Omegahühner im Supermarkt

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Es ist wieder Betroffenheitstag allerorten - der neue Datenschutzskandal rund um den Discounter LIDL treibt die diversen Politiker zur eiligen Abgabe der üblichen Statements. Claudia Roth z.B. spricht von Krokodilstränen beim Konzern und dem "Ende der Fahnenstange". Das ist erfreulich, sicher, aber so realitätsfern, als würde jemand monieren, dass Arbeitsnehmer schlecht behandelt werden.

Schon der Begriff "Arbeitnehmer" ist schlichtweg falsch und irreführend. Diejenigen, die als Arbeitnehmer bezeichnet werden, sind jene, die ihre Arbeitskraft im Tausch gegen eine Entlohnung zur Verfügung stellen. Diejenigen, die sie annehmen, werden zwar als Arbeitgeber bezeichnet, sind in Wirklichkeit aber bestensfalls fair entlohnende Menschen, die es geschafft haben, die ohnehin vorhandene Arbeit als Tauschobjekt gegen das anzubieten, was in der heutigen Zeit mehr als alles zählt: Geld.

Die Idee, dass im Kapitalismus faire Behandlung und Entlohnung eine Rolle spielen, wird seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, bereits als bloße Illusion entlarvt. Wenn Politiker nunmehr also darüber lamentieren, dass große Unternehmen auf die Rechte ihrer "Arbeitnehmer" schlichtweg pfeifen, dann haben sie das Wesen des Kapitalismus´ nicht erkannt, welches spätestens seit der Agenda 2010, seit der Einführung von Hartz IV (ALG II) nichts anderes bedeutet als: sei still, kusche, freue dich darüber, dass du eine Arbeit hast.

Blogs und Foren, die sich mit der zunehmenden Ausbeutung der Arbeitskraft beschäftigen, werden wenig beachtet, höchstens noch mit Abmahnungen der betroffenen Firmen bedacht, die ihren Ruf beschädigt sehen. Kapitalismuskritiker werden als Spinner abgetan. Hartz IV wird als gerechte Möglichkeit gesehen, der Gesellschaft etwas wiederzugeben. Und zeitgleich wird ignoriert, wie heutzutage ein Großteil des Verhältnisses zwischen Arbeitnehmern und -gebern funktioniert. Nicht nur große Firmen schaffen sich ihre Parallelwelten, die für die Arbeitskräfte bedeuten, dass sie jederzeit austauschbar sind, dass sie in der Zeit, in der sie vielleicht mit letzter Kraft für ihr Recht kämpfen, finanziell ausbluten, weil sich die Arbeits- und Sozialagenturen solange weigern, das Geld zum Überleben zu zahlen, bis der Rechtssteit entschieden ist. Zynisch wird den Hilfesuchenden bei der Sozialagentur schon einmal empfohlen, doch das Positive an der momentanen Situation (arbeitssuchend, pleite, hilflos) zu sehen: bei Übergewicht könnte sich ja jetzt das Gewicht verringern, der Hilfesuchende seine eigene Stärke entdecken.

Was bei den Discountern, bei der Telekom usw. passiert, ist letzten Endes nur die logische Konsequenz eines "Hauptsache, ich habe bezahlte Arbeit"-Denkens, was von der Politik dann auch noch als etwas verkauft wird, was ja nur denjenigen hilft, die von einem noch einigermaßen gut bezahlten Job in den 1-Euro-Job rutschen.

"Jeder möchte doch einen strukturierten Tag haben." hauchen die Politiker selbstgefällig, wenn sie die Landschaftsgärtner in die Arbeitslosigkeit schicken, auf dass diese ein Jahr später für 1 Euro die Arbeit verrichten, die sie vorher voll bezahlt bekommen haben. "Aber eigentlich bekommen sie doch jetzt auch mehr als 1.000 Euro." rechnen diejenigen vor, die die 1-Euro-Jobber am liebsten zum Nulltarif zur Maloche schicken würden und mengen ALG II, Kosten zur Unterkunft, Sozialversicherung und die Entschädigung in Höhe von 1 Euro zu einem undefinierbaren "Gehaltsbrei" zusammen. Dabei vergessen sie natürlich, dass der "Arbeitgeber" nicht nur lediglich 1 Euro zahlt, sondern vielmehr auch noch Geld dafür bekommt, dass er seinen Exmitarbeiter nun für einen Bruchteil des vorherigen Gehaltes einstellt.

Alles in allem ist (fast) jeder heutzutage froh, noch eine Arbeit zu haben, wobei das Wort Arbeit hier gleichzusetzen ist mit "entlohnter Arbeit". Dass hier das Wort "fair" fehlt, ist keineswegs ein Versehen. Seit langem werden die "Arbeitnehmer" nur noch als Omegahühner gesehen, die jederzeit vom Fressnapf weggehackt werden können. Froh, dass sie wenigstens ab und zu ein Körnchen bekommen, lassen sich die Omegahühner dies gefallen - und sollten sie aufsteigen, wie beim Discounter LIDL sogar Macht als Flialleiter erhalten, so werden sie die nächsten Omegahühner weghacken.

"Sie wollen Geld, sie wollen kein Hartz IV. Also halten sie die Klappe, setzen sie sich hin, fragen sie, bevor sie aufs Klo wollen. Und vor allen Dingen: fangen sie hier nicht mit Arbeitnehmerrechten an." hieß es bei einem der "Arbeitgeber", bei denen ich knapp zwei Wochen lang beschäftigt war. Wer auf die Toilette wollte, musste sich melden und fragen; die 8-Stunden-Schicht wurde zur 10-Stunden-Schicht, Pausen wurden ausgelassen, einen Betriebsrat gab es nicht. Fragte ich die anderen, warum sie hier arbeiteten, so hieß es: "Besser als Hartz IV."

Liebe Frau Roth, liebe Politiker:

jetzt nach Arbeitnehmerdatenschutz zu rufen, bringt nichts. Denn der wird nur greifen, wenn die Arbeitnehmer (huestel) diesen nicht "freiwillig" aufgeben. Doch genau das tun die meisten Arbeitnehmer, aus Angst vor ALG II und den Schikanen, die damit einhergehen. Es wäre also Zeit, nicht nur für einen Arbeitnehmerdatenschutz, sondern für extreme gesellschaftliche Veränderungen zu plädieren - stellt sich nur die Frage, wer den Mut dazu hat.

22:10 04.04.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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