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Röhrendes Motorengetucker vor unserer Tür. Nermin Hanım, mit ihren 75 Jahren dünn wie eine Feder, auf dem Rücksitz einer grossen, azurblauen Yamaha. Emin Bey fuhr von Istanbul hierher und bringt lautstark und argumentreich die Weltgeschichte aus türkischer Sicht vor, das ist heute besonders farbenreich, da aus Belgrad Ljuba zu Gast ist. 38% aller serbischen Worte sind türkischen Ursprungs! Wir lieben die Serben, wir sind ja selber welche. Wir wollen nur, dass sie sich nicht daneben benehmen. Haben sie die bosnischen Ortschaften nach dem Krieg besucht? Natürlich war der Pascha in Belgrad ein Serbe! und in Marokko ein Marokkaner und in Albanien ein Albaner. Nein, mit den Arabern haben wir nichts zu tun, aber mit dem Balkan verbindet uns viel, nicht zuletzt eine Fülle von Mischehen. Wissen Sie über Luther Bescheid? Er war vermutlich auch Türke, sagt Ljuba.

Ausserdem ist Gülçen da, ein gemischtes Dinner, und zu Nermins Leid die Gespräche einmal wieder überwiegend in Englisch.Hibou wird nie Türkisch lernen, sagt sie. Um türkisch zu sprechen, muss man türkisch denken, meint Emin Bey, verschränkt die Arme hoch über der Brust und lehnt sich schwer in seinen Stuhl zurück. Wir trinken Slivovica, Rakı, Montenegriner und hiesigen Rotwein. Hach! seufzt Emin. Wie gerne würde ich ganz eins mit einem Pferd durch die Länder galoppieren! Sein Ego reicht meterweit über seinen stattlichen Leib hinaus. Er redet so lange und pausenlos wie die Turkvölker einst geritten sind. Morgen wird er wieder davonfahren. Es wird ein kalter Wind wehen, der einem in die Glieder geht. Der Arme! werde ich sagen. Sein Wissen wird ihn beschützen, meint Dilek.

08:00 22.12.2010
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Türkei alle Tage

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