Kirche würde sich so was wünschen!

17:05 21.11.2010
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