Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

10 Aralık 2002 Cuma

Regennacht, ausgiebig Wasser, Windstille. Gestern der Lodos....

“Der Frühling hält Einzug.

Der Lodos weht.

Wie stark,

wie warm er doch weht...” (Nâzım Hikmet)

Noch ist es etwas Besonderes, jeden Morgen den Ofen zu bepacken, ein Feuer darin zu entfachen, es den Tag am Leben zu halten, mehr gegen die Feuchtigkeit als gegen Kälte, ein Genuss, Toast oder Börek oder Chicken-wings aus dem Holzofen zu haben. Ein Gefühl für die Zeit/Hitze-Kurve des Feuers entwickeln, und einen Blick für Anfeuerholz am Wegesrand. Dort blüht jetzt die Mandragora autumnalis, die Mandrake, die gesuchte und gefürchtete Alraune, blassblaue Enziane in einer grossen, flach ausgebreiteten Rosette aus mangoldartigen Blättern. Fast hätten wir eine ausgerissen! (aber so leben die Menschen alle Tage neben dem Tod her). Wir beschliessen, Dido unsern Höllenhund an eine dieser Wurzelmännchen anzubinden, ihm dann Hühnerknochen vorzuwerfen und ihn den Schrei der Alraune hören zu lassen...

Die Alraune (Mandragora autumnalis)

Auf einem Gang durch die wintergrünen Berge der Halbinsel bemerke ich eine nach Art des Enzian dicht am Boden blühende Blume. Könnte dies die vielberühmte Alraune sein, die Wurzeln in Menschenform bildet? In vielen mittelalterlichen Büchern wird diese Pflanze beschrieben, gefährlich, giftig, magisch. Eine weithinbekannte Amulett-Pflanze. Zu Hause angekommen, durchsuchte ich sogleich das Internet: ja, sie ist’s! Und hier ist ihre Geschichte:

Sie wurde unter anderem von Gerard schon 1597 beschrieben (Gerard's Herbal, The History of Plants, Woodward, Marcus, Ed., Studio Editions, Ltd., London 1994):

"The male Mandrake hath great broad long smooth leaves of a darke greene colour, flat spred upon the ground: among which come up the floures of a pale whitish colour, standing every one upon a single small and weake foot-stalke of a whitish greene colour: in their places grow round Apples of a yellowish colour, smooth, soft and glittering, of a strong smell: in which are contained flat an smooth seeds in fashion of a little kidney, like those of the Thorneapple. The root is long, thicke, whitish, divided many times into two or three parts resembling the legs of a man, as it hath been reported; whereas in truth it is no otherwise that in the roots of carrots, parseneps, and such like, forked or divided into two parts, which Nature taketh no account of."

http://t0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRYnuh9TzfeLsAutMx1LyiDTnCORd3KpYK-3QIYoPeaZDMhfop2

Die Alraune war den Arabern als “Teufelsapfel” oder “Satans Hoden” bekannt. Ihre Macht konnte sowohl zu guten als auch zu bösen Zwecken gebraucht warden. Als Aphrodisiakum und Empfängnisförderer hat sie nach der Legende bereits Rahels Unfruchtbarkeit geheilt. Alte anglo-sächsische Kräuterbücher empfehlen die Alraune gegen Besessenheit, und so wurden Teile ihrer Wurzeln lange Zeit als Amulette (Nazar!) um den Hals getragen. Ferner war die Alraune als schmerzlindernd oder bei Operationen sogar –verhütend bekannt. Als Schlafmittel wurde sie etwa dazu benutzt, feindliche Soldaten in einen Stupor zu versetzen.

Eine ganze Reihe Legenden umrankt diese Pflanze. Man glaubte, dass die Wurzel, werde sie ausgerissen, fürchterlich schrie und jammerte, und dass jede/r, die/der dies hörte, stürbe. Darum band man ein Seil um die Wurzel, verstopfte sich die Ohren und liess sie von einem (todgeweihten) Hund ausreissen. Allerdings konnte man dann auch den Ruf der Frau zum Mittagessen net hören. Wer denkt nicht an des Odysseus Abenteuer mit den Sirenen?

Die seltsamsten Überlieferungen haben ihren Ursprung in der Menschenähnlichkeit der Wurzel. Alte Bilder zeigen sie als grimmige kleine Männer mit Bärten und buschigen Haaren. Diese Wurzeln wurden wegen ihrer magischen Kräfte berühmt, in Antiochia (Antakya) und Damaskus bildeten sie eine Zeit langdie Hauptmittel der Zauberei. Im Deutschland des 16.Jh. benutzten Waldzauberer sie. Die Männchen mussten gekleidet, regelmässig gefüttert und in Eselsmilch gebadet werden. Ihre Besitzer alterten nicht, wurden reich und mächtig.

http://t2.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTwz7FqrrvOt0eKuAIMC8mGJYT48zdzUoiTc0sJrgMB5b8PFcr0


Dieser Tage und immer seither sehen wir die “Mandrake” an vielen Orten: auf dem Friedhof, am Strassenrand beim Dürüm-Laster in Konacık und sogar in Nachbars Garten. Hast du jüngst eine gesehen?


09:01 10.12.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Türkei alle Tage

Land und Leute, Politik, Leben, Alltag, Küche in der Türkei und ihren Provinzen
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 3

Avatar
rahab | Community
Avatar