Meine Hände bluten und Du bekommst 50 Cent mehr als ich!

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Wer sich momentan die diversen Meinungen zum Thema Bürgergeld/Bürgereinkommen/Bedingungslosem Grundeinkommen (oder wie auch immer man es nennen will) durchliest, der fragt sich warum so viele Beiträge nicht grün unterlegt sind. Denn der Neid schimmert nicht nur durch, er trieft förmlich aus jeder Zeile derjenigen, die das BGE als Humbug abtun, aber auch aus den Statements derjenigen, die ein Bürgergeld fordern, das dann zwar nicht mehr Hartz IV oder ALG II heißt, dafür aber wie ein Schwamm beim Zusammendrücken den ganzen Schwall Sanktionsmöglichkeiten, Kürzungen, Arbeitsaufnahmepflichten usw. aus sich förmlich herauswürgt.

Als wäre die Mehrheit derzeit vom Bacillus Gewöhnlichus Neidus Arbeitus befallen, wird Arbeit weiterhin zum absoluten Dogma erhoben, wobei natürlich hier die Rede von Erwerbsarbeit ist. Dabei ist Erwerbsarbeit mittlerweile ein schlechter Scherz bzw. ein Euphemismus, wenn man bedenkt, dass bei vielen diese "Arbeit" nicht einmal ausreicht um das Notwendigste zu kaufen und stattdessen ergänzendes ALG II beantragt werden muss.

Ehemalige Landschaftsgärtner sind nun arbeitslos (!) und dürfen für 1 Euro pro Stunde die gleiche Arbeit verrichten wie früher als sie noch (ach ja, lang lang ist es her) "vollbeschäftigt" waren; Gemeinden, die dank ihrer absurden Politik den Haushalt in den absoluten Konkurs geritten haben, können jetzt wenigstens Leute "einstellen", die sie wegen ihrer Fehlplanungen entlassen mussten - auch schön, so kann wenigstens ein Maurer wieder Schulmauern basteln wie früher, während das Geld, was ihm hätte ein Auskommen ermöglichen können, in die Straße nach Nirgendwo investiert wurde. (wer mag, möchte mal nach den Stellungnahmen des Bundes der Steuerzahler suchen usw.)

Aber der ewig gestrig denkende Geist sei da um uns nicht etwa auf den Irrweg BGE zu lenken, der zu den 1.000 Euro (oder mehr) pro Person führt, ohne dass diese etwas dafür tun muss. 1.000 Euro, ohne dass jemand dafür arbeitet - das geht schon gar nicht. Wenn man selbst für 600 Euro monatlich schuftet bis die Hände bluten, dann heißt es entschlossen dagegen anzugehen, dass jemand anderes vielleicht 50 Cent mehr bekommt als man selbst - ohne dass er dafür auch seine Gesundheit aufs Spiel setzt.

Dieses "nur wer arbeitet, soll auch essen/Geld erhalten" ist schon deshalb absurd weil es außer Acht lässt, dass Arbeit nicht einfach mit 1-3 Worten beschrieben werden kann. Kinderversorgung, Kindererziehung, die Pflege der ggf. pflegebedürftigen Verwandten, ehrenamtliches Engagement usw - ist das alles keine (entlohnenswerte) Arbeit? Warum sind 8 Stunden sinnloses Mausschubsen in der Weiterbildungsmaßnahme mehr wert als 8 Stunden Haushaltsführung, unentgeltliches Betreuen von Menschen, Kommunikation mit Einsamen usw?

Davon abgesehen frage ich mich warum 1.000 Euro vielen als so viel Geld vorkommen. Wer heutzutage ALG II bekommt, der erhalt 359 Euro Regelsatz, dazu kommen die Kosten der Unterkunft und die Krankenversicherung etc. - sind das insgesamt keine 1.000 Euro?

Lustig wird es bei den 1-Euro-Jobs. Was wie ein "wenigstens tut er etwas für sein Geld" klingt ist in Wirklichkeit eine Gelddruckmaschine für diejenigen, die ihre Jobs einstampfen und dann die Leute wieder einstellen und die Jobs als gemeinnützig und zusätzlich deklarieren. Die vom Pleitegeier umschwirrten Gemeinden und Städte können froh sein, dass es die ALG IIler gibt, auf dass diese die Jobs übernehmen, die dank eklatanter Fehlplanungen nicht mehr bezahlbar sind. Für manche Firma, für manche kirche Einrichtung bedeutet dies zudem auch noch einen Zuverdienst - bis zu 500 Euro Aufwandsentschädigung sind drin für diejenigen, die es verhindern, dass manche Jobs fair bezahlt werden.

Im ganzen ALG II-Gesetz findet sich übrigens wenig zum Thema Geld - es wird oft von Leistungen geredet. In alten Kasernen untergebrachte ALG II Empfänger, die n den gemeinsam in einem Zimmer untergebrachten Büchern schmökern und für 1 Euro z.B. die maroden Opelwerke (gemeinnützig - das kann viel bedeuten) wieder auf Vordermann bringen - ist das wirklich unmöglich?

Die Parteien, die sich um die Frage, wie die Definition der Arbeit weitergehen soll und wie mit Menschen umgegangen werden soll, die sagen "nur wer arbeitet, soll auch essen/leben" drücken sich um die Frage, was Menschenwürde ist und wie es weitergehen soll in einer Welt, in der mehr und mehr Arbeit von Maschinen übernommen wird und in der der Wert eines Menschen von seiner Arbeitskraft und -willigkeit abhängt. Gerade die Frage, ob für diese Menschen auch noch Art 1 GG gilt oder nicht, gälte es zu klären - aber die Parteien werden sich hüten, dies zu tun. Eine derart komplette Gesellschaftsveränderung, wie sie notwendig wäre um die Gesamtheit der Gesetze an die Realität anzupassen, will niemand in Angriff nehmen.

Lieber ist man weiterhin neidisch auf jemanden, der ein paar Euro bekommt und dafür nicht ausgepowert abends ins Bett fällt. Oder man schürt diesen Neid. Same procedure...

17:04 12.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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