Bedingungsloses Grundeinkommen? Ohne mich

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Die Gespräche, die ich in den letzten Monaten führte, zeigen vor allem eines:
Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) flößt vielen Menschen schlichtweg auch Angst ein - zu sehr sind viele Menschen dem Denken "nur wer arbeitet, soll auch Geld bekommen" verhaftet. Wobei ja die Definition, was Arbeit ist, nicht etwa dem Einzelnen selbst obliegt, sondern dies von staatlicher Seite aus geregelt wird. Wer sich 10 Stunden pro Woche ehrenamtlich engagiert, gilt erst dann wieder als arbeitend, wenn diese 10 Stunden auch bezahlt werden. Dies ist doppelt absurd, weil zum einen natürlich oft genug durch die 1-Euro-Jobs reguläre Arbeitsplätze verloren gehen, aber auch weil zum anderen die Arbeit sich ja nicht verändert.

Dazu kommt, dass immer mehr Menschen sich alles von ihrem Arbeitgeber gefallen lassen, sie akzeptieren quasi jede Behandlung, jede Einschränkung ihrer Rechte, jede Verringerung des Gehaltes, nur um den Job zu behalten. Damit arbeiten sie aber nicht nur fleißig an der Entrechtung anderer mit, auch für sich selbst schaffen sie so ein Klima des Duckmäusertums und des "Hauptsache Job"-Dogmas. Sich unmenschlich behandeln zu lassen wird immer zum Märtyrertum, nein, zur Pflicht erhoben. "Hauptsache, ich habe einen Job." heißt es und der Leidende suhlt sich in seinem Elend, weil er es anderen missgönnt, dass sie tatsächlich weniger leiden könnten. "Mir geht es schlecht, warum soll es den anderen besser gehen?" lautet die Kernfrage.

Auch das mediale Dauerfeuer, das Sozialschmarotzer, faule ALG II-Empfänger und ungewaschene Proleten zum Thema hat, die nur durch Jobs noch einen geregelten Tagesablauf hinbekommen, zeigt Wirkung. Salbungsvoll reden viele davon, dass diejenigen, die in Zwangsarbeit und Co. gepresst werden, ja davon profitieren, erheben ihre eigene Leidensgeschichte zum Vorbild für alle. Statt sich mit der Idee zu beschäftigen, selbst ohne die (Zwangs)arbeit Geld zu erhalten, welches ja durch Konsum sowieso wieder in den Wirtschaftskreislauf fließt, lehnen viele die Idee schon deshalb ab, weil sie das indoktrinierte Denken "Arbeit ist alles" durchbricht.

Das BGE hat alleine schon deshalb wenig Chancen, weil es für viele eine Bedrohung des gesamten (erlernten) Denkens bedeutet. Es würde zudem auch den Neid auf andere ad absurdum führen.

Dabei ist die Idee des "strukturierten Tagesablaufes", der nur durch Arbeit möglich ist, ebenso idiotisch wie die Meinung, dass es Geld nur gegen Arbeit geben darf. Denn je mehr Geld jemand hat, desto weniger interessiert sein Tagesablauf - im Gegenteil: was beim ALG II-Empfänger noch Faulenzertum ist, das ist beim reichen Promi das Müßiggängertum, was man ihm neidet, aber ihm doch zugesteht, weil er genug Geld hat. Letzten Endes geht es also darum, dass man niemandem mehr Butter auf dem Brot gönnt als man selbst hat. Sozialneid in seiner reinsten Form.

21:35 22.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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