Ein Job ist Lebensinhalt

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Ein Gespräch über das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Meine Gesprächspartnerin ist 64, sie arbeitet Vollzeit als Sekretärin, kämpft mit gesundheitlichen Beschwerden und ist stolz darauf, in den vergangenen Jahren nur sehr selten krank gewesen zu sein. Ihre Sehnenscheidentzündung kurierte sie während des Jahresurlaubes aus. In einigen Monaten wird sie "in Rente gehen" und ihr graut bereits ein wenig davor.

Ich: Du magst das BGE also nicht?
Sylvia: Ich glaube, es ist einfach das falsche Signal. Viele Menschen sehnen sich nach einer Arbeit. Wenn du mit Arbeitslosen sprichst, sagen viele: Ich möchte ja gerne einen Job, aber es findet sich nichts. Allerdings glaube ich auch, dass viele nicht bereit sind, ihre Ansprüche abzusenken.Ich: Inwiefern abzusenken?
Sylvia: Viele haben zum Beispiel studiert und sind nun arbeitslos. Da sind sie aber nicht bereit, Jobs zu erledigen, die ihre Intelligenz unterfordern. Warum sollte ein Informatiker nicht auch im Kaufhaus die Toiletten säubern, wenn sich nichts anderes findet? Dazu kommen ja oft auch noch horrende Gehaltsvorstellungen. Der Sohn meiner Freundin ist nicht bereit, ein Anfangsgehalt von 1.000 Euro monatlich zu akzeptieren.
Ich: Die Leute wollen halt einen Job, aber nicht um jeden Preis.
Sylvia: Ja, sicher. Aber die Zeit, in der Milch und Honig fließen, ist nun einmal vorbei. Jetzt muss man sich zusammenreißen und eben Abstriche machen.
Ich: Besser ein Job als kein Job.
Sylvia: Genau. Jeder hat ja mal klein angefangen. Mein Großvater erzählte oft davon, dass er noch Heizmaterial zum Lehrherren mitbringen musste. Heutzutage sind wir einfach zu verwöhnt. Wir erwarten viel Geld, wollen mit Samthandschuhen angefasst werden und uns die Hände nicht schmutzig machen. Und viele sind viel zu oft krank.
Ich: Du warst selten krank.
Sylvia: (lacht)Ich habe es immer geschafft, meine Krankheiten auf den Jahresurlaub zu verlegen (zwinkert mir zu). Der reichte aus, um sich auszukurieren.
Ich: Da freut sich der Arbeitgeber.
Sylvia: Ja, der freute sich wirklich. Für ihn war ich ein Vorbild für die anderen Arbeitnehmer.
Ich: Und demnächst ist Rentnerzeit.
Sylvia: Ja. Und ehrlich gesagt: ich hoffe, dass ich schnell irgendeinen sinnvollen Job im Krankenhaus finde. Betreuung von älteren Damen usw. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, ohne einen Job zu sein.
Ich: Keine Hobbies?
Sylvia: Nein. Für die gab es keine Zeit in den letzten Jahren.
Ich: Du bist alleinstehend?
Sylvia: Ja, ich wollte meinen Beruf nicht für die Familie aufgeben, mein Partner auch nicht. Also blieb es dann dabei.

Ich: Zurück zum BGE - Du sagst, es wäre ein falsches Signal. Wieso?
Sylvia: Zum einen, weil es den Leuten sagen würde: "Hey, ihr könnt jetzt auf Staatskosten faul sein." Zum anderen würde es doch auch den Lebensinhalt völlig entfernen. Wir leben doch so: Kindergarten, Schule, Lehre oder Studium, Beruf. All das gibt unserem Leben Struktur und hilft uns auch, vernünftig zu leben, nicht über die Stränge zu schlagen. Wer seinen Beruf verliert, verliert diese Struktur. Er wird quasi zum Lotterleben verleitet.
Ich: Also auch Schulungscamps für Jugendliche?
Sylvia: Wieso nicht? Wer keinen Ausbildungsplatz findet, der verliert sein Selbstvertrauen und die Lebensstruktur. Da hilft es doch, wenn er sich zwangsabnabeln muss, in ein Camp kommt, in dem er Nützliches lernt und sich an einen strukturierten Tagesablauf gewöhnt. Wenn er dann zurück ist, hat er viel bessere Chancen im Leben.

Ich: Ein Job ist also Lebensinhalt.
Sylvia: Ein Job ist das Wichtigste im Leben. Ohne Job keine Selbstachtung. Ohne Job weiß man doch gar nicht, was man den ganzen Tag tun soll, wird schlampig und nachlässig. Ein Job hilft jedem.
Ich: Aber es gibt etliche, die auch ohne Bezahlung arbeiten. Du machst das ja auch, wenn Du später im Krankenhaus Damen betreust.
Sylvia: Ich habe ja auch schon meinen Dienst an der Gesellschaft abgeleistet. Sich zusammenzureißen, sein Bestes zu geben und Abstriche zu machen - das ist wichtig für die gesamte Gesellschaft. Wenn man dann das wiedergutmacht, was der Staat für einen tat, dann kann man auch mal ausruhen. Aber erst dann.

18:01 22.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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