Dreckige, faule Schmarotzer!

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Wenn es etwas gibt, was die Agenda 2010 des ölig-gasigem Gerhard Schröder (u.a.) erfolgreich bewältigt hat, dann ist es die Schaffung eines neuen Feindbildes.

Waren es vorher die Obdachlosen und Punks, die von der "guten Gesellschaft" als dreckig, faul und schmarotzend angesehen wurden, so wurden sie nun ersetzt von einer Spezies, die Medien und Politik gleichermaßen als den Bodensatz der Gesellschaft propagierten: der ALGII-Empfänger, gemeinhin auch HartzIVer, Hartzie oder (was in etwa der Idee entspricht, hierbei handele es sich um eine Art Virus, welcher zu Zwecken der Volksgesundheit bekämpft werden muss) HIVler genannt.

Hatten Jugendliche früher noch Träume vom Aussteigen, Erfolg, Karriere, dem Nobelpreis oder was auch immer, so reichen heute wahlweise das Kleiderständerschubsen für die Erfolgreichen oder der Satz "Hauptsache kein HartzIV." aus, um die Träume in Zeiten der Wirtschaftskrise und des Prekariats zusammenzufassen.

HartzIV, das ist die Verwirklichung eines gnadenlosen Traumes, in dem - ganz im Gegensatz zu den Utopien eines "Star Trek", in denen Geld keine Rolle mehr spielt und Replikatoren für Wohlstand für alle sorgen - nicht einmal Geld, sondern vielmehr die gesellschaftliche Achtung einen Menschen ausmachen. Vollgedröhnt von eben jenen Berichten im Unterschichtenfernsehen, das anzuschauen man dem Hartzie quasi als Lebenaufgabe unterstellt, genießt die vermeintliche Mittel- und Oberschicht das Spektakel, in dem "Florida-Rolfs" und völlig übertriebene Missbrauchszahlen das Futter für die vorurteilshungrige Meute darstellen.

Nicht ob jemand arbeitet oder nicht, spielt mehr eine Rolle - es ist nur noch wichtig, dass er nicht zu den Hartzies gehört, die allesamt im eibekleckerten Unterhemd oder ausgeleiertem BH ihr Bier saufen, während im Fernsehen die ewig gleichen Shows laufen, die in einer Art Endlosschleife die "Unterschicht" zeigen, der man nicht angehören sollte, will man nicht endgültig zum Paria werden.

Warum und wieso die Agenda 2010 zustande kam, interessiert nicht mehr. Auch die Höhe des Regelsatzes, welche kritisch betrachtet viel zu niedrig ist, ist egal. "Nur wer arbeitet, soll auch essen" heißt das moderne Dogma und was Arbeit ist, bestimmen ARGEn und Politik gemeinsam, die durch die 1-Euro-Jobs gleich für den massenhaften Nachschub an Billiglöhnern sorgen, die denjenigen, die momentan noch auf die "Unterschicht" herabsehen, ihre Löhne auf Dauer so zerstören, dass eben diese "Verurteiler" sich bald Seite an Seite mit jenen wiederfinden, auf die sie noch verächtlich herabblicken.

Der moderne Arbeitnehmer von heute lässt sich selig lächelnd vom Arbeitgeber an den Rand des Herzinfarktes treiben, "schiebt" die unbezahlten Überstunden und drückt damit den eigenen Lohn, während er darüber fachsimpelt, dass er wenigstens etwas leistet und nicht dem Staat auf der Tasche liegt.

Der Hartzie ist dreckig, faul, ungebildet und lässt seine Kinder verwahrlosen - so Medien und Co. Und die meisten glauben es und fügen sich somit nahtlos in die Dystopie einer Welt ein, die die Menschen in zwei Gruppen teilt:
"The good" (alles außer Hartz), "the bad and the ugly" (HartzIVer).

In den folgenden Tagen möchte ich ein paar Menschen vorstellen, mit denen ich über ALGII sprach. Es sind keine Experten, aber ihre Ansichten sehe ich als erhellend an. Sie zeigen, wie gut die Agenda2010 funktioniert hat, wie gut es gelungen ist, eine Gruppe von Menschen durch Lügen, verfälschende Pauschalierungen und dergleichen mehr in eine Ecke zu drängen, in der sie der restlichen Gesellschaft nur noch als willkommenes Opfer für die eigene Doppelmoral und die Ichbezogenheit dienen.

20:31 16.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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