Karabörtleğen (Brombeerdorf)

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Spät in der Nacht lud uns ein Minibus 45 Minuten ausserhalb Marmaris’ an einer abgelegenen Strassenkreuzung aus. Busse, Dolmus’ und allerlei Gefährte rasten vorbei wie weiland zu Titos Zeiten auf dem jugoslawischen Autoput. Ein Mann mit silbernem Golf, Kennzeichen 54 – das hatte er uns telefonisch vorher als Erkennungsmerkmal durchgegeben – holte uns ab. Wir würden im „Zeytin“ übernachten. Bulut hatte uns das Quartier besorgt, und das noch bevor wir wussten, dass wir von Marmaris, wo wir ihn besucht hatten, am selben Tag unmöglich die Rückreise schaffen konnten. Nun gings auf Seitenstrassen weiter. In den Dörfern sassen die Männer im Licht der offenen Cafés und Läden und vielerlei Waren säumten den Strassenrand. Die Jugendlichen kauerten mehr ausserhalb im Dunkeln, nur von unseren Scheinwerfern für kurze Zeit angestrahlt. Die Strasse wurde Weg und wir kamen vor einem Holzbau mit grosser auf Pfählen gebauter Terasse zum Stehen. Da war schon ein Tisch für uns gedeckt, wir begrüssten Ayshe Hanim und einige weitere Frauen, Dilek kam mit ihnen ins Reden, bevor uns ein üppiges Essen aufgetischt wurde. Zeytin ist die Olive, und Olivenmuster schmückten die Teller und Oliven gab es mit den vielen Vorspeisen, bevor Fleisch und Auberginenmus („dem Sultan hats geschmeckt“) gereicht wurde. Wie immer nahmen wir einen roten Wein.

Diese Leute kamen aus Istanbul und hatten sich hier gerade eine neue Existenz aufgebaut. Dilek dachte zuerst, es seien Tscherkessen. Nein, sagte Ayshe, wir sind Bosnaken, die Grossmutter kam aus Sarajewo. Alles hier war mit Liebe gemacht, das sahen wir, als wir in unseren Bungalow geführt wurden, oh, so satt und vollgegessen! In Marmaris war die Hitze kaum auszuhalten gewesen, hier war es frisch – also nur etwa 25-28 Grad -, unser würfelförmiges Haus aus Holzplanken (von alten Schiffen, wie wir am Morgen erfuhren) hatte ein aufgesetztes Spitzdach mit vier Lüftungsfensterchen, Moskitogitter an allen Fenstern, Toilette, Waschbecken und Dusche! Wir schliefen herrlich und in Freuden und die Landschaft des Morgenlichtes konnte leicht mit der Toskana mithalten! Das Gelände ringsum warbis auf den Ölbaumbestand frisch bepflanzt mit Blumen, Gewürzen, wie immer Paprika aller Arten, Gemüse....

Das Frühstück war traumhaft reich. Auf den Feldwegen stapften gebückte und mehr als Esel mit geschlagenem Holz beladene Frauen vorbei. Unser namenloser Mann pflückte uns die beiden ersten Feigen der Saison und so taten wir einen Wunsch. Er lud uns dann an derselben Strassenecke wieder ab und schon Minuten später kam der Dolmus nach Marmaris.

Nachtigallen und Maulbeeeren

Du schaust drein wie eine Nachtigall, die Maulbeeren frisst, sagen sie hier, wenn jemand schockiert dreinschaut. Nun hörten wir auf dem Dorf, dass die Nachtigallen wirklich zu singen aufhören, wenn die Maulbeeren reifen, und erst wieder anfangen, wenn keine mehr da sind.

11:02 10.10.2010
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Türkei alle Tage

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