Man muss halt heutzutage froh sein, einen Job zu haben

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Satz "Man muss froh sein, einen Job zu haben." lässt sich in die lange Liste der Durchhalteparolen einfügen, die geradewegs aus dem Handbuch unsolidarischer und oftmals geradezu menschenverachtend agierender Chefs kommen könnten. Zähne zusammenbeißen und alles ertragen - das ist heutzutage Standard, und wer in Blogs, Foren oder Mails etc. meint, er kann seinen Arbeitsplatz eben nicht mehr schaffen, weil er fortwährend schlecht behandelt wird usw., bekommt flugs die gesamte Verachtung derjenigen zu spüren, denen es nicht besser geht. Wer dann gar meint, er würde lieber ALG II beantragen, als sich noch weiter gesundheitlich zu ruinieren oder einen Nervenzusammenbruch zu riskieren, der fühlt sich fast wie im Gespräch mit den Großeltern, die erzählen, wie sie noch barfuß kilometerlange Wanderungen durch den Schnee machen mussten, um zur Schule zu kommen, aus Kartoffelschalen Suppe kochten und nach der Geburt eines Kindes einmal tief durchatmeten, nur um dann wieder auf dem Feld zu arbeiten.

Nicht mehr durchzuhalten gilt wieder als Versagen, das Einklagen einer menschenwürdigen Behandlung als Utopie. Und schlimmer noch: statt die eigene Situation kritisch zu betrachten, wird sie geradezu verklärt. Märtyrerhaft halten diejenigen durch, die nicht nur finanziell ausgebeutet, sondern vielmehr auch menschlich wie der letzte Dreck behandelt werden. Die Wut richtet sich hier nicht etwa gegen diejenigen, die von dieser Praxis profitieren, nein, die Wut richtet sich gegen die, die es besser haben, weil sie keine Arbeit haben.

Beate (Name geändert) arbeitet pro Woche 40 Stunden als Verkäuferin in einem Kiosk. Die 40 Stunden, das sagt sie selbst, sind allerdings lediglich das, was im Arbeitsvertrag steht. "In der Morgenschicht bin ich ca. 1 Stunde früher da, denn ich muss ja die neuen Zeitungen einsortieren und die Getränke und Süßigkeiten auffüllen. Wenn ich öffne, ist dafür keine Zeit mehr. Da geht der Ansturm los. Zigaretten, schnell eine Dose Cola, dazu dann die Morgenzeitungen... und alles schnell bevor der Zug kommt. Das ist schon Stress. Außerdem muss ich die Zeitungsständer noch vor den Laden stellen und zwischendurch kommt immer neue Ware an."

Eigentlich sollen immer zwei Leute gleichzeitig im Laden sein, schon aus Sicherheitsgründen. "Aber das ergibt sich nicht immer." sagt Beate. "Oft bin ich morgens oder auch in der Spätschicht allein. Da sind in den 8 Stunden nicht einmal Pausen drin, um etwas zu essen oder auf Toilette zu gehen. Nach der Schicht brauche ich noch etwa eine Stunde um meine Kassenabrechnung zu erledigen, dann ist entweder noch schnell bei der Ware Hilfe angesagt, oder ich muss bei der Spätschicht die alten Zeitungen ausräumen, damit am nächsten Morgen die Zeitungsständer usw. leer sind."

Alles in allem, so Beate, arbeitet sie jeden Tag etwa 10 Stunden. Bezahlt werden lediglich 8 Stunden. Ihr Chef, so Beate, sei sehr jähzornig, wenn er morgens in den Laden kommt und sie sich in seinem Beisein bei der Zigarettenmarke irrt, oder nicht schnell genug das Wechselgeld herausgibt, erfolgt die Kritik sofort. In entsprechender Lautstärke und mit deftigen Worten. "Ach, ich habe mich dran gewöhnt, dass er mal quer durch den Laden brüllt: 'Mein Gott, Beate, jetzt bist Du schon so lange hier und kapierst es immer noch nicht! Wie hast Du bloß den Schulabschluss geschafft?' Manchmal springt er dann schnell mit ein und lässt es sich nicht nehmen, dem Kunden vor sich mitzuteilen, dass 'das Personal heutzutage wirklich strohdoof ist'.

"Man gewöhnt sich dran." sagt Beate wieder. Manches nervt sie - zum Beispiel, dass die neuen Bücher immer mit 20 passenden Plastiktüten ankommen, die für 20 Cent das Stück verkauft werden. Oder dass die übriggebliebenen Zeitschriften mit den kleinen Extras komplett vernichtet werden, statt die Extras wie Ohrringe, Spielzeug, Lippenstifte etc. einfach abzunehmen und Kindergärten oder ähnlichem zu geben. Es ärgert sie auch, dass sie als gelernte Fachkraft nun als dumm dargestellt wird. Aber: "Man gewöhnt sich dran".

Für ihre offizielle 40-Stunden-Woche erhält sie vom Arbeitgeber monatlich 800 Euro. Ergänzendes ALG II ist für sie die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen, das BGE ist, findet sie, allerdings eine Dreistigkeit. Und dass es Menschen gibt, die keinen 1-Euro-Job annehmen, das ärgert sie auch. "Ich lass mir auch alles gefallen." sagt sie. "Mir geht es auch schlecht, ich heule auch oft. Aber da muss man durch. Hauptsache, man hat einen Job. Da kann man heutzutage nicht mehr dastehen und sagen: Ich will aber gut bezahlt werden. Hauptsache ein Job, fertig." Die Idee, dass sie ein Grundeinkommen erhält, ohne sich solch eine Behandlung gefallen lassen zu müssen, ist für sie zu utopisch. Und "Das hilft doch nur wieder den Schmarotzern, die zu faul oder zu empfindlich sind. Man muss sich halt durchbeißen. Hauptsache ein Job."

21:17 18.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
Schreiber 0 Leser 1
Avatar

Kommentare