Verhindert Drückerkolonnen, legalisiert Belästigung

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Immer wenn Du denkst, es geht nicht mehr (dämlicher), kommt von irgendwoher eine Politikermeinung her.
In diesem Falle ist es die CDU-Innenpolitikerin Beatrix Philipp, die den Preis der dümmsten Argumentation gewinnt. Es geht mal wieder um das sogenannte Listenprivileg. Dieses Privileg ist, weniger euphemistisch ausgedrückt, die Erlaubnis zur Belästigung des Verbrauchers. Es ermöglicht die Nutzung von personenbezogenen Daten wie Adressangaben zu Zwecken der Werbung, Markt- und Meinungsforschung ohne Einwilligung der Verbraucher. Das Listenprivileg ist quasi die Brutstätte für all die vielen Angebote nach Art von "200.000 verifizierte Adressen zu günstigen Preisen", es sorgt beim Verbraucher für volle Briefkästen.

Egal ob günstige Weinsorten, spottbillige Kredite, Babyschühchen, Butterfahrten oder Rabatt-/Kundenkarten ... dank des Listenprivilegs kann sich auch derjenige über Post freuen, der sonst lediglich von Finanzamt, GEZ und der Hausbank kontaktiert wird. Die Couchpotato ist somit gezwungen, sich mal (so keine Papiertonne vorhanden ist) zum nächsten Altpapiercontainer zu begeben, dank der neuen Tütenversion (mehrere Werbungsblättchen in eine Kunststofftüte eingeschweißt) übt sich sogar der Tütenverweigerer in Mülltrennung ... ja, das Listenprivileg ist schon eine feine Sache.

Das denkt sich eben auch Beatrix Philipp und hat sogar noch ein zusätzliches Argument parat: Das Listenprivileg sei ja auch zum Schutz des Verbrauchers da. Denn würde dieses Privileg eingeschränkt oder gar gestrichen, so würde jeder Einzelne wahrscheinlich "Opfer der flächendeckenden Werbung" (Zitat), Drückerkolonnen würden einem die Türen einrennen und auch der Telefonspam würde zunehmen. Nun ist eine hohe Anzahl der Telefonate, bei denen dem Verbraucher Lose, Reisen oder Mitgliedschaften untergejub... pardon, angepriesen werden, sowieso bereits illegal, allzu vehemente Vertreter können durch ein Schildchen (Keine Vertreter bitte!) sowie einem kategorischen "ich kaufe nichts" abgewiesen werden, und ob die Werbung, die zuhauf in den heimischen Postkästen ihr Zuhause sucht, nun an einen persönlich adressiert ist oder nicht, dürfte auch egal sein. Wobei die nicht personalisierte Werbung dann eventuell sogar durch das "Keine Werbung einwerfen"-Schild verhindert werden kann. Doch Frau Philipp sieht das anders. Für sie ist es in Ordnung, wenn weiterhin üppige Gewinne damit eingefahren werden, den Verbraucher mit persönlicher, statt mit allgemeiner Werbung zuzumüllen.

Um die eine Belästigung zu verhindern, soll die andere also erlaubt sein bzw. bleiben. Insofern plädiere ich langsam für eine Legalisierung der Beleidigung von Politikern - sonst könnte es nämlich sein, dass sich vor lauter politischer Korrektheit und Freundlichkeit bei dem einen oder anderen auf Grund solcher Äußerungen so viel Frust anstaut, dass die Wahlkampfveranstaltungen zum Ketchup-und-Ei-Happening werden könnten.

Liebe Frau Philipp, wenn Sie sich also unbedingt zum Büttel der Werbeindustrie machen lassen wollen: gerne. Aber dann stimmen Sie doch bitte in den Chor derjenigen ein, die die drohenden Arbeitsplatzverluste und natürlich die fatalen Auswirkungen für die Finanzen des Bundes in den Vordergrund stellen. Verbraucherschutz so zu definieren, dass Belästigung Schutz vor noch größerer Belästigung sein soll, ist nun wirklich so absurd, dass es einem schwerfällt, hier nicht einen IQ-Test zu fordern.

20:58 29.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
Schreiber 0 Leser 1
Avatar

Kommentare 1