Von Der Leyens Traum von den Scheuklappen

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Wenn man sich die Debatte um die "Webseitensperrungen als Mittel gegen Kinderporno" so ansieht, dann muss das Ganze ungefähr so ablaufen: Plötzlich und unerwartet gerät man auf eine Kinderpornoseite, sieht dasBild eines vergewaltigten Kindes und denkt sich: "Wow, stimmt, das hat mir schon immer gefehlt, ich will mehr davon." Zeitgleich kauft man im nächsten Supermarkt schon die Familienpackung Lutscher ein und beginnt, wie der Fritzl aus Amsdetten, den Keller ausbruchssicher zu gestalten, um endlich auch Kindesmissbrauch zu betreiben.

Anders kann man sich die ewig gleiche Diskussion darum, dass Netzsperren helfen, nicht erklären. Als würden diejenigen, die tatsächlich darauf fixiert sind, sich an Bildern von missbrauchten Kindern aufzugeilen, nicht wissen, wo sie solches Material herbekämen, als würde es für sieirgendetwas ändern, dass nun ein paar Seiten (die nach einem Monatwahrscheinlich sowieso bereits eine neue Adresse haben, die die Runde macht) mit einem plakativen "Diese Seite enthält Kinderporno"ausgestattet werden.

Gut, derjenige, der noch nie von ausländischen Proxies gehört hat, der wird jetzt natürlich schnüffelnd vor dem Rechner sitzen und "warum? warum?" weinen (zumindest denken dies wohl einige in derBundesregierung), der Rest hat entweder sowieso kein Interesse oder bewegt sich halt gähnend auf die Systemsteuerung zu, ändert ein paar Einträge und sagt sich "tja, okay, ich musste ein klein wenig tricksen, aber was tut man nicht alles fürs Vergnügen?" Ist in etwa so wie Captcha-Eintragen oder dergleichen.

Für die meist im Bekannten- oder Verwandtenkreis sexueller Gewalt ausgesetzen Kinder bringt dies rein gar nichts, hier ist Kinderporno höchstens Abfallprodukt.

Und auch in den armen Ländern, in denen die 14jährigen sich willig anbieten, um etwas zu Essen zu bekommen, wird sich rein gar nichts ändern. Die Seitensperrungen sind da eine ähnlich absurd-schwachsinnige Angelegenheit wie der Ruf nach kontrolliertem Organhandel, den ein Professor Oberender anstieß. "Der Hungernde in Indien muss die Möglichkeit haben, seine Niere legal zu verkaufen." lautet die vollmundige Forderung - nicht etwa: "Wir müssen uns alle mal überlegen, wie alle von dem Reichtum der Welt profitieren können. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Armut in Indien dauerhaft bekämpfen können."

Aber die lächelnde Übermutter von der Leyen spielt hier erfolgreich den nützlichen Idioten für die Contentindustrie, die schon lange auf Filter gegen Urheberrechtsverstöße schielt. Entsprechende Firmen, die den Terrorfilter, den Nazifilter usw. im Angebot haben, stehen auch schon in den Startlöchern. Und Vorzeigemutti von der Leyen, im Betroffenheit-ist-wichtiger-als-Sachverstand-Modus, eignet sich wunderbar, um die Debatte auf Kinderporno zu verlagern.

Wenn erst die Polizei die Listen an die Provider gibt, ist alles gut... und wenn es dann heißt: Darf es ein wenig mehr sein? dann haben auch Musikindustrie und Co. endlich ihr Deutschlandnetz, ihr Netz der Netze, das man willkürlich einschränken kann, auf dass irgendwann nur noch dem Staat genehme Kommunikation stattfindet. Kinderporno wirds schon richten.

07:48 11.02.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Twister

Twister - Datenschützerin, Bürgerrechtlerin, Journalistin und freiberufliche Kassandra, was die Entwicklung in Bezug auf Datenschutz und Überwachung angeht :)
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