Ephesus - zum 11. September

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Vertreibt die Tyrannen, wo ihr sie trefft! Zur Erinnerung an den “Selbstmord” (wie es Baudrillard ausdrückt) der Twin Towers in New York: denn wer hat die Taliban und Bin Laden ausgebildet und bezahlt?

Wir waren den Tag in Ephesus. Wir sahen viel und nichts. Was würde jemand hier wahrnehmen, der von Geschichte unberührt wäre? Schöne, exakt gefügte Steine, viele Trümmer, eine ganz besondere Landschaft zwischen Ebene und Bergen, wahre Wunder von Marmorstrassen, mit diesen spielend, plastisch-elastisch und sehr aromatisch an den Rändern. Wir sehen den Tempel der Hestia, der das Feuer heilig ist und die Medusa, die vom Giebel aus ein Monument beschützt und Hermes, den Schaf- und Rinderdieb und Krösus, den unser Führer Kayhan hasst, weil er das Geld erfand, und Alexander, den er liebt, weil er auch gerne alles schnell und früh hätte. Dies ist kein apollinischer Ort. Wie auch? Die Amazonen haben ihn gegründet, die grosse Kybele, Erd-und Muttergöttin, erst später Artemis genannt, herrschte hier. Der alte Heraklit, damals jung, sah alles aus dem Feuer entstehen und alles fliessen.

DieFührungen gehen vom Nord- zum Südtor, in dichter Folge drängen sich die Gruppen. No water inside! schallt es von ausserhalb des Zauns und tiri milon, tiri milion, Efes, Efes, havalook, havalook! von drinnen. Die Führer halten an bestimmten Punkten an, die folgende Gruppe wartet schon, Englisch, Deutsch, Russisch, Tschechisch, Spanisch, Italienisch schallen gleichzeitig ans Ohr. Gegenüber der prächtigen Bibliothek ist das Hurenhaus. Warum? fragt Kayhan uns. Natürlich, damit die Männer ihren Gattinnen sagen konnten: Schatz, ich gehe eben nochmal in die Bücherei! Wir dürfen die Leute nicht langweilen, wird Kayhan später im Bus sagen. Hier sagt er: auch ich bin ein Epheser! Auf unseren Fotos werden viele fremde Leute sein, etwa das hübsche japanische Mädchen im roten Mini mit ihrer Freundin, und wir werden auf deren Fotos auftauchen, neue Geschichten werden entstehen, wenn die Blickebenen sich verändern und Menschen plötzlich in einer Beziehung stehen, die sichnur auf dem Bild finden lässt. Hier vor der Bibliothek, der drittgrössten des Altertums nach Alexandria und Pergamon, knipsen alle kreuz und quer durcheinander, heben den Arm zum Signal, während sie angestrengt durch den Sucher schauen, bitten andere, stehenzubleiben, bitten noch andere, jetzt von ihnen ein Bild zu machen. Snezana dort auf der Treppe wird ganz klein sein, denn Yağmur fotografiert sie aus fünfzig Metern Entfernung. Ich setze Dilek vor die Sofia. Sie lacht auf dem Bild.

Am wenigsten ist vom Wunder desArtemistempels geblieben. Hatte der alte Evangelist hier net gesagt: über eure Städte wird Gras wachsen? (Oder war es ein anderer?). Aus dem Bus sehen wir hinter kleinen Bauernhöfen und Werkstätten in der Senke eine einzige grosse Säule ragen. Jetzt fang mir nicht mit dem Psychopathen an, der in der Nacht, da Alexander der Grosse geboren wurde, den Tempel in Brand steckte, damit er, Herostrat, für immer in Geschichts- und Schulbüchern erwähnt werde! Wir schreiben jetzt und hier die Geschichte um: In der Nacht, als das grosse Artemision, eines der sieben Weltwunder, abbrannte, wurden überall auf der Welt Kinder geboren, überall starben Menschen, überall wurden welche gezeugt. Die Ursache des Brandes konnte nie geklärt werden.

Und wie sagt Kayhan der wackere, diesmal geprüfterweise mit den Worten des Evangelisten Johannes, der auch hier wohnte? Gott braucht kein Haus, er ist überall.

Auf dem Rückweg sehen wir rechts der Strasse die Reste der antiken Stadt Magnesia liegen. Einige Hunde und Katzen streunen oder dösen in der milden Herbstsonne. Kein einziger Tourist stapft durch die Trümmer. Ground Zero, zweiter Take.


06:34 11.09.2010
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Geschrieben von

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