Der ALG II-Empfänger als loyalitätsverhinderndes Omegahuhn

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Seit unter der Ägide von Gerhard Schröder der Aufbau eines Niedriglohnsektors in Deutschland gelang ist der ALG II-Empfänger, gemeinhin auch gerne Hartzie oder Hartzler genannt, mehr und mehr zum Synonym für den Fastfood fressenden (der Verzicht auf das Verb "essen" ist sehr bewusst erfolgt da dem ALG II-Empfänger zunehmend auch mangelnde Manieren usw. nachgesagt werden), kettenrauchenden, unrasiert und ungeduscht vor dem "Unterschichtenfernsehen" sitzenden Sozialschmarotzer geworden, der höchstens schwarz arbeitet und ansonsten keinen Moment auslässt um sich vor ggf. angebotenen Berufsangeboten zu drücken, wobei er natürlich auch vor Betrug nicht zurückschreckt.

Dem Dogma "nur wer Arbeit hat soll auch essen (dürfen)" folgend rückt der ALG II-Empfänger somit in der gesellschaftlich anerkannten Liste weiter nach unten und wird zur persona non grata. Dabei ist er für die Politik jedoch keineswegs "non grata", erfüllt er doch eine wichtige Funktion innerhalb der Auseinandersetzung um Arbeitsplätze, Gelder, Sparmaßnahmen und nicht zuletzt gesellschaftlicher Solidarität.

Ich reiße mir den Hintern auf...

Indem medial stets nur Einzelfälle herausgepickt und beleuchtet werden, entsteht der Eindruck, es gäbe lediglich zwei Gruppen von ALG II-Empfängern: die vorgenannte Gruppe der "Sozialschmarotzer" sowie die andere Gruppe, die aus armen, oft alleinerziehenden, Menschen besteht, die bereit sind, sich auch noch für 3 Cent pro Stunde abzurackern. Es ist wichtig, dass in der medialen Ausleuchtung von ALG II die Scheinwerfer stets nur auf die beiden stark auseinanderklaffenden Einzelgruppen gerichtet sind, nicht aber auf die Gesamtheit der ALG II-Empfänger, die keineswegs eine auch nur ansatzweise homogene Masse von Menschen darstellt.

Der faule Sozialschmarotzer, gerne durch Berichte über "Florida-Rolf" etc. noch einmal Standardnegativbeispiel vorgeführt, wird somit nicht nur außerhalb der ALG II-Gruppe, sondern auch innerhalb zum Hassubjekt, welches die Wut und auch die Aggressionen der anderen ALG II-Empfänger auf sich kanalisiert und damit von anderen Zielen ablenkt. Gleiches geschieht in Bezug auf Niedrigverdiener, die dann in geradezu märtyrerhafter Art und Weise und mit stolzgeschwellter Brust davon schwadronieren, dass sie sich auch für 1200 Euro brutto bei 50 Stunden pro Woche den Hintern aufreißen, wobei derartige Erzählungen oft an jene des Großvaters erinnern, der als Antwort auf die Frage ob er etwas für die Anschaffung neuer Schuhe dazugibt, mitteilt, er wäre damals auch bei Eis und Schnee barfuß kilometerlang zur Schule gestapft und hätte es überlebt.

Die Selbstidentifizierung durch die Erwerbsarbeit nimmt hier fast religiöse Züge an und der Nichtarbeitende oder aber die medial durchs Dorf getragene Sozialschmarotzersau sind quasi die Ungläubigen innerhalb der Gemeinschaft, deren Götze die Arbeit ist und sei sie auch noch so schlecht bezahlt. Fehlt nun in dieser Diskussion der 'ALG II-Empfänger, so würde sich der Zorn der Niedrigverdiener ggf. gegen die Niedriglohnzahler richten, nicht jedoch gegen jene, die genauso viel Geld haben, ohne sich dafür ausbeuten zu lassen.

Ich bin Leistungsträger...


Auch für die sogenannte Mittelschicht sowie für die Oberschicht erfüllen die ALG Ii-Empfänger wichtige Funktionen. Die Oberschicht benötigt jemanden, auf den sie wahlweise herabblicken oder aber den sie von ihrer Überlegenheit überzeugen kann/muss, die Mittelschicht benötigt einerseits jemanden zum Heraufblicken (die Oberschicht), andererseits muss es aber auch ein abschreckendes Beispiel dafür geben, was passieren könnte, sollte man sich nicht genug anstrengen. Der ALG II-Empfänger ist quasi der Graben mit den Krokodilen unterhalb der Leiter, die irgendwann ggf. einmal zur Himmelspforte des Reichtstums führt, er sorgt dafür, dass niemand die Leiter verlässt oder die Sinnlosigkeit des Heraufkrabbelns erahnt. Dabei benötigen sowohl MIttel- als auch Oberschicht stets jemanden, der ihnen dazu verhilft, sich besser zu fühlen - ohnen diesen würde manche Argumentation in sich zusammenfallen.

Solidarität? Nein danke

Der ALG II-Empfänger muss letzten Endes stets medial und politisch gegen andere, gering verdienende, von Arbeitslosigkeit bedrohte, in der Zeitarbeitstretmühle gefangene Menschen ausgespielt werden und all deren Frustration auf sich lenken. Der mit einem Niedriglohn ausgestattete Zeitarbeiter kann von der vielgepriesenen Solidarität unter den Arbeitenden nicht einmal mehr träumen, er ist schon am unteren Ende der Lohnkette und hat in dem ALG II-Empfänger, der, anders als er selbst, quasi fürs Nichtstun bezahlt wird, ein willkommenes Ventil für all seine Wut, die er schon aus Angst, selbst in die absolute "Unterschicht" abzurutschen, niemals gegen diejenigen richten würde, die ihn in diese Zwangslage brachten. Die Politik profitiert insofern von den ALG II-Empfängern und somit ist jede Debatte darum, dass ALG II ganz gestrichen werden soll, eine Scheindebatte. Ohne den mit wenig Geld abgehandelten ALG II-Empfänger, der dem "heroisch arbeitenden Niedriglöhner" und dem "Leistungsträger" vorgehalten werden kann, könnte sich zwischen all denen, die man "abgehängtes Prekariat" nennt, echte Loyalität und Solidarität entwickeln und nichts wäre unangenehmer.

18:26 05.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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